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| 18:02 Uhr

Eine literarische Reise in den Spreewald
Von kühlen Stränden und sauren Gurken

  2019 ist Theodor Fontane in aller Munde. Doch auch andere Schriftsteller haben über den Spreewald geschrieben. Foto: Akugasahagy/shutterstock.com
2019 ist Theodor Fontane in aller Munde. Doch auch andere Schriftsteller haben über den Spreewald geschrieben. Foto: Akugasahagy/shutterstock.com FOTO: Akugasahagy/shutterstock.com
Lübben/Lübbenau. 2019 wäre Theodor Fontane 200 Jahre alt geworden. Seine Beschreibungen prägen noch immer das Bild vom Spreewald. Doch er war nicht der Einzige, der über die Gegend schrieb. Zwei Lübbenerinnen passen gut zum Schriftsteller.

„Es ist Sonntag, die Arbeit ruht, und die große Fahrstraße ist verhältnismäßig leer; nur selten treibt ein Kahn an uns vorüber, mit frischem Heu beladen oder mit Fischernetzen umstellt. Burschen und Mädchen handhaben das Ruder mit gleichem Geschick.“ Mit diesen Worten beschreibt Theodor Fontane seine Kahnfahrt durch den Spreewald. 1859 – der Dichter ist gerade aus London nach Berlin zurückgekehrt – reist er für ein paar Tage in den Spreewald. Seine Eindrücke hält er, zusammen mit anderen Reiseerinnerungen ins Brandenburgische, in dem Buch „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ fest.

Fontane-Jahr ist Anlass für viele Aktionen im Spreewald

Theodor Fontane wäre 2019 200 Jahre alt geworden, ein Anlass, der für zahlreiche Ausstellungen und thematische Führungen und Veranstaltungen Ausgangspunkt ist.

Im Freilandmuseum Lehde ist noch bis zum Ende der Museumssaison im Oktober eine Open-Air-Ausstellung zu sehen. Denn vor 160 Jahren hat der Dichter das Spreewalddorf besucht und in einem Reisebericht beschrieben: „Wir haben Lehde, das erste Spreewalddorf erreicht. Es ist ein bäuerliches Venedig, die Lagunenstadt in Taschenformat, ein Venedig wie es vor 1500 Jahren gewesen sein mag.“

 Im Obstgarten des Freilandmuseums Lehde sind Zitate von Fontanes Reisebericht in den Spreewald auf Schautafeln ausgestellt.
Im Obstgarten des Freilandmuseums Lehde sind Zitate von Fontanes Reisebericht in den Spreewald auf Schautafeln ausgestellt. FOTO: LR / Liesa Hellmann

„Es ist sicherlich kein Zufall, dass Fontane in Lehde war, wie es auch kein Zufall ist, dass hier das Freilandmuseum steht“, sagt Jenny Linke von der Presseabteilung der Museen des Landkreises Oberspreewald-Lausitz. „Lehde und Leipe waren schon damals Orte, die man als Tourist besucht hat.“

Fontane unternahm im Spreewald touristisches Standardprogramm

 Zu Fontanes Zeit war der Spreewaldtourismus noch nicht etabliert, begann sich aber langsam zu entwickeln. Spätestens mit Paul Fahlisch wurde der Spreewald in Berlin ein Begriff, der nicht mehr nur mit Gurken, sondern auch mit Ausflügen verbunden wurde.

Der Lübbenauer Historiker machte in den 1880er-Jahren in Berlin Werbung  für touristische Kahnfahrten, unter anderem an dem damals weit verbreiteten Litfaßsäulen, erklärt Jenny Linke.

 So könnte Theodor Fontane Lehde gesehen haben, als er das Dorf im Sommer 1859 besucht hat.
So könnte Theodor Fontane Lehde gesehen haben, als er das Dorf im Sommer 1859 besucht hat. FOTO: LR / Liesa Hellmann

„Fontane unternimmt gewissermaßen das touristische Standardprogramm im Spreewald“, sagt Linke. Allerdings bevor es populär war.

