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| 19:07 Uhr

Spreewald
Sorbische Trachten zwischen Modewoche und Brauchtum

 Frecher Schnitt in Senfgelb: Ein Model trägt bei der Modenschau zum fünfjährigen Bestehen des Modelabels „Wurlawy“ eine Tracht von Designerin Sarah Gwiszcz.
Frecher Schnitt in Senfgelb: Ein Model trägt bei der Modenschau zum fünfjährigen Bestehen des Modelabels „Wurlawy“ eine Tracht von Designerin Sarah Gwiszcz. FOTO: ZB / Patrick Pleul
Lübbenau. Wer Trachten trägt ist altmodisch, konservativ und rückwärtsgewandt – dieses altbewährte Klischee gilt für die Lausitz schon lange nicht mehr. dpa

Als der Beifall für die Modenschau zum fünfjährigen Jubiläum ihres Labels verebbt ist, schaut Sarah Gwiszcz doch etwas erleichtert. Ihr kleiner Laden in der Altstadt von Lübbenau (Oberspreewald-Lausitz) ist brechend voll, und gerade ist auch noch ein Regal unter der Last der vielen Blusen mit Spitze und Polkaröcken zusammengebrochen. „Jetzt kann die Party richtig losgehen“, lacht die Modedesignerin, die mit ihren bunten Haaren noch etwas an die Punkerin erinnert, mit der die Lust am Modemachen begann. „Ich habe in der Schulzeit meine Lederjacke umgestaltet und die Hosen bearbeitet, es gab ja nichts zu kaufen, was ich anziehen wollte“, erzählt die Anfang Dreißigjährige.

Während des Modedesign-Studiums in Berlin kommt die junge Frau aus der Lausitz ihren Wurzeln wieder näher. „Meine Urgroßmutter ist noch Kahn gefahren mit sorbischer Tracht“, erzählt Gwiszcz. Sie kauft sich alte Bücher über sorbische Trachten und findet Gefallen an Spitze und Blaudruck, ein Färbeverfahren, für das die Lausitz bekannt ist. Nach der Ausbildung geht sie zurück in die Heimat und gründet im Jahr 2014 ihr Modelabel Wurlawy - frei aus dem Sorbischen übersetzt heißt das wilde Spreewaldfrauen. Der Name soll ausdrücken, was die junge Designerin unter Mode versteht: Freche, ungezwungene Alltagskleidung mit traditionellen sorbischen Trachtenelementen aus ihrer Heimat.

Gwiszcz durfte ihre Kollektion bei der Fashion Week 2015 in Berlin präsentieren. Die Hüftbänder mit Schleifen, die weißen Blusen mit Bohrspitze, mit Dekorborten besetzte Röcke, das traditionelle kräftige, tiefe Blau und Grün und das Senfgelb ihrer Kleider kommen gut an. Danach wird sie von Interessenten gesucht. „Viele hatten einen großen Laden erwartet, und denen musste ich sagen: Leute, ich lebe und arbeite auf dem Dorf“, erzählt die Designerin aus Ragow im Spreewald.

Etwa 40 Kilometer entfernt, in Cottbus-Saspow, näht Antje Lehnitzke noch die letzte Dekorborte an den Rock. Die Arbeit der Trachtennäherin hat gerade Hochkonjunktur. „Fastnacht, Ostern, Kirmes - und jedes Dorf aus der Gegend hat eine andere Tracht“, erzählt die Mittvierzigerin. Schon als Kind habe sie angefangen zu sticken, es sei selbstverständlich gewesen, damit aufzuwachsen. „Meine Uroma ist bis zu ihrem Tod in Tracht gegangen“, erinnert sie sich. Beim Schneidermeisterehepaar Jacobick aus Burg lernt sie alles, was sie wissen muss. Das ist mittlerweile über 17 Jahre her. Lehnitzke näht für Groß und Klein Blusen mit Spitze, die für die sorbische Tracht typischen Tücher bestickt sie mit Blumenornamenten, und jede Falte auf den Polkaröcken sitzt. „Wenn der Rock sich richtig dreht, ist die Welt in Ordnung“, schmunzelt Lehnitzke.

Beiden Trachten-Expertinnen ist Heimatverbundenheit und Regionalität wichtig. Gwiszcz, die Modedesignerin in Lübbenau, lässt ihre Kollektion von Schneiderinnen in Cottbus nähen. Für die Accessoires arbeitet sie auch mit einem Optiker aus Forst zusammen. Trachtennäherin Antje Lehnitzke verarbeitet die Plauener Spitze aus dem Vogtland. Beide sehen hinter der Tracht die enorme Wertschätzung der Handarbeit, die dahinter steckt. „Man muss die Tracht im Herzen haben“, sagt Lehnitzke. Das findet auch Gwiszcz, die mittlerweile noch mal zur Schule geht und Sorbisch lernt.

 Frecher Schnitt in Senfgelb: Ein Model trägt bei der Modenschau zum fünfjährigen Bestehen des Modelabels „Wurlawy“ eine Tracht von Designerin Sarah Gwiszcz.
Frecher Schnitt in Senfgelb: Ein Model trägt bei der Modenschau zum fünfjährigen Bestehen des Modelabels „Wurlawy“ eine Tracht von Designerin Sarah Gwiszcz. FOTO: ZB / Patrick Pleul