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| 17:14 Uhr

AWO trauert um Gründervater
Starker Streiter für die Schwachen

 Mit Vertretern von Stadtverwaltung und Seniorenbeirat nimmt Christoph Eigenwillig noch Anfang Juni im Lübbenauer Rathaus den Seniorenkompass entgegen.
Mit Vertretern von Stadtverwaltung und Seniorenbeirat nimmt Christoph Eigenwillig noch Anfang Juni im Lübbenauer Rathaus den Seniorenkompass entgegen. FOTO: LR / Daniel Preikschat
Weggefährten Christoph Eigenwilligs erinnern sich an den in dieser Woche verstorbenen Ehrenbürger der Stadt Lübbenau. Von Daniel Preikschat

Wer dieser Tage das AWO-Gebäude in der Lübbenauer Breitscheidstraße besucht, der spürt die Trauer. Heinz Felker, Vorsitzender des Regionalverbandes Brandenburg Süd und die Geschäftsführer Jens Zarske-Lehmann und Wolfgang Luplow sehen mitgenommen aus, als hätten sie gerade eine Träne verdrücken müssen. Gleiches gilt für Sven Eigenwillig, Referent der Geschäftsführung. Doch wenn sie zusammen am Tisch sitzen im Beratungsraum und ihre Erinnerungen austauschen an den Mann, der am Dienstag verstorben ist, dann scheint das ein Trost für sie zu sein. Immer noch eine weitere kleine Geschichte fällt ihnen ein zu dem Verstorbenen, etwas, das man mit ihm zusammen erleben durfte. Dabei machen Fotos die Runde.

Wer Christoph Eigenwillig nicht so gut kannte wie diese vier Männer, für den ergibt sich aus deren Worten doch ein Bild. Das Bild eines energischen, klugen Mannes mit Haltung und Überzeugungskraft, der sich sein Leben lang in den Dienst der Schwachen in der Gesellschaft gestellt hat. „Er ist mit dem Kopf durch Wände gegangen für seine Behinderten“, sagt Heinz Felker. Allerdings ging er dabei planvoll vor und abgestimmt. „Er hat immer mit allen gesprochen, um Konsens herzustellen und Zusammenhalt“, erzählt Wolfgang Luplow, „das war ihm ganz wichtig.“ Gemeinsam habe man dann viel erreichen können

 Christoph Eigenwillig schreibt sich 2014 als zweiter Ehrenbürger der Stadt Lübbenau/Spreewald ins Goldene Buch der Stadt ein.
Christoph Eigenwillig schreibt sich 2014 als zweiter Ehrenbürger der Stadt Lübbenau/Spreewald ins Goldene Buch der Stadt ein. FOTO: Stadt Lübbenau / Mandy Kunze

Viel erreicht haben Eigenwillig und seine Weggfährten vor allem nach der politischen Wende. „Nach meinem Lebenswerk befragt“, hat Eigenwillig selbst in einem längeren Interview 2016 gesagt, „ist ein großer Teil davon der gelungene Aufbau der Arbeiterwohlfahrt in Lübbenau sowie in ganz Brandenburg.“ 150 Einrichtungen – von Werk- und Wohnstätten für Behinderte bis hin zu Bildungszentrum, Kindergarten und Touristenstation in Lübbenau – gehören zum AWO-Regionalverband Brandenburg Süd. 2000 Kollegen sind dort beschäftigt.

Wobei jede Einrichtung eine Doppelspitze hat. Eigenwillig, sagt Luplow, kannte die Leitung jeder Einrichtung. Er habe die Leute mit ausgesucht und gutes Gespür dafür bewiesen, wem was zuzutrauen ist.

Einer, der vor allem den Sozialpolitiker Christoph Eigenwillig schätzengelernt hat, ist der ehemalige Landrat Holger Bartsch. „Bei Christoph Eigenwillig war der Name Programm“, sagt der Lübbenauer, „aber im positiven Sinn.“ Der AWO-Mann habe energisch seine Ziele verfolgt, konnte dabei durchaus auch „nerven“. Unter anderem ging es dabei um die Sanierung und Ausstattung der Förderschulen in Trägerschaft des Landkreises. Oder auch um die „Enthospitalisierung“ von Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. Dass sie zu DDR-Zeiten vielfach nur versorgt wurden, nicht aber auch gefördert, das habe Christoph Eigenwillig erzürnt. Bei ihm sei aber zugleich immer auch deutlich spürbar gewesen, dass er ein „sehr sozialer Mensch“ ist, sagt Holger Bartsch. Und einer, der sich nicht unterkriegen lässt. Bartsch erinnert sich: „Bei der letzten Volkskammerwahl im März 1990 schnitten wir Sozialdemkraten nicht so toll ab und saßen alle bedröppelt da.“ Eigenwillig jedoch habe alle wieder aufgerichtet und zuversichtlich voraus geblickt. Man werde noch stärkste politische Kraft im Land Brandenburg.

Woher dieser offenbar tief in Eigenwillig verwurzelte Drang kommt, sich so für behinderte Menschen einzusetzen, kann Bartsch nicht beantworten. Auch Wolfgang Luplow und Henz Felker müssen da passen. Enkel Sven Eigenwillig hingegen hat eine Vermutung. Sein Großvater ist im niederschlesischen Groß Rosen aufgewachsen und hatte sehr fürsorgliche, soziale Eltern. Einer russischen Zwangsarbeiterin, die im KZ Groß Rosen geknechtet wurde, hatte seine Mutter Helene heimlich Essen hingestellt. Christoph Eigenwillig berichtet selbst davon in dem Interview von 2016. Eine russische Zwangsarbeiterin bot der Familie daraufhin beim Anrücken der Front an, sie zum Schutz mit ins Zwangsarbeiterlager zu nehmen. Die Eigenwilligs entschieden sich damals dagegen und flüchteten. Vielleicht, so Sven Eigenwillig, habe diese Hilfsbereitschaft der Mutter den Sohn geprägt.