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| 16:15 Uhr

Sonderausstellung „Urlaub in der DDR“
Tausche Dachziegel gegen Ferienzimmer

 Haben es sich bequem gemacht: Kuratorin Mareike Linnemeier und Museumssprecherin Jenny Linke sitzen im DDR-Familienzelt. Auch die Bademode im Hintergrund ist original.
Haben es sich bequem gemacht: Kuratorin Mareike Linnemeier und Museumssprecherin Jenny Linke sitzen im DDR-Familienzelt. Auch die Bademode im Hintergrund ist original. FOTO: LR / Liesa Hellmann
Lübbenau. Erinnerungen wecken oder zum Nachdenken anregen? Eine neue Ausstellung im Spreewald-Museum Lübbenau zum Thema Urlaub in der DDR versucht sich am Spagat zwischen Ostalgie und Wissensvermittlung. Von Liesa Hellmann

Noch einmal einen Campingplatz wie zur Zeit der DDR betreten – diese Möglichkeit will eine neue Ausstellung im Spreewald-Museum Lübbenau bieten. Ab Samstag, 6. April, bis Januar 2020 nimmt die Ausstellung „Urlaub in der DDR – Von Ferienfreuden im In- und Ausland“ den Tourismus in der DDR in den Blick.

Bis März 2019 war die Ausstellung im Museum Schloss und Festung Senftenberg zu sehen, für Lübbenau wurde sie um einen Raum zum Spreewaldtourismus in der DDR erweitert. Besonders gespannt sind die Macherinnen der Ausstellung auf die Publikumsreaktionen: „In Senftenberg haben vor allem Menschen aus der Umgebung die Ausstellung besucht. In Lübbenau erwarten wir ein etwas anderes Publikum, da die Stadt viele auswärtige Besucher hat“, sagt Jenny Linke, zuständig für Kommunikation und Marketing der Museen des Landkreises Oberspreewald-Lausitz.

Im Urlaub arbeiten? – Unbedingt!

Gespräche mit Menschen aus der Region waren für Kuratorin Mareike Linnemeier ein wichtiger Baustein für die Konzeption der Ausstellung. 1991 geboren, kennt Linnemeier die DDR nur aus Erzählungen und den Quellen, die die studierte Historikerin für ihre Arbeit heranzog. In mancher Hinsicht haben historische offizielle Dokumente jedoch auch weiße Flecken.

 Die Ausstellung „Urlaub in der DDR“ zeigt auch Urlaubssouvenirs. Beliebt: Matroschkas. Weniger beliebt: Die Regeln zur Rückreise in die DDR, die in der nebenliegenden Broschüre aufgelistet sind.
Die Ausstellung „Urlaub in der DDR“ zeigt auch Urlaubssouvenirs. Beliebt: Matroschkas. Weniger beliebt: Die Regeln zur Rückreise in die DDR, die in der nebenliegenden Broschüre aufgelistet sind. FOTO: LR / Liesa Hellmann

Das betreffe zum Beispiel private Zimmervermietungen, die oft nicht offiziell angemeldet wurden, erläutert Linnemeier. Da das Angebot geringer als die Nachfrage war, hätten Vermieter aus heutiger Sicht absurd anmutende Forderungen für ihr Zimmer stellen können, wie ihr Zeitzeuginnen berichtet hätten: „Eine Familie aus Meuro hat sich auf eine Anzeige für ein Zimmer in Zinnowitz gemeldet. Der Vermieter hatte über 500 Anfragen erhalten und antwortete mit einer Liste über Baumaterialien und Arbeitsleistungen, die er benötigte“, erzählt Mareike Linnemeier. Die besten Chancen auf das Zimmer hatte also, wer Holzparkett oder Dachziegel gleich mitbrachte und im Urlaub auf der Baustelle noch kräftig mithalf.

Camping in der DDR: Erst unerwünscht, später staatlich gefördert

Vielleicht auch deshalb bildete sich in der DDR eine rege Camping-Kultur aus. „Camping war in den ersten Jahren der DDR von staatlicher Seite nicht gewünscht“, erklärt Mareike Linnemeier. „Allerdings hat man schnell gemerkt, dass man das nicht unterbinden kann, weshalb Campingurlaub ab den 1950er Jahren gefördert wurde.“ Im Zuge dessen entstand eine ganze Produktionswelt um den Campingurlaub. Reisekochplatte, Eiskühlbox und Wassersack durften im gut ausgestatteten Zelt nicht fehlen, ebenso wenig Luftmatratze, Klappstuhl und – wenn es ganz besonders luxuriös sein sollte – Radio und Fernseher zum Mitnehmen.