Fontanes Reisebeschreibung prägt deshalb das Bild vom Spreewaldurlaub noch heute. Von Berlin reiste der Dichter nach Lübbenau, unternimmt dort einen Stadtspaziergang und besucht einen Gottesdienst. Nachhaltig beeindrucken ihn die Trachten, die für viele auch heute stoffgewordenes Symbol des Spreewalds sind. Dann unternimmt er eine Kahnfahrt – auf der populären Tour Lübbenau-Lehde-Leipe-Hochwald.

Fontanes Texte im Kontext des Spreewaldes

„Mit der Ausstellung im Obstgarten möchten wir den Besuchern ermöglichen, Fontanes Texte im Kontext der beschriebenen Orte zu lesen“, erklärt Jenny Linke. Zu den Textausschnitten werden historische Fotos und Postkarten gezeigt.

Als „Glücksgriff“ erwies sich dafür eine Mappe des Cottbuser Fotografen Richard Klau. „Er lebte zwar etwas später als Fontane, aber er hat die Trachten der Spreewalddörfer dokumentarisch festgehalten, zum Teil im Studio, zum Teil in den Dörfern“, sagt Linke. Noch bis zum 19. Mai sind seine Fotos im Museum Schloss und Festung Senftenberg zu sehen.

Die Texttafeln im Freilandmuseum zeigen nur eine Auswahl an Fontane-Zitaten. Der ironische Unterton, der seinem Reisebericht zu einem unterhaltsamen Stück Literatur macht, wird dadurch allerdings nicht deutlich. Denn Fontane lässt sich nicht nur in fast romantischem Ton über die Schönheiten des Spreewalds aus, und nicht alle Orte der Region werden mit italienischen Küstenstädten verglichen.

Golßen kommt bei Fontane nicht gut weg

Lübben kommt bei Fontane noch gut weg, als „freundliches Städtchen“ voller Oleanderbäume, an dem sich die Berliner „Bauherren und Baumeister“ ein Beispiel nehmen sollten. Während Luckau und Dahme für Fontane gar nicht erst der Erwähnung wert sind, kann sich Golßen glücklich schätzen, immerhin genannt zu werden – wenn auch nicht besonders schmeichelhaft. Der Name erinnere ihn an eine „Streusandbüchse des Heiligen Römischen Reiches“, die in Orten wie Golßen „nicht bloß als Witzwort, sondern in aller sandigster Wirklichkeit fortexistiert“. Der Dichter freut sich deshalb, dass ihn eine „Nachtpost“ nach Lübbenau bringt und er somit Golßen nicht zu Gesicht bekommen geschweige denn dort aussteigen muss.

 Im Obstgarten des Freilandmuseums Lehde sind Zitate von Fontanes Reisebericht in den Spreewald auf Schautafeln ausgestellt.
Im Obstgarten des Freilandmuseums Lehde sind Zitate von Fontanes Reisebericht in den Spreewald auf Schautafeln ausgestellt. FOTO: LR / Liesa Hellmann

Lübbenau schließlich adelt Fontane zur „Hauptstadt“, zur „unbestrittenen Spreewaldresidenz“. Diese Betitelung eignet sich jedoch nur bedingt zu Marketingzwecken. Über Lübbenau heißt es denn auch im nächsten Satz: „An Erscheinung bleibt sie hinter Lübben zurück.“ Es mangele ihr einfach an buntberockten Jägern und Oleanderbäumen, die Fontane in Lübben gesehen hat.

Fontanes ironische Seitenhiebe gegen Orte im Spreewald

Auch wenn sich Fontane eingangs zu seinem Reisebericht „In den Spreewald“ von all jenen Dichtern abgrenzt, für die die Dörfer südlich von Berlin nur „Gegenstand des Spottes“ seien und er „alte Vorurteile“ beseitigen will, kann er sich des ein oder anderen ironischen Seitenhiebs doch nicht erwehren: Lübbenau sei, so der Poet, „das Vaterland der sauren Gurken“.

