Von Henry Berner

Enttäuscht, traurig, frustriert. Das sind die Reaktionen der Kundschaft, die Kerstin Lemke in Lübbenau in ihrem Reisebüro wahrnimmt. „Dass es nach der Germania-Pleite jetzt wieder so dicke kommt“, bewegt die Geschäftsführerin.

Versicherung nicht zu erreichen

Nach Bekanntwerden der Insolvenz ging am Mittwoch fast nichts mehr. Die Internetseite der Versicherung, über die die Formulare gesendet werden müssen, ist überlastet. Auch telefonisch gibt es oft nur eine Bandansage. Bis jetzt besteht laut Lemke „keine Chance“, die Versicherung persönlich zu erreichen.

Sie begegnet der Situation mit mehr Arbeitskräften. In ihrem Reisebüro sind alle Mitarbeiterstühle besetzt. Die Geschäftsführerin hat ihre 30-Stunden-Kräfte mit eingespannt. Das ist nötig, angesichts des Kundenandranges in ihren Räumlichkeiten im Lübbenauer Kolosseum.

Reisebüro handelt Alternativen aus

Das Reisebüro ruft ihre Kunden persönlich an und informiert. „Wir wickeln für unsere Kunden alles ab“, sagt Lemke. Der Aufwand hat sich gelohnt: Für all ihre betroffenen Kunden konnten die Unterlagen eingereicht werden. Jetzt heißt es abzuwarten.

Als privates Reisebüro trifft die Thomas-Cook-Pleite das Unternehmen selbst nur begrenzt, da es nicht auf einen Anbieter spezialisiert ist. Wenn möglich werden Alternativ-Reisen ausgehandelt. Doch kurzfristig einen Ersatzurlaub zu stemmen, ist für die wenigsten möglich. „Die Preise steigen stündlich.“ Da die meisten ihrer Kunden Frühbucher sind, übersteigen die jetzigen Preise das Budget vieler. In fünf von 20 Fällen wird neu gebucht, schätzt Lemke ein.

Pleite trifft Hochzeitsreise

Mitunter fließen bittere Tränen. Besonders nah ging Lemke eine gestrichene Hochzeitsreise. Auch Eltern, die ihren Kindern den Urlaubsausfall beibringen müssen, haben es schwer. Die Geschäftsführerin weiß, dass viele Leute für ihren Urlaub sparen müssen. „Für die meisten ist Urlaub nur einmal im Jahr möglich.“ Trotz der schwierigen Situation begegnet Lemke keine Feindseligkeit: „Ihr könnt ja auch nichts dafür“, sagen ihr die Kunden immer wieder.

Die Geschäftsführerin hilft nicht nur, sie ist auch selbst betroffen. Schon im Januar hat sie über Öger-Tours eine Woche Urlaub in der Türkei gebucht, den sie mit ihrem Sohn in den Herbstferien verbringen wollte. Da sie nicht verzichten wollte, hat sie Donnerstagvormittag zu schlechteren Konditionen eine neue Reise gebucht. Statt Zimmer mit Meerblick gibt es das Zimmer nun zur Landseite. Statt sieben, sind jetzt nur noch sechs Nächte für sie möglich. Hätte sie Donnerstagnachmittag gebucht, wäre selbst diese Variante schon 200 Euro teurer gewesen.

Gute Informationspolitik von Thomas Cook

Auch in Luckau standen die Tage im Zeichen der Thomas-Cook-Pleite. „Zuerst war es schockierend“, sagt Kay Faatz vom B & F Reisebüro in Luckau. Thomas Cook ist ein Leitveranstalter des Reisebüros, das nicht konzerngebunden ist. Faatz’ Kundschaft hat die Ereignisse dennoch „besonnen aufgefasst, hier gab es niemanden, der mit Schnappatmung in das Büro gekommen ist“. Die Hauptaufgaben des Büroleiters bestanden in den vergangenen Tagen folglich vor allem aus Einordnen und Erklären. Dass das laufen konnte, liegt laut Faatz an der „guten Informationspolitik von Thomas Cook“.

Womit lässt sich die Pleite von Thomas Cook in England vergleichen? Von der Größenordnung ist es so, als würde Daimler in Deutschland insolvent gehen, sagt Faatz. Für ihn ist die Pleite „ein Vorgeschmack auf den Brexit“. Für 22 000 Mitarbeiter ist die berufliche Zukunft seit dieser Woche ungewiss. „Eine mittelgroße Stadt“, verdeutlicht er die Dimension.