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Trecks, Tragödien und Tausende Tote

Auf der Kriegsgräberstätte Neupetershain-Nord findet am Sonntag, 26. April, das Mahn-Gedenken statt. Am Volkstrauertag 2012 ist dort ein Gedenkstein eingeweiht worden organisiert und finanziert von Horst Kittan.
Auf der Kriegsgräberstätte Neupetershain-Nord findet am Sonntag, 26. April, das Mahn-Gedenken statt. Am Volkstrauertag 2012 ist dort ein Gedenkstein eingeweiht worden organisiert und finanziert von Horst Kittan. FOTO: Uwe Hegewald/uhd1
Neupetershain. Gedenken an die Toten: Kommenden Sonntag, 26. April beginnt um 10 Uhr auf der Kriegsgräberstätte in Neupetershain-Nord aus Anlass des 70. Jahrestages der Kämpfe in und um Petershain ein Mahn-Gedenken statt. Im April 1945 lieferten sich deutsche und sowjetische Soldaten heftige Kämpfe, Flüchtlinge gerieten dazwischen. Tausende starben. Uwe Hegewald / uhd1

Etwa 2000 gefallene deutsche und sowjetische Soldaten sowie zahlreiche Zivilpersonen, die auf ihrer Flucht zwischen die Fronten geraten sind, waren bei den Kämpfen im April 1945 zu beklagen. "Etwa zwei Drittel der Opfer sind auf der Kriegsgräberstätte in Neupetershain-Nord bestattet worden. Gefallene Angehörige der Roten Armee wurden nach provisorischer Bestattung in Petershain auf dem Südfriedhof in Cottbus beigesetzt", erzählt Horst Kittan.

Der in Petershain Aufgewachsene hatte die Momente dieses dunkelsten Dorfkapitels miterlebt und in einem Buch festgehalten. "Die Russen kommen - Eine Dorf- und Familiengeschichte" lautet der Titel der 353-seitgen Publikation. Sie wurde 2009 vom Regia-Verlag herausgegeben und ist inzwischen über 1000 Mal verkauft worden. In dem Buch beschreibt er, wie er als Zehnjähriger die damalige Situation in Petershain wahrgenommen hat.

Kittans Flucht

"Auf der Chaussee ziehen am Montag, 16. April Kolonnen von Flüchtlingen und Wehrmacht in Richtung Senftenberg. Der Frontlärm aus Osten nimmt zu. Es wird höchste Zeit für eine Entscheidung", schreibt Horst Kittan. Diese wurde einen Tag später gefällt und lautete Flucht. "Es ging alles sehr schnell. Hätten wir gewusst, dass zu dieser Zeit bereits die Schlacht auf den Seelower Höhen mit dann 33 000 russischen und 15 000 deutschen Toten tobt - wir hätten Flügel bekommen", erinnert er sich. Fast eine Viertelstunde benötigt die sechsköpfige Familie mit Vater (59), Mutter (41) Schwester (25) sowie zwei Tanten (61 und 66 Jahre) sowie der zehnjährige Horst, um sich in den Flüchtlingstreck der heutigen B 169 einreihen zu können. "Jetzt waren wir richtige Flüchtlinge. Wie jene aus Ostpreußen und Niederschlesien, die wir wenige Tage zuvor lieber gehen als kommen sahen", so Horst Kittan.

16-Jährige sollen Ort verteidigen

Mit Fahrrädern, Handwagen und wenig Hab und Gut sucht auch Familie Balke die Flucht. Diese dürfte dem damals 16-jährigen Hartwin Balke das Leben gerettet haben. Er war dem Volkssturm zugeteilt und sollte mit dem gleichaltrigen Siegfried Gurk an der stark frequentierten Reichsstraße (heute B169) mit einem Maschinengewehr und Panzerfäusten Stellung halten. Permanent über ihre Köpfe dröhnende Tiefflieger, der massive Flüchtlingsstrom, die Info, dass die Rote Armee an mehreren Fronten durchgebrochen sei, ließ bei den beiden Jungen den Entschluss reifen, ihren Posten aufzugeben. "Wir mussten jeden Augenblick damit rechnen, von einem Wehrmachtsfahrzeug aufgegriffen und mitgenommen zu werden", berichtet der heute 86-Jährige. Mit seinem Leidensgefährten Siegfried hatte er die Stellung unbrauchbar gemacht und sich seiner über die Elbe flüchtenden Familie angeschlossen. "Immer mit der Angst, aufgrund der Uniform von Russen, Amerikanern aber auch von deutschen Feldjägern festgenommen zu werden. Die kannten bei Fahnenflüchtigen keine Gnade", blickt Hartwin Balke zurück. Welche entsetzlichen Kriegsereignisse sich im Heimatdorf Petershain am 21./22. April 1945 zugetragen haben, erfuhr die Familie erst nach ihrer Rückkehr im Juni .