Und damit nicht genug: „Aber Lübbenau verweilt nicht einseitig bei dem Verkauf eines Artikels, der am Ende den Spott herausfordern könnte; Kürbis kommt hinzu“. Und Meerrettich und Sellerie. Und mehlige Kartoffeln.

Dennoch, in Fontanes Reisebericht überwiegt der Eindruck des von der Landschaft und den Menschen nachhaltig beeindruckten Dichters. Im Spreewald könne man „ein Märchen an hellem, lichtem Tage erleben“.

Ottilie Schwahn und Emma Kochler passen gut zu Fontane

Die Sagenwelt des Spreewalds hat nicht nur auf Fontane Eindruck gemacht. Eine fast vergessene Dichterin haben sie ebenfalls fasziniert. „Ottilie Schwahn hat die Sagen des Spreewalds ausführlicher und intensiver beschrieben als andere“, sagt Gisela Christl, die in Lübben touristische Führungen in Tracht anbietet. Geht es um die literarische Betrachtung des Spreewalds dürfen für sie Ottilie Schwahn und Emma Kochler nicht fehlen. „Es wissen viel zu wenige, dass es diese Lübbener Schriftstellerinnen gab“, sagt sie.

Sie sind für sie aus aus verschiedener Hinsicht interessant. Einerseits erzählen sie in ihren Gedichten und Geschichten von Lübben, der umliegenden Natur und den Sagen. Zum anderen sind sie Frauen, „die nicht in das Schema der damaligen Zeit passten“. Frauen, die lieber schreiben als heiraten, den Haushalt besorgen und Kinder hüten wollten, fielen auch um die Jahrhundertwende 1900 aus dem normativen gesellschaftlichen Rahmen.

Für Gisela Christl passen sie deshalb gut zu Fontane, denn auch er interessierte sich in seinen bekanntesten Werken für Frauen – Effi Briest, Grete Minde, Jenny Treibel – die unter den Zwängen ihrer Zeit gelitten haben.

„Die Klugheit der beiden Frauen hat die Männer abgeschreckt“

Ottilie Schwahn lebte von 1849 bis 1918 in Lübben, von Emma Kochler ist kaum etwas bekannt. Womöglich stammte sie wie Ottilie Schwahn aus einer Konditorenfamilie. Bekannt ist, dass beide Frauen unverheiratet blieben.

„Die Klugheit der beiden Frauen hat die Männer abgeschreckt“, sagt Gisela Christl halb im Scherz. Auch Emma Kochler muss zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelebt haben, denn in den Jahren 1922 bis 1929 finden sich Gedichte von ihr im Lübbener Heimatkalender.

„Wer kennt ihn nicht, wer lernte ihn nicht lieben, den lausch’gen Hain am kühlen Strand der Spree, wer richtet voll Bewunderung nicht die Blicke zu seiner Eichen majestät’scher Höh“ dichtete sie etwa 1925 über den Lübbener Hain. Und weiter heißt es: „Und sieh die tausend, abertausend Sterne, die Anemonen an des Weges Rain. Pflück einen Strauß und trag ein Stück Frühling, den Sonnenfunken in Dein Haus hinein.“

In Kochlers Gedichten fällt auf, das auch der erste Weltkrieg in ihnen eine Rolle spielt, obwohl der „gefühlsbetonte, manchmal schwulstige, überbordene Ton“, wie Gisela Christl ihn beschreibt, überwiegt. 1929 veröffentlichte sie im Heimatkalender auch ein Soldatenlied.

Ottilie Schwahn hingegen schrieb unter anderem Geschichten für Kinder, unter den Gedichten, die sie zwischen 1912 und 1919 im Heimatkalender publizierte, spielen die Jahreszeiten oft eine Rolle.

Die Lübbenerinnen Ottilie Schwahn und Emma Kochler waren, in den Worten von Gisela Christl „geistige Geschöpfe, die ihr Potenzial durch die Zwänge ihrer Zeit nicht ausleben konnten“. Umso wichtiger, dass sie nicht vergessen werden.