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Senioren tanzen für ihr Wohlgefühl

Immer dienstags wird die Aula im Jenaplanhaus zum Tanzsaal.
Immer dienstags wird die Aula im Jenaplanhaus zum Tanzsaal. FOTO: Preikschat (LR-MOB-RED-411)
Lübbenau. In Lübbenau tanzen Senioren seit 2009 mit wachsender Begeisterung. In mittlerweile drei Übungsgruppen gibt es längst weniger Plätze als Interessenten. Die älteren Damen und Herren verbindet allerdings nicht mehr nur die Freude an der Bewegung. Daniel Preikschat

Ein Dienstagnachmittag in der Aula des Jenaplanhauses: 14 Frauen tanzen, zwei Frauen schauen dabei nur zu. Karin Greupners ganzer Körper wiegt mit im Takt. Zu gern würde sie mitmachen, muss aber sitzen bleiben auf ihrem Stuhl. "Eine Knieverletzung, Meniskus", erklärt sie. Passiert sei das erst kürzlich, als die Seniorentanzgruppe bei einem Geburtstag einen Auftritt hatte. Nach der OP, ist die Rentnerin sicher, steige sie wieder ein. "Ich habe das mit dem anderen Knie schon durch."

Sie sei früher Turniertänzerin gewesen und brauche die Bewegung, um nicht zu rosten, erzählt die Rentnerin, die aus Pirna nach Lübbenau gezogen ist. "Wenn ich Musik höre, dann machen meine Beine los. Ich kann dann nicht anders." Dennoch brauchte sie erst einen kleinen Anstoß von ihrer Hausärztin im Kolosseum, um sich der Gesellschaft der Tanzenden anzuschließen. Auch Grete Weckmüller ist an diesem Dienstag zum Zuschauen gezwungen - und nicht nur an diesem Dienstag. Vor zwei Jahren habe sie wegen einer Augenkrankheit mit dem Tanzen aufhören müssen. Trotzdem kommt sie jeden Dienstag zum Training. Die 84-Jährige ist auch bei öffentlichen Auftritten der Gruppe dabei, bei Ausflügen und Feiern.

Denn mit dabei war Grete Weckmüller schon am 7. April 2009, als man sich zum ersten Mal in der DRK-Suppenküche traf. Viele Witwen waren darunter, Männer schon damals Mangelware, erinnert sie sich. Sie würden eher die klassischen Tänze mögen, vermutet die Seniorin.

Längst kennen sich alle Tänzer gut, wird auch über Privates geredet, über Sorgen, die im Alter nicht ausbleiben. Man lebe nicht nur so für sich, sagt die gesellige Frau, deren Mann verstorben ist. Ihr Sohn arbeite in Hamburg. