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Zu wenige Storchen-Junge
Die Flaute in Lausitzer Storchennestern hält an

Raddusch. Immer weniger Störche in der Lausitz: Der Bestand der heimischen Großvögel nimmt in Südbrandenburg dramatisch ab, sagt Vogelkundler Wolfgang Köhler zu LR-Online. Todesfallen für die Störche lauern zunehmend am Straßenrand. Von Kathleen Weser

Die Flaute in den Lausitzer Storchennestern hält an. Der Bestand der Großvögel geht in Südbrandenburg weiter zurück. Das bestätigt Wolfgang Köhler (77) aus Raddusch, der langjährige Storchenbeauftagte für die Region, mit dem Blick auf die nun frisch aufbereitete Jahres-Statistik 2017. Der Vogelkundler sammelt seit dem Wendejahr alle Daten und Fakten zum Großvogel zwischen dem Berliner Speckgürtel und der Landesgrenze zu Sachsen, die in der Fläche von den lokalen Storchenvätern zusammengetragen werden, und wertet diese aus.

Noch reproduziert sich die Weißstorch-Population in Brandenburg knapp selbst – allerdings längst nicht mehr im hiesigen Süden. „Inzwischen haben wir weit mehr Horste und auch Nisthilfen, als besetzt werden“, stellt Wolfgang Köhler fest. Der Verlust an feuchten Biotopen und von Brachflächen mit geringem Aufwuchs, die dem Storch die Sicht auf den Boden und damit auf Nahrung vom Insekt bis zur Ratte gewähren, vertreibt die Vögel. Der großflächige Raps- und Maisanbau entzieht dem Weißstorch zudem die Lebensgrundlage. Die intensive Landwirtschaft mit dem Einsatz von Pflanzenschutz- und auch wachstumsfördernden Mitteln drängt Kleinstlebewesen in Feld und Flur zurück. Der Gemüseanbau unter Folie nimmt zu. Adebar jagt etwa im Umkreis von zehn bis maximal 20 Kilometern um den Horst. Die nach drei bis vier Jahren geschlechtsreifen Störche kehren zwar in die Region des elterlichen Nestes zurück, lassen sich aber in an Nahrung armen Gegenden nur schwer dauerhaft nieder. Das ist in der Lausitz stark zu spüren.

„Das Storchenjahr 2017 geht in die Historie als Störungsjahr ein. Der Gesamtbruterfolg (JZa) lag bei 1,6 Jungen je Paar. Dieser Wert ist zu gering, um langfristig die Population zu sichern“, erklärt Wolfgang Köhler. Zwei Junge müssten in jeder der Lausitzer Kinderstuben aufwachsen. An dem Wert ist letztmals 2011 gekratzt worden, als noch 1,95 Junge je Adebarpaar ausflogen. Vergleichbar ist dieser Sommer mit dem des Jahres 1995, einem Störungsjahr mit identisch magerer Paarungsrate in den Nestern.

Die Entwicklung der vergangenen 20 Jahre bezeichnet der Storchen-Experte aus dem Spreewald als dramatisch: Erbrüteten 372 Horstpaare im Jahr 1995 noch 593 Storchenjunge, so haben in diesem Sommer nur noch 292 Horstpaare insgesamt 470 Rotstrümpfe gezeugt und groß gezogen. Das ist ein Rückgang um 21,5 Prozent. Noch deutlicher ist der Verlust im Altkreis Cottbus. Hier reduzierte sich der Brutbestand von 83 Paaren im Jahr 1995 auf 50 in diesem Jahr. Das entspricht 60,2 Prozent abwärts. Auch im Landkreis Landkreis Dahme-Spreewald minimieren sich die Brutbestände – im Altkreis Lübben von 77 auf 63, im Altkreis Königs Wusterhausen von 13 auf neun und im Altkreis Luckau von 29 auf 28 Horstpaare. Im Elbe-Elster-Land sind die Brutpaare indes annähernd konstant geblieben – im Altkreis Bad Liebenwerda von 27 auf 30 und im Altkreis Herzberg von 28 auf 30 erhöht, aber im Altkreis Finsterwalde von 18 auf 16 Paare reduziert. Der größte Storchenschwund ist im Landkreis Oberspreewald-Lausitz im Raum Senftenberg zu verzeichnen. Von 23 Paaren im Jahr 1995 sind noch 14 geblieben. Wolfgang Köhler aber kann dem Storchenjahr 2017 hier etwas Positives bescheinigen: Das Brutergebnis ist in diesem Sommer mit 2,2 Jungen je Paar überdurchschnittlich und lausitzweit das Beste gewesen. Die Population freilich rettet das noch lange nicht. Auch im Altkreis Calau sind in den vergangenen 20 Jahren weniger Störche eingeflogen. Die Brutpaare reduzierten sich von 33 auf 29.