Sterben auf Todeswiesen

Mehr als 15 000 deutsche Soldaten versuchten, aus dem belagerten Spremberg nach Westen zu entkommen. Darunter Einheiten der Waffen-SS-Division "Frundsberg" und der Führer-Begleitdivision, sowie zahlreiche Zivilisten. Am 21. und 22. April zog sich der Ring der Roten Armee um die riesige Marschkolonne im Raum Kausche-Petershain zusammen. Tausende Soldaten und um ihr Leben bangende Flüchtlinge versuchten, sich über teilweise ungeschütztes Terrain in Sicherheit zu bringen. Sie gerieten dabei unter Beschuss. Von Historikern sind die drei, seinerzeit mit Opfern übersäten Flächen als "Todeswiesen" bezeichnet worden.

Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass rettet sich in Petershain. "Weiß nicht, wie das Dorf hieß, in dem wir heil, wenn auch hungrig, die deutsche Linie erreichten. Hieß es Peterlein? Oder stand ein anders Dorf, durch das wir uns später zurückzogen, unter diesem niedlichen Namen?", schrieb der am 13. April 2015 verstorbene Günter Grass in seinem autobiografischen Werk "Beim Häuten der Zwiebel" (2006).

Darin gestand der Literatur-Nobelpreisträger erstmals öffentlich, dass er mit 17 Mitglied der Waffen-SS wurde und in der 10. SS-Panzer-Division "Frundsberg" gedient hatte. In "Peterlein" entledigte sich Grass seiner Jacke mit dem verräterischen Kragenspiegel, schlüpfte in eine Wehrmachtsjacke. Nach kurzzeitigem Arrest und einer Verwundung verlässt Grass die Lausitz, die er Anfang der 90er Jahre noch zweimal besuchte: "Blieb für einige Tage zuerst in Cottbus, wo bereits ein Schwarm Handelsvertreter als Vorboten des Kapitals das Hotel besetzt hatte, danach in Altdöbern, wo ich mich bei einer Witwe mit ältlicher Tochter in Frühstückspension einquartierte."

Werner Labsch erlebt Schlacht

Am 15. April 1945 feierte Werner Labsch seinen 8. Geburtstag. Zu einer Geburtstagsfeier sollte es jedoch nicht mehr kommen. Sein Vater, der ihm am Morgen noch gratulierte und ein paar Kekse schenkte, musste sich beim Volkssturm melden. "Vater verlässt uns kurz darauf mit dem Fahrrad, um diese Aufforderung nachzukommen. Das war, meine letzte Begegnung mit ihm als Lebenden", so Labsch, dessen Vater Ende April unweit des Flugplatzes Welzow tot aufgefunden wurde.

Auf ihrer Flucht wurde die Familie von der Front überrollt. Sie suchte Schutz in Schützengräben, sah russische Panzer anrollen und später "Soldaten in fremder Uniform mit auf uns gerichteter Maschinenpistole über uns". "Offensichtlich hatten uns die neben den Schützengräben liegenden Fahrräder verraten. Das mag aber auch unser Glück, unsere Lebensrettung gewesen sein. Denn dadurch hatten uns die Russen gleich als Zivilisten erkannt und nicht erst einmal eine Handgranate zur Aufklärung der Lage in unser Versteck geworfen", so Werner Labsch, früherer Bundestagsabgeordneter und Bürgermeister der Stadt Cottbus.

"Werner Labsch und seine Familie haben die ganze Grausamkeit des Krieges kennen gelernt", kommentiert Horst Kittan die Schilderungen des späteren Politikers in seinem Buch. Betroffenheit klingt in seinen Worten mit. 2012, drei Jahre nach Erscheinen des Buches, verstarb Werner Labsch im Alter von 75 Jahren.

Zum Thema:
"Alle, die Frieden stiften und Krieg nie wieder zulassen wollen, sind herzlich eingeladen", heißt es auf dem Plakat anlässlich des Mahngedenkens zum 70. Jahrestage der Kämpfe in und um Petershain. An Kreuz und Mahnmal auf der Kriegsgräberstätte in Neupetershain-Nord werden am Sonntag, dem 26. April (10 Uhr) Pfarrer Hans-Christoph Schütt, Bürgermeister Wolfgang Müller sowie Zeitzeuge und Autor Horst Kittan mit Worten an die furchtbaren Geschehnisse im kleinen Dorf im April 1945 erinnern.