ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 19:30 Uhr

Lausitzer Geschichte
Ein Dichterbesuch mit Folgen

 Das Torhaus mit Topfmarkt, aufgenommen um 1900, rund 40 Jahre nachdem Fontane hier mit der Kutsche entlang fuhr.
Das Torhaus mit Topfmarkt, aufgenommen um 1900, rund 40 Jahre nachdem Fontane hier mit der Kutsche entlang fuhr. FOTO: Michael Lange
Lübbenau. Theodor Fontane verbrachte im August 1859 nur einen Tag in Lübbenau. Das reichte jedoch, um der Spreewaldstadt ein literarisches Denkmal zu setzen. Von Daniel Preikschat

200 Jahre nach der Geburt Theodor Fontanes, der mit seinen 17 Romanen Weltberühmtheit erlangte, genießt auch der Lübbenauer Michael Lange eine gewisse regionale Popularität. Zu verdanken hat das der 69-jährige Stadtplaner im Ruhestand dem einen Tag im Leben Fontanes, den der Dichter Anfang August 1859 in der Geburtsstadt Michael Langes zugebracht hat. Fontane war damals 40 Jahre und noch mehr Journalist als Dichter. Er fuhr mit der Absicht in den Spreewald, um über seinen Besuch auch gleich zu berichten. Die Preußische Zeitung druckte die vier Reisekapitel in drei ihrer Ausgaben bereits Ende August, Anfang September. Später erscheinen die Kapitel auch in Buchform. In den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, vier Bände, die zwischen 1862 bis 1882 erscheinen und dem Verfasser zunächst weitaus mehr Renommee einbringen als seine Romane, die er erst anfängt zu schreiben, als er schon fast 60 Jahre ist.

Michael Lange hat „Effi Briest“ in der Schule nicht gern gelesen, wie er sagt. Der Sohn eines Vermessers kommt 1949 in einem Altbau in der Karl-Marx-Straße in Lübbenau zur Welt, eine Hausgeburt. Fontane fuhr 90 Jahre zuvor hier vorbei mit der Kutsche, die einige Hundert Meter weiter ein Haus erreicht, „das nebenbei die Dienste eines Stadttors verrichtet“, wie Fontane später schreiben wird. Heute ist es das Spreewald-Museum des Landkreises Oberspreewald-Lausitz. Damals, als die illustre Berliner Gesellschaft hindurchfuhr, war das Haus Baujahr 1850 noch „nietennagelneu“, sagt Lange. Auch das Lynarsche Schloss, das Fontane am Tag der Abreise noch anschaute und später beschrieb, konnte 1859 noch fast als Neubau gelten, so schrieb er denn: „Das neue Schloss ist ein stattlicher Bau, der gewinnen wird, wenn er erst seinerseits ein paar Hundert Jahre auf dem Rücken trägt.“

Auf die vier Spreewaldkapitel aus Fontanes „Wanderungen“ stieß Lange zufällig. Er bekam die bunte Broschüre eines norddeutschen Verlags in die Hände. Ein Fotograf war in Lübbenau auf den Spuren Fontanes unterwegs gewesen. Dazu wurden die entsprechenden Zitate des Dichters gestellt. Lange dachte sich: „Das kann ich besser.“ Der Spreewälder hat als Stadtplaner gearbeitet. Dabei, erzählt er, befasse man sich unweigerlich viel mit Stadtgeschichte. Lange verfügte außerdem über einen großen Foto-Fundus und kannte viele ältere Lübbenauer, die ihm gern historische Fotos oder Postkarten zur Verfügung stellten.

Was bei dem Versuch, es besser zu machen, herauskam, hat der Cottbuser Regia-Verlag 2009 veröffentlicht. Michael Lange hat die Langfassung des Fontane-Textes mit 50 Seiten eigener Anmerkungen versehen. Bei rund 300 Fotos auf 112 Seiten darf man wohl, wie der Autor es tut, zu Recht im Untertitel von einer „illustrierten Zeitreise“ sprechen. Die präzisen Reisebeschreibungen Fontanes sind mit Stadt- und Regionalgeschichte, geografischen und naturwissenschaftlichen Exkursen angereichert worden. Lange sieht das heute kritisch: „Ich habe da vielleicht etwas überzogen.“ Ob die Selbstkritik berechtigt ist, entscheidet der Leser. Sicher ist, dass sich derzeit in Lübbenau das Büchlein gut verkauft. In der Rathaus-Galerie durfte Michael Lange aus 15 vergrößerten Doppelseiten eine Ausstellung bestreiten, die noch nächste Woche zu sehen ist. Langes Seiten hängen neben Kalligrafien von Fontane-Zitaten, die der Lübbenauer Ingo Schiege gestaltet hat. In der Burger Buchhandlung „Lesezeichen“ hielt Lange diese Woche noch eine Lesung.

