Höher als der Vetschauer Kirchturm wird das neue Silo der Schälmühle an der Bahnhofstraße sein, wenn es im kommenden Jahr gebaut ist. Während die Gebrüder Kümmel von einer notwendigen Investition sprechen, mit der die Zukunft ihres Unternehmens gesichert werde, sorgen sich Anwohner von gegenüber um ihren heimischen Frieden. Sie befürchten wie in den vergangenen Monaten weiterhin viel Lärm und Staub. "Wir werden alles tun, um die Belästigung auf ein Minimum zu reduzieren", versichert Frank Kümmel.

Noch keine Genehmigung

Nach dem Fundamentbau soll es mit dem zweiten Bauabschnitt weitergehen, für den die untere Bauaufsicht noch keine Genehmigung erteilt hat, wie Lienhard Häusler erklärt. Dieser Abschnitt sehe den Bau einer eingehausten Siloanlage mit Getreideannahme und separatem Treppenhaus sowie integriertem Aufzug ab einer Höhe von 10,50 Metern im Verladegebäude vor.Der von den Anwohnern bislang zu ertragende Lärm wird durch einen Kettenelevator auf der Hofseite verursacht. Er fördert das Getreide vertikal aus einem Tiefsilo bis zum Gebäudedach. "Das ist lediglich eine Interimslösung", betont Lienhard Häusler. Die gesamte Getreideförderanlage soll nach Bauende nicht abgerissen, sondern zur Förderung von Buchweizen genutzt werden.

Vorgesehen sei, den Vertikalförderer zum Maschinenhaus so auszustatten, dass Lärm so weit wie möglich gemindert wird. Für das nebenan befindliche Wohngebäude an der Bahnhofstraße liegt Häusler zufolge durch die alte Anlage eine Überschreitung des Lärmschutzpegels um vier Dezibel vor. Laut Bundesimmissionsschutzgesetz dürfen für die nächst gelegene Wohnbebauung 60 Dezibel am Tage nicht überschritten werden. Mit der neuen Anlage, so ein Gutachten, würden die erlaubten Lärmwerte eingehalten.

Familie Kossick auf der gegenüber liegenden Straßenseite bleibt skeptisch - wie auch ihre Nachbarn Klaus Friedemann und Hubert Richter. Sie fühlen sich durch die Stadt nicht informiert über das, was vor ihren Augen passiert. "Wenn wir nicht Insiderwissen hätten, wüssten wir gar nichts. Aber wir sind doch allesamt die Betroffenen und waren zuerst hier", sagt Wolfgang Kossick. Die Stadt aber, so Bürgermeister Bengt Kanzler (parteilos), sei nicht die Genehmigungsbehörde. Vetschau werde im Genehmigungsverfahren lediglich gehört. Versage sie ihr Einvernehmen, könne die Behörde nachprüfen, ob rechtswidrig versagt wurde. So könne das Versagen einer Zustimmung zum Bauantrag eben eine solche Prüfung und auch finanzielle Konsequenzen für die Stadt nach sich ziehen. In einem solchen Fall käme der Vetschauer Steuerzahler für die Rechnung auf.

Alle an einem Tisch

"Als die Genehmigungsphase noch am Laufen war, haben alle Beteiligten an einem Tisch gesessen, um Unstimmigkeiten beiseite zu räumen und über das Vorhaben zu informieren", sagt das Stadtoberhaupt. Kanzler sei guter Hoffnung, dass sich der Lärm nach Fertigstellung minimieren werde. Da ist sich Reinhard Jackisch von der Industrie- und Handelskammer Cottbus, Sachverständiger für Bauakustik und Schallimmissionsschutz, sicher: "Die Immissionsrichtwerte für Mischgebietslagen bleiben auch bei Anlagenbetrieb einschließlich der Getreideförderanlage erheblich unterschritten." Der Pegel des bisherigen Mühlenbetriebes liege durch die Förderanlage um drei Dezibel höher.

Den Vorwurf der Anwohner, die Stadt hätte aus Teilen ihres Wohngebiets heimlich ein Mischgebiet gemacht, das Gewerbebauten möglich macht, wodurch der Wert ihrer Grundstücke aber sinken würde, räumt der Bürgermeister aus. Der Flächennutzungsplan von 1999 stelle bereits eine Mischfläche an dieser Stelle dar. Auch der Plan von 2006 weise beispielsweise das Grundstück der Familie Kossik in einem Mischgebiet aus. Das diene dem Wohnen und dem Unterbringen von Gewerbegebieten, die das Wohnen nicht wesentlich stören. Die Mühle aber befindet sich auf Gewerbegebiet, auch wenn es ungünstigerweise auf der anderen Straßenseite beginnt.

Die Gebrüder Kümmel wollen, wie sie bei einem Besuch von Landrat Siegurd Heinze (parteilos) sagten, drei Millionen Euro investieren, um die IFS-Zertifizierung (International Food Standard) zu erhalten. Dazu sei das hohe Gebäude vonnöten, durch das Produktionswege optimiert werden. Dass ihre Befürchtungen den Silo-Bau nicht verhindern werden, ist den Anwohnern heute klar. Sie erwarten aber eine lärmmindernde Technologie in der Mühle und dass sie durch Staub künftig nicht mehr belastet werden.