Extreme Wetterlagen erschweren den Storchenpaaren in der Lausitz die Aufzucht der Jungen enorm. Das Massensterben von nestjungen Weißstörchen im Jahr 2013 verkraftet die Population nur schwer, bestätigt Wolfgang Köhler. Zwei Dauerregen-Perioden hatten im Mai und Juni 455 Junge dahingerafft. Allein 345 Tiere starben damals innerhalb von zwei Tagen in den Nestern, als sehr kalte Sommernächte über Südbrandenburg hereinbrachen. Denn die Storcheneltern waren nicht in der Lage, den Nachwuchs mit der eigenen Wärme zu schützen. Dieser Verlust beim Nachwuchs ist mit 81,3 Prozent bisher beispiellos gewesen.

Naturfreund Wolfgang Köhler mahnt auch deshalb den Klimaschutz durch eine konsequente Energiewende an. Und die Städte und Gemeinden sollten die Grundstückseigentümer mit Storchenhorsten bei der Nestpflege unterstützen. Denn der Wasserabfluss und das Durchlüften der alten Horste tragen ebenso aktiv zum Storchenschutz bei wie das Beseitigen von Folien und Bindegarn aus der Landschaft.

Mit 111 toten Nestlingen sind die Verluste allein dieses Sommers sehr hoch. „Das ist das Ergebnis von Nahrungsmangel und Starkregen“, stellt Wolfgang Köhler fest.Fast jede dritte Brut sei erfolglos geblieben, bei 77 Paaren (26,4 Prozent) blieb die Kinderstube leer.

Dramen haben sich naturgemäß bei Revierkämpfen abgespielt. 42 Eier wurden dabei aus Lausitzer Nestern geworfen. In einer Gartensparte in Lübbenau ist ein schon flügger Jungstorch durch Schimmelpilze gestorben. Ein Verkehrsopfer ist in Luckau zu beklagen. „Die Zunahme dieser Todesfälle ist auffällig“, sagt Wolfgang Köhler. „Die Störche suchen in den Straßengräben nach Futter, weil in der Natur immer weniger zu finden ist“, klärt er auf. Todesfälle an Mittelsspannungsfreileitungen sind rückläufig. Die Energieversorger investieren in den Vogelschutz. Trotz vorhandener Büschelabweiser haben sich aber Altstörche auf Strommasten in Gruhno (Finsterwalde) und Gröditsch (Lübben) tödlich verletzt. Beide Energieanlagen werden nun mit Schutzhauben nachgerüstet. Denn die Büschelabweiser haben sich nicht bewährt, sagt auch der Storchen-Experte.

Zur Todesfalle für Störchen werden nach wie vor auch immer wieder liegen gelassene Bindegarne, die in der Landwirtschaft verwendet werden. Einem Anwohner in Schönewalde bei Lübben ist zu verdanken, dass zwei Storchenjunge von den Fesseln befreit werden konnten und überlebten. Im Vorjahr war ein Jungstorch in Lübbenau der Selbstfesselung zum Opfer gefallen. „Das Garn, das Landwirte achtlos in der Landschaft hinterlassen, wird von den Altvögeln ins Nest getragen. Dort hat es sich ein Junges beim Spielen um die Läufe gewickelt“, erklärt der Vogelkundler. Zum Koten stellen sich die Jungen an den Rand des Nestes. Dabei muss der umwickelte Storch das Gleichgewicht verloren haben und abgestürzt sein.

„Da sich die Nahrungsbedingungen für die Störche auch in Zukunft nicht verbessern werden, müssne Störungen an den Brutstätten vermieden werden“, fordert der Storchen-Fachmann. Wolfgang Köhler ist verärgert darüber, dass „immer wieder Feuerwerke in der Nähe von Brutstätten genehmigt werden“. Mit gutem Beispiel gehe das Ordnungsamt in Plessa (Elbe-Elster) beim Storchenschutz voran: Die Behörde segne von April bis August keine künstlichen Knallereien ab.