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Kirchturmkugel
Sensationsfund für Petershain

Ortschronist Udo Kittan (l.) und Pfarrer Hans-Christoph Schütt (Mitte) haben die Hülse geöffnet, in der sich historische Dokumente befunden haben. Einwohner verfolgten das Geschehen.
Ortschronist Udo Kittan (l.) und Pfarrer Hans-Christoph Schütt (Mitte) haben die Hülse geöffnet, in der sich historische Dokumente befunden haben. Einwohner verfolgten das Geschehen. FOTO: Uwe Hegewald
Neupetershain. Der Inhalt der Kirchturmkugel ist derzeit eines der Hauptgesprächsthemen in Neupetershain. Im Zuge der Sanierungsarbeiten am Kirchturm der evangelischen Kirche im Mutterdorf Petershain (Nord) ist sie kürzlich demontiert und anschließend geöffnet worden. Uwe Hegewald / uhd1

Gerlinde und Burkhard Hinz sprechen von "emotionalen Momenten" beim vorsichtigen Herablassen der Kugel durch die Bauleute. "Zeitgleich, um 12 Uhr, fingen die Glocken an zu schlagen. Als ob es dafür ein Drehbuch gegeben habe", so das Paar, das regelmäßig Neupetershainer Ereignisse mit der Kamera festhält. Auch Pfarrer Hans-Christoph Schütt spricht von einem "seltenen Augenblick den Menschen in ihren Orten möglicherweise nur einmal im Leben erfahren."

Von der baubegleitenden Architektin Verena Graf, die auch Mitglied im Gemeindekirchenrat ist, bekommt er ein zustimmendes Nicken. Eine kleine, gedämpfte Vorfreude macht sich breit, als in der mehrfach durchschossenen Kugel eine etwa 30 Zentimeter lange Hülse zum Vorschein kommt. Pfarrer Schütt lässt diese ungeöffnet und zieht dafür einen nachvollziehbaren Grund ins Feld: "Wir wollen möglichst viele Mitglieder der Gemeinde und des Gemeindekirchenrates dabeihaben", so seine Begründung zum Verschieben der Hülsenöffnung auf 18 Uhr.

Und wieder läuten die Glocken. Die "gedämpfte Freude" kommt nicht von ungefähr. 1935 gerät der Kirchturm in Brand und vernichtet den Kirchturmspitzen- und Dachbereich. Auslöser war Funkenflug der brennenden Gutsscheune in der Nachbarschaft. Es gab keine Hinweise darüber, was nach der Instandsetzung der Kirchturmspitze in die neu aufgesetzte Kugel eingebettet wurde. "Die Arbeiten wurden 1937 während des Nationalsozialismus ausgeführt. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn im Inneren der Hülse Hefte der Propagandazeitung ´Der Stürmer` zum Vorschein kommen", bremst Hans-Christoph Schütt die Erwartungen.

Diese Befürchtung bestätigt sich zum Glück nicht. Das Strahlen der Augen nimmt mit jedem Millimeter zu, das Pfarrer Schütt und Udo Kittan beim vorsichtigen Herausziehen des zusammengerollten Papierbündels auslösen. Mehrere Dokumente kommen ans Licht, darunter Unterlagen, die auf die Jahre 1722/24 und 1733 hindeuten. "Damals erfolgte der barocke Umbau des Kirchengebäudes", weiß Udo Kittan zu berichten. Als Ortschronist kennt er sich wie kein Zweiter in der Dorf- und Kirchengeschichte aus. "Damit habe ich nicht gerechnet. Für Petershain ist das ein Sensationsfund", so der Hobby-Historiker.

Eine Sensation? Auf jeden Fall - handelt es sich doch beim Fund in der kupfernen, Kugel um die nahezu einzig verbliebenen historischen Dokumente der Kirche. Während der Kriegswirren, die im April 1945 im Dorf und den umliegenden Wiesen tausendfachen Tod brachten, brannte das Pfarrhaus komplett ab. Mit ihm alle dort gelagerten Schriften und Papiere. Als beim Leeren der Hülse dann noch Unterlagen der 1901 erfolgten Neueindeckung des Turmdachs erscheinen und Namen von Personen auftauchen, ist Udo Kittans Herzklopfen von allen Anwesenden zu spüren. Als Unterzeichner eines Dokuments lassen sich der damalige Pfarrer Kuhnke, eine Person namens Friedrich und der Kirchenälteste Ernst Heinrich Kittan, dem letzten Windmüller im Dorf und Urgroßvater von Udo Kittan, identifizieren.

"Eine Sternstunde für mich", fasst er zusammen. "Gemeindekirchenrat und Denkmalbehörden haben jetzt darüber zu befinden, wie es mit dem Fund weitergeht", konstatiert Pfarrer Hans-Christoph Schütt. Einigung gibt es bereits darüber, am Kirchturm ein sichtbares Zeugnis der Kriegswirren zu erhalten - ein Mörsereinschlag der berichten und gleichzeitig mahnen soll, welche schrecklichen Ereignisse sich 1945 im beschaulichen Dörfchen Petershain zugetragen haben.