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Tiefbauer stoßen auf altes Fließbett

Jahrhunderte alt sind die Kanthölzer, die Tiefbauer in der Karl-Marx-Straße entdeckt haben.
Jahrhunderte alt sind die Kanthölzer, die Tiefbauer in der Karl-Marx-Straße entdeckt haben. FOTO: Jens Lipsdorf
Lübbenau. Meterlange Bauhölzer für Hausfundamente und Uferbefestigungen haben Tiefbauer in der Karl-Marx-Straße in Lübbenau freigelegt. Für den beauftragten Archäologen lassen die Funde Rückschlüsse auf Fließverlauf und ehemalige Uferbebauung zu. Daniel Preikschat

Es gibt derzeit in Brandenburg keine andere Baustelle, die für Archäologen so interessant ist. Da ist sich Jens Lipsdorf sicher. Sein Büro für Archäologie und Denkmalpflege in Neuhausen/Spree wurde beauftragt, in der Karl-Marx-Straße kulturhistorisch wertvolle Funde zu dokumentieren und zu katalogisieren. Seit im Mai zwischen Torbogenhaus und Kamske zwei Abschnitte der Straße aufgerissen und alte Leitungen freigelegt wurden, hat Lipsdorf hier viel zu tun.

Sehr alt sind besonders die Funde nahe dem Spreewaldmuseum. Alle zwanzig Zentimeter fanden sich im Untergrund der Straße drei Meter lange Kanthölzer, die ins Erdreich versenkt wurden. Untersuchungen ergaben, dass die Hölzer von Bäumen stammen, die im 14. Jahrhundert gefällt wurden. Auf ihnen standen direkt am Fließ Häuser, ist Lipsdorf sicher, darunter vermutlich auch Gerberhäuser mit terrassenartigen Vorbauten. Darauf lasse auch die Bezeichnung Gerbergasse schließen. Sie zweigt von der Karl-Marx-Straße ab.

Zweieinhalb bis drei Meter breit sei das Fließ gewesen und einen Meter tief, worauf erhaltene Bohlen-Uferbefestigungen und Erdverfärbungen schließen lassen. Fast zu jedem anliegenden Haus gab es - vergleichbar mit Garagenzufahrten heute - Fließabzweige. In das Besiedlungsbild passen Keramik- und Knochenfunde. Hausabfälle, so Jens Lipsdorf, seien damals einfach ins Fließ entsorgt worden.

Das Fließ, so der Archäologe und Kunsthistoriker, zog sich vom Torbogenhaus mindestens bis zur Kamske. Denn in beiden Bauabschnitten in diesem Bereich seien entsprechende Funde gemacht worden. Nördlich und südlich des Fließes weisen alte Flurkarten Feuchtwiesen aus, die sich für eine Bebauung nicht geeignet haben. Nur entlang des Wasserlaufes ließen das die Bodenverhältnisse zu.

Wie das Fließ verlief, verrät zum Teil der Verlauf der Häuserzeilen. So beschreiben etwa zwei leer stehende Barockhäuser einen Knick. Der leichte Fließschwenk Richtung Süden in Höhe des Autohauses Lowka indes lasse sich nur dank der Uferbefestigungsfunde nachvollziehen.

Zum Glück halte sich Holz in Grabensystemen Jahrhunderte, so Lipsdorf. Erst Sauerstoffzufuhr beschleunige die Zersetzung. Ein Teil der so noch erhaltenen Lübbenauer Funde werde im Archiv des Landesamtes für Denkmalpflege in Wünsdorf gelagert, vielleicht aber auch einmal in Lübbenau gezeigt.

Jens Lipsdorf freut sich schon darauf, bis voraussichtlich März nächsten Jahres auch den dritten Bauabschnitt zwischen Gerbergasse und Bergstraße archäologisch durchforsten zu dürfen. Erkenntnisse erhofft er sich zudem durch den Bau eines Parkplatzes an der Karl-Marx-Straße nahe des Blumenladens. Hier könne etwas weiter abseits der Straße ins Erdreich vorgestoßen werden. Jens Lipsdorf: "Dadurch können wir vielleicht sogar die Grundrisse ehemaliger anliegender Häuser rekonstruieren".