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| 07:16 Uhr

Angst vor Umweltschäden
Anwohner stellen Messdaten von Tornitzer Schweinemast infrage

 Mastschweine in der Schweinemastanlage Tornitz. Das Bild stammt aus dem Jahr 2015. Seitdem sei umfangreich in die Bestandsanlage investiert worden, behauptet der Bauernverband Südbrandenburg. Das wird von Anwohnern, Umweltschützern und Forschenden, denen auskunftspflichtige Behörden den Zugang zu belastbaren Daten verweigern, bezweifelt.
Mastschweine in der Schweinemastanlage Tornitz. Das Bild stammt aus dem Jahr 2015. Seitdem sei umfangreich in die Bestandsanlage investiert worden, behauptet der Bauernverband Südbrandenburg. Das wird von Anwohnern, Umweltschützern und Forschenden, denen auskunftspflichtige Behörden den Zugang zu belastbaren Daten verweigern, bezweifelt. FOTO: LR / Simone Wendler
Reuden/Tornitz. Bürger und Forscher stellen die Eigenüberwachung der Schweinemastanlage Tornitz durch den Betreiber infrage und befürchten massive Schäden für die Umwelt.

Die Massenhaltung von Schweinen in einer Bestandsanlage in Tornitz (Oberspreewald-Lausitz) bringt den Volkszorn zum Kochen. Seit Jahren.

Unerträglicher Gestank, den der Wind bis in Wohngebiete in Vetschau und weiter trage, wird beklagt. Flüchtige Stickstoffverbindungen von Schweinegülle seien gesundheitsgefährdend. Nach deutlich überschrittenen Grenzwerten für Nitrate im Grundwasser soll jetzt zwar ein Güllebehälter des Mega-Stalls saniert werden. Aber der Verdacht der Anwohner und dörflichen Nachbarn, dass die Fäkalien der Tiere auch aus den alten Fundamenten der Anlage unkontrolliert ausgeschwemmt werden, ist bisher mit verlässlichen Messdaten nicht widerlegt. Vor Verwaltungsgerichten wird um die erforderlichen Auskünfte von Behörden – vor allem des Oberspreewald-Lausitz-Kreises – gestritten, die Klarheit schaffen sollen.

Agrarfabriken geraten unter Druck

Überlagert wird der Streit um die Alltagsprobleme und Lebensqualität in Tornitz und Umgebung von der wachsenden generellen Kritik an der Massentierhaltung in Agrarfabriken wie Tornitz. Die Gemenge-Lage ist vielschichtig und höchst explosiv. Das hat auch die jüngste Bürgerversammlung in Reuden am Mittwochabend deutlich gemacht. Doch geballter Sachverstand steht ebenso im voll besetzten Raum wie fast verzweifeltes Unwissen.

Die bestehende Schweinemastanlage Tornitz ist eine Stallanlage  aus DDR-Zeiten, die 1998 unter Auflagen des Landesumweltamtes Brandenburg wieder in Betrieb genommen werden durfte. Eine Auflage: die Grundwasserüberwachung. In Eigenregie des Betreibers.

Bis zum Jahr 2013, so die Kritiker der Anlage, sei diesbezüglich nichts passiert. Die Wasserbehörde des zuständigen Landkreises Oberspreewald-Lausitz habe keine Kontrolle ausgeübt. Dennis Niemann, Student der Brandenburgischen-Technischen Universität (BTU) Cottbus – Senftenberg, der gemeinsam mit Sabrina Schmidt am Beispiel dieser Stallanlage zu den gesetzlichen Grundlagen der staatlichen Grundwasserüberwachung für private Landwirtschaftsbetriebe forscht, hat bis heute keinen Zugang zu den nach dem Umweltinformationsgesetz öffentlichen Messdaten zu Tornitz erhalten. Der Fall ist vor Gericht anhängig.

Messen an den falschen Stellen?

