ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:04 Uhr

„Und der Spreewald ist die Mutter für mich“

Dietrich Lusici signierte Sonntagnachmittag im Lübbenauer Rathaus den Katalog zur Plakatausstellung der Werkgruppe „Life 2001“ sowie Postkarten, deren Erlös für die Erdbebenopfer gespendet werden. Am Eröffnungstag kamen 279 Euro zusammen.
Dietrich Lusici signierte Sonntagnachmittag im Lübbenauer Rathaus den Katalog zur Plakatausstellung der Werkgruppe „Life 2001“ sowie Postkarten, deren Erlös für die Erdbebenopfer gespendet werden. Am Eröffnungstag kamen 279 Euro zusammen. FOTO: Foto: Schiemenz
Lübbenau.. Er ist der Mann, der Menschen den Blick zu klären vermag. Wohl nur jenen, die sich auf ihn einzulassen bereit und in der Lage sind. Doch wer sich mit ihm und seiner Ausdrucksart auseinander setzt, findet mitunter ganz leicht den Weg zurück - zu den eigentlich wesentlichen Dingen. Von Kathrin Schreier

Fortschritt - das sei für Dietrich Lusici immer ein Schritt fort von der Natur, vom Ursprünglichen, betont Dr. Peter Jochen Winters, der am Sonntag im Rahmen der Ausstellungseröffnung „Life 2001“ die Laudatio für den Künstler sprach. Der Berliner, der über 30 Jahre FAZ-Redakteur und bis zur Wende ständig akkreditierter DDR-Korrespondent war, lernte Lusici Mitte der 80er Jahre kennen und schätzen und begleitete seinen Weg seitdem. „Er war damals oft Bote und Vermittler für jene Menschen, die das Land verlassen wollten“ , erinnert sich Luisici heute. Und auch daran, dass Winters es war, der seine erste Ausstellung an die Europäische Akademie in Westberlin vermittelte und die „heiße Ware auch“ dorthin transportierte.
Dr. Peter Jochen Winters zitiert aus dem Tagebuch Lusicis: „Und der Spreewald ist die Mutter für mich.“ Für ihn, der hier im Spreewald aufwuchs, mit ihm wuchs, nun seit seiner Rückkehr hierher allmorgendlich Kraft aus ihm schöpft. Mit seinem hochsensiblen Naturempfinden war Lusici seit jeher jeglicher Umweltpolitik voraus, warnte schon vor Jahrzehnten, nicht so leichtsinnig aus dem homogenen Kreislauf der Natur auszubrechen.

Abermaliger Ausbruch
Die ökologischen und sozialkritischen Probleme waren es, die den damals 26-Jährigen Ende der 60er bewegten und die seinen jungen Geist zum abermaligen Ausbruch brachten. Die Fragen der Demokratie, des eigenen Denkens und vor allem des verordneten Weltbildes veranlassten ihn, in den Jahren zwischen 1968 und 1975 eine Plakatsprache zu entwickeln, um für sich ganz persönlich Konflikte zu lösen. Sein Auftraggeber war also er selbst. Ungewöhnlich sein Blick nach vorn ins Jahr 2001, der eigentlich einer zurück war. Denn Lusici schaute mit dem Blick aus 2001, aus der Zukunft auf das ihn Umgebende. Der Blick machte ihm Angst. Was er damit erreichte, war eine weltweite Anerkennung seiner Arbeiten. Seine Sprache, die allein von einem Bild, wenigen Worten oder Zeichen und vor allem sehr eindeutigen Farben lebt, löste auch in der jungen DDR-Bevölkerung gewaltige Reaktionen aus. Doch Lusici stieß selbst nach der Prämierung seines Plakates „Der Fisch“ , das auf der V. Internationalen Plakat Biennale in Warschau 1974 zum Thema der UNESCO „Wasser ist Leben“ die Goldmedaille bekam, auf wenig Entgegenkommen der führenden Organe der DDR. Auf diese Weise mit seiner Kunst in die illegale Ecke getrieben, konnte er sich unter anderem auf die Hilfe einer Cottbuser Druckerei verlassen, die ihm mit dem Druck seiner Plakatkunst in Postkartenformat unter die Arme griff. In evangelischen Buchhandlungen konnten sie verkauft werden.
Wie viel inhaltliche Auseinandersetzung in jedem einzelnen der nun ausgestellten 81 Plakate steckt, lässt Lusici den Betrachter vielleicht ein wenig erahnen, indem er unter anderem auch Studien zeigt, die auf dem Weg zum eigentlichen Plakat entstanden. „Man muss umfassend und vielfältig gedacht haben, um Dinge auf den Punkt zu bringen“ , erklärt er. Mit seiner sparsamen Ausdrucksweise seiner Plakate gibt er den Menschen die Chance, dem Prozess des Sehens den des Nachdenkens folgen zu lassen. In jedem Kopf könne das Betrachtete eine, sicher in jedem Fall verschiedene, Geschichte auslösen.

Erinnerung an Gottfried Vetter
Nur wer die Natur kennt, kann Naturereignisse verstehen. Nur wer die Spielregeln kennt, kann Freude an einem Spiel haben. Nur wer Kunst verstehen kann, hat die Chance, sie zu mögen. „Life 2001“ - die Ausstellung der seit dem Wochenende in der Nikolaikirche, im Rathaus und in der Orangerie zu sehenden Werkgruppe Lusicis ist dem jahrzehntelangen Förderer, Anreger, Mentor und Beschützer des Künstlers, Pfarrer Gottfried Vetter, der im Jahr 1997 verstarb, gewidmet. Mit ihm war es bereits im Jahr 1980 auch unter den kritischen Augen des DDR-Staates möglich, Lusicis Plakatkunst in der Lübbenauer Kirche St. Nikolai auszustellen. Es sei also eine wiederholte Begegnung alter Bekannter, so Pfarrer Matthias Spikermann in seinen eröffnenden Worten am Sonntag.
„Alles menschliche Sein beginnt in Geborgenheit. Am Anfang steht die Erfahrung, dass mein Leben Sinn hat: Sinn für andere ohne meine Leistung und vor meiner Leistung. Das Lächeln, mit dem der Säugling darauf antwortet, ist ein erstes Echo dieser Bejahung. Was wir am Anfang empfangen haben, verlässt uns unser Leben lang nicht, Sinnverlangen und Sinnhoffnung werden uns stets begleiten.“ Diese Worte Helmut Gollwitzers begleiten die Abbildung des Plakates „woman“ von Dietrich Lusici, die Bestandteil seines Almanachs zu „Life 2001“ ist. Postkarten sowie kleinere Plakate des Werkes, das Lusici selbst eines der liebsten ist, waren am Sonntag zu erwerben. Die Erlöse aus dem Verkauf kommen in vollen Umfang den Opfern der Flutkatastrophe in Südasien zugute. Am 20. Februar wird um 16 Uhr in der Orangerie die audiovisuelle Vorführung von Egon Erwin Kischs „Die Himmelfahrt der Galgentoni“ gezeigt, für die Lusicis eigens dafür geschaffenen Bilder vom Cottbuser Staatstheater textlich und musikalisch verarbeitet wurden. Hier wie auch zum Benefizkonzert am 26. Februar werden die Karten und Plakate nochmals zugunsten der von der Katastrophe Betroffenen verkauft. Die Ausstellung Lusicis Werkgruppe „Life 2001“ ist bis zum 14. März zu sehen.