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| 16:43 Uhr

Sieben Jahre für Kindesmissbrauch

Thomas W. und sein Pflichtverteidiger Wolfram Beck erwarten am Freitag das Urteil des Cottbuser Landgerichtes.
Thomas W. und sein Pflichtverteidiger Wolfram Beck erwarten am Freitag das Urteil des Cottbuser Landgerichtes. FOTO: Jan Augustin
Update – Cottbus/Lübbenau. Wegen mehrfachen sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen ist ein 54-jähriger Mann aus Lübbenau zu einer Haftstrafe von sieben Jahren und drei Monaten verurteilt worden. Zu diesem Schuldspruch kam das Landgericht Cottbus am Freitag. Jan Augustin

Der Mutter des geistig behinderten, minderjährigen Opfers rollen am Freitagvormittag die Tränen ins Gesicht. Sie sieht müde aus, aber erleichtert. "Wir sind durch die Hölle gegangen", sagt sie kurz nach der Urteilsverkündung. Vor den Fernsehkameras ringt sie nach den richtigen Worten. Wichtig sei, dass er endlich hinter Gitter kommt.

Er - das ist Thomas W., 54, ehemaliger Taxifahrer aus Lübbenau. Das Landgericht Cottbus verurteilt ihn am gestrigen Freitag zu einer Haftstrafe von sieben Jahren und drei Monaten. Die Kammer ist sich einig, dass Thomas W. nicht nur einen damals 17-jährigen Jugendlichen, der bei ihm wohnte, vergewaltigt und mehrfach missbraucht hat. Er wird auch wegen sexueller Übergriffe an einen 13-jährigen, geistig behinderten, Jungen verurteilt. "Er wusste immer, dass das, was er tut, nicht erlaubt ist; dass das eine Straftat darstellt", ist der Vorsitzende Richter Christian Eicke von der Schuldfähigkeit überzeugt. Es sei kein plötzlicher Drang gewesen, den W. nicht habe steuern können. Nein. "Er hat diese Taten alle mit Überlegung durchgeführt."

Das Strafmaß fällt auch deshalb so hoch aus. Zwar fordert Staatsanwältin Jessica Hansen eine Strafe von neuneinhalb Jahren. Doch liegt das Urteil auch deutlich über den viereinhalb Jahren Haft, wie sie Pflichtverteidiger Wolfram Beck vorschlägt. Ob sein Mandant innerhalb der einwöchigen Frist gegen das Urteil Revision einlegen will, konnte Beck kurz nach dem Schuldspruch noch nicht sagen. Die Höhe der Strafe sei nach der Urteilsbegründung von Richter Eicke, der einen Fall gegen den 17-Jährigen als Vergewaltigung wertet, allerdings die logische Konsequenz. Thomas W. soll sich damals an seinem Opfer, das bäuchlings mit Handschellen ans Bett gefesselt war, vergangen haben - trotz der heftigen Gegenwehr des Jungen, der zuvor im Heim lebte.

Das Verhältnis zwischen beiden bezeichnet Eicke als eine Art Pflegevater-Sohn-Beziehung. W. habe sich um die Lebensführung des jungen Mannes gekümmert. Er habe dafür gesorgt, dass er zu essen hat und zur Schule geht. Er habe einen geregelten Tagesablauf gehabt, Zigaretten und Bier bekommen. Für den Pflegesohn sei in dieser Zeit nur eines wichtig gewesen: "Er wollte unter keinen Umständen wieder ins Heim", sagt der Richter. So habe er auch weitere sexuelle Übergriffe in Kauf genommen, ohne sich zu wehren.

Ähnlich ausgenutzt hat W. auch den kleinen Martin (Name geändert). Mit seinem Bruder, der mit der Tochter von W. enger befreundet war, besucht der geistig behinderte Junge seinen Peiniger schon im Jahr 2013 öfter in der Wohnung. Dort kann er Computer spielen. W. gewinnt Vertrauen. Mindestens sechs Mal habe er sich an Martin vergangen, als er noch 13 war. Danach geht es weiter, mindestens zwei Mal wöchentlich. W. habe seine "völlige Überlegenheit" ausgenutzt, sagt Richter Christian Eicke.

Für Aufsehen sorgt im Sommer 2014 Martins Verschwinden. Weil W. ihm eingeredet habe, seine Eltern würden ihn nicht mehr lieben, entscheidet er sich, sie zu verlassen. W. nimmt ihn auf und befriedigt weiter seine pädophilen Neigungen. Die Polizei sucht fieberhaft in Lübbenau und ermittelt bis nach Sachsen. Dreimal wird W. während der Suche durch die Polizei vernommen. Erst als die mit einem Durchsuchungsbefehl für seine Wohnung anrückt, findet sie den Jungen in einem Versteck hinter einem Schrank. Dieses Schlupfloch hat W. offenbar schon öfter genutzt. Die Beweisaufnahme habe auch ergeben, dass Thomas W. schon seit Jahrzehnten ähnliche Taten begangen hat, die aber verjährt sind.

Thomas W. hört sich die ausführliche Begründung von Richter Eicke regungslos an. Der Körper ist leicht nach vorn gebeugt, die Arme verschränkt. Sein Blick klebt auf dem Tisch vor ihm.