Viele der ausgestellten Objekte stammen aus der Sammlung des Spreewald-Museums oder sind Leihgaben anderer Museen. Von einem Museum aus Eisenhüttenstadt etwa hat das Museum für die Ausstellung eine Auswahl Speisekarten von Interhotels erhalten. 35 dieser besser ausgestatteten Hotelklasse gab es in der DDR, für die Durchschnitts-DDR-Bürgerin war es allerdings fast unmöglich dort ein Zimmer zu bekommen. Vor allem Geschäftsleute aus dem Ausland und Parteifunktionäre logierten in den Interhotels, einige wenige hielten zudem Zimmerkontingente für besonders kinderreiche Familien bereit. Allerdings war es möglich, in den hoteleigenen Restaurants einzukehren. Besucher der Ausstellung in Senftenberg hätten ihr berichtet, dass sie im Urlaub extra für ein Abendessen im Interhotel gespart hätten, berichtet Kuratorin Mareike Linnemeier. Denn auf den Speisekarten fanden sich Genüsse wie Schottischer Whisky, die es sonst in der DDR schwer zu kaufen gab.

 Der Strandkorb prägt das Bild vom Ostseeurlaub. Nur die Mode verrät, dass das Bild aus der DDR stammt.
Der Strandkorb prägt das Bild vom Ostseeurlaub. Nur die Mode verrät, dass das Bild aus der DDR stammt. FOTO: OSL-Museum

Urlaubssymbol par excellence: die Luftmatratze

Nicht alle Gegenstände konnte Mareike Linnemeier in den Kellern und Archiven von Museen finden. „Ich habe mich auch bei Ebay umgeschaut“, erzählt sie. Ein Ausstellungsstück, das auf keinen Fall fehlen durfte, konnte sie dort allerdings nicht in gewünschter Qualität und zu einem vernünftigen Preis finden: die Luftmatratze. Ein nachgebauter DDR-Campingplatz ohne Luftmatratze war für sie aber nicht denkbar. Das Museum hat deshalb einen Aufruf gestartet – mit Erfolg: „Es hat sich herausgestellt, dass noch sehr viele Menschen Luftmatratzen aus der DDR im Keller haben“, berichtet Linnemeier lachend.

Eine Ausstellung unter dem Titel „Urlaub in der DDR – Von Ferienfreuden im In- und Ausland“ fordert den Gedanken an Ostalgie geradezu heraus. Mareike Linnemeier ist sich der Problematik bewusst: „Bei diesem Thema besteht immer die Gefahr, eine reine Ostalgie-Ausstellung zu machen. Das wollten wir vermeiden, wir wollten aber zugleich ein schönes Thema ins Museum bringen, das Erinnerungen weckt. Über die Texttafeln möchte ich das Angebot machen, über die Erinnerung hinauszugehen.“

Das dunkle Kapitel des DDR-Tourismus

Eine Tafel widmet sich deshalb dem Thema Enteignung. „Das ist die Texttafel, für die ich gekämpft habe“, sagt Mareike Linnemeier. „Wir wollen mit der Ausstellung zwar Erinnerung wecken, Enteignungen gehören zum Thema Urlaub in der DDR aber dazu.“

In den 1950er Jahren kam es mit den Aktionen „Rose“ und „Oberhof“ zu zwei großen Enteignungswellen. Bei der Aktion „Rose“ im Ostseeraum wurden zahlreiche Gaststätten und Unterkünfte durchsucht. „Für die Enteignung reichte es, dass Westwaren oder faschistische Schriften gefunden oder dass Lebensmittel gehortet wurden. Letzteres ist bei Gaststätten einfach absurd“, erklärt die Kuratorin. Die Reaktionen zu diesem Ausstellungsaspekt seien in Senftenberg sehr unterschiedlich ausgefallen, berichtet sie. „Westdeutsche Besucher haben oft gezielt nach Enteignungen gefragt. Viele Besucher, die die DDR selbst erlebt haben, sahen den Punkt eher kritisch.“ Selbst ein Bild machen können sich Interessierte ab Samstag, 6. April, im Spreewald-Museum Lübbenau.