Burg, sagt Lange, hatte Fontane damals „nur so angekratzt“. Lübbenau in seiner heutigen Ausdehnung mit den Ortsteilen Lehde und Leipe bekam deutlich am meisten ab von der Würdigung Fontanes. Der Berliner Gast und seine Begleiter ließen sich noch am Tag ihrer Ankunft in der „unbestrittenen Spreewaldresidenz“ von einem Nachtwächter namens Birkig am Rudel und Kantor Christian August Clingestein als Reiseführer in die Lagunenlandschaft entführen.

 Im Hotel zum „Braunen Hirsch“ nächtigte der Dichter. Heute steht hier das Lübbenauer Rathaus.
Im Hotel zum „Braunen Hirsch“ nächtigte der Dichter. Heute steht hier das Lübbenauer Rathaus. FOTO: Michael Lange

Gerade für Lehde fand der entzückte Literat griffige Umschreibungen, wie man sie sich in keiner Werbeagentur besser hätte ausdenken können. „Bäuerliches Venedig“, „Lagunenstadt im Taschenformat“ schrieb Fontane. Auch der Lübbenauer Nikolaikirche schenkte der bekannte Schriftsteller seine Aufmerksamkeit, dem Lynarschen Schloss und dem Lagunendorf Leipe. Selbst das Wirtshaus Zur Eiche, wo die Gesellschaft Hecht in Spreewaldsoße genoss, ist noch Lübbenauer Territorium.

In Burg spielt nur die Szene bei Kätner Post und seinen sieben badenden Kindern, die Fontane so bezaubernd fand: „Als starrten wir in eine feenhafte Welt.“ Weiter konnte sich Fontane dem Dorf Burg nicht annähern. „Die Kanäle“, schreibt Fontane, „wurden immer flacher und seichter, endlich saßen wir fest wie die Preußen auf dem Marsch nach Waterloo.“ Ein Stück ging es an Land weiter, dann ging der Reisegesellschaft die Richtung verloren.

Die Schrebenze, erklärt Heimatforscher Lange, war damals eben nicht so gut befahrbar wie heute. Überhaupt habe sich der Spreewald im Laufe von über 100 Jahren derart verändert, dass sich Fontanes Tour heute streckenweise nicht mehr genauso  wiederholen ließe. Verändert hat sich seit 1859 aber vor allem die Erreichbarkeit des Spreewalds. Fontane reiste mit der Postkutsche über Baruth, Golßen und Lübben nach Lübbenau. Derart lange Kutschfahrten waren strapaziös und teuer. Erst ab 1866 konnten beispielsweise Berliner Lübbenau mit der Eisenbahn erreichen. Berlin hatte zu Fontanes Zeiten aber auch nur eine halbe Million Einwohner, so Michael Lange. Der Tourismus war noch gar nicht entwickelt, ihm fehlten die Voraussetzungen.

Dass im Fontanejahr noch mehr Gäste in die längst sehr gut besuchte Stadt kommen, ist zumindest die Hoffnung, sagt Daniel Schmidgunst von der Spreewald-Touristinformation. Lübbenau versuche, aus der Popularität des Romanschreibers touristisch Kapital zu schlagen. So können Besucher eine Fontane-Kahnfahrt unternehmen. Wie seinerzeit sitzt man zu sechst im Kahn und bekommt unterwegs Hecht in Spreewaldsoße serviert. Die Stadtführerin Spreewald-Christl führt Gästegruppen in Lübbenau dorthin, wo Fontane einst war: zum Schloss, zum Torbogenhaus, in dem heute das Spreewaldmuseum untergebracht ist, in die Nikolaikirche, wo der Schriftsteller einen Gottesdienst besucht hatte, und auch zum Rathaus. Denn dort stand einst das Hotel, in dem Fontane nächtigte: „Der Braune Hirsch nahm uns in seinen gastlichen Betten auf.“

 Das Haus von Kätner Post in der Waldschlößchenstraße in Burg.
Das Haus von Kätner Post in der Waldschlößchenstraße in Burg. FOTO: Michael Lange

Auch im Freilandmuseum in Lehde lässt sich Fontane entdecken oder besser „erlesen“, so Museumsdirektor Stefan Heinz. Textfragmente und Zitate Fontanes im Kontext der Lebensumwelt um 1900 können sich Besucher beim Spaziergang durch das historische Spreewalddorf erschließen. Ob der Dichter die Zugkraft hat, noch mehr Gäste nach Lübbenau zu ziehen, kann Heinz nicht beantworten. Für ihn ist auch wichtiger, dass Besucher Theodor Fontane kennenlernen und von ihm vielleicht sogar etwas lernen: der Natur die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdient, dabei Freude zu haben. Es sei allerdings außerordentlich, sagt auch der Lübbenauer Heimatforscher Michael Lange, wie gut Fontane den Spreewald nur mit Worten abgebildet hat. Einen Fotoapparat hatte er damals allerdings auch nicht zur Verfügung.

Auf die Frage, was umgekehrt der Spreewaldbesuch damals dem Dichter eingebracht hat, verweist Michael Lange auf einen Brief Theodor Fontanes an seine Frau Emilie. Darin schrieb er, die Reise habe ihn zehn Reichsthaler gekostet und nur 21 Reichsthaler eingebracht. Dies sei ein „wahrlich jämmerliches“ Geschäft gewesen.