Die Bürgerinitiative Schweinewind, die den Betrieb der bestehenden Schweinemastanlage – unterstützt von Naturschützern und weiteren wissenschaftlichen Einrichtungen – hartnäckig hinterfragt, behauptet: Die Grundwassermessstellen, die in Eigenregie des Betreibers eingerichtet worden sind, seien nicht sinnvoll platziert und könnten keine aufschlussreichen Daten liefern. In Anström-Richtung des Grundwassers vor den Ställen liege demnach gar keine Messstelle. An einem Punkt in der Abström-Richtung seien im Grundwasser 181 Milligramm Stickstoff je Liter gemessen worden. Der Grenzwert liege bei 50 Milligramm je Liter. Später seien Messwerte von 45 Milligramm je Liter aufgetaucht. Diese großen Schwankungen in den Messungen seien wissenschaftlich nicht erklärbar. Das sagt Werner Kratz, der Vize-Vorsitzende des Landesverbandes Brandenburg des Naturschutzbundes Deutschlands (Nabu). Er kritisiert: Eine staatliche Kontrolle durch ein zertifiziertes Landeslabor an den entscheidenden Punkten um die Anlage gebe es nicht. Das verlange das Gesetz auch nicht. „Das aber könnte leicht Klarheit schaffen“, betont Kratz. Adressat ist Umwelt- und Landwirtschaftsminister Jörg Vogelsänger (SPD), der das in der Hand habe.

Noch mehr kritische Fälle

Im jüngsten Landwirtschaftsausschuss des Landtages Brandenburg hatte der Abteilungsleiter im Ministerium, Kurt Augustin, erst wenige Stunden vor dem Bürgertreffen in Reuden erklärt: In Brandenburg gibt es offenbar nicht nur in Tornitz Probleme bei der Überwachung von Jauche- und Güllebehältern. Deshalb sei am Dienstag eine Weisung an alle Kreis-Wasserbehörden des Landes geschickt worden. Sie sollten zunächst alle Jauche-, Gülle- und Sickerwasseranlagen im Land erfassen, denn derzeit sei offenbar nicht einmal bekannt, wie viele derartige Anlagen es in Brandenburg überhaupt gebe.

Sanierung in Tornitz im Zeitplan

Die neue Weisung sieht laut Augustin vor, dass die Wasserbehörden die Betreiber der Anlagen noch einmal auf ihre Verpflichtungen zur Überwachung der Anlagen hinweisen sollten. „Das ist bislang noch nicht so stringent durchgezogen worden“, räumt Augustin ein. Sollte an einer Anlage der Verdacht der Undichtigkeit entstehen, sei eine Überprüfung durch einen Sachverständigen anzuordnen. Zum konkreten Fall Tornitz gibt es in Potsdam indes keine neuen Erkenntnisse: „Die Sanierung der Anlage dort bleibe im Zeitplan“, sagt Kurz Augustin.

Die verärgerten und besorgten Bürger in Tornitz und Umgebung  befürchten, dass mit der geplanten Sanierung des einen als undicht eingeräumten Güllebehälters der Schweinemastanlage nun Umweltstraftatbestände vertuscht werden sollen.

Abgeordnete im Landtag hat der Bericht aus dem Ministerium hellhörig gemacht: „Ich finde es schon bedenklich, wenn nun festgestellt wird, dass die Eigenüberwachung nicht richtig funktioniert“, sagt der Linke-Abgeordnete Carsten Preuß.

 Mastschweine in der Schweinemastanlage Tornitz. Das Bild stammt aus dem Jahr 2015. Seitdem sei umfangreich in die Bestandsanlage investiert worden, behauptet der Bauernverband Südbrandenburg. Das wird von Anwohnern, Umweltschützern und Forschenden, denen auch auskunftspflichtige Behörden den Zugang zu belastbaren Umweltdaten verweigern, bezweifelt. 
Mastschweine in der Schweinemastanlage Tornitz. Das Bild stammt aus dem Jahr 2015. Seitdem sei umfangreich in die Bestandsanlage investiert worden, behauptet der Bauernverband Südbrandenburg. Das wird von Anwohnern, Umweltschützern und Forschenden, denen auch auskunftspflichtige Behörden den Zugang zu belastbaren Umweltdaten verweigern, bezweifelt.  FOTO: LR / Simone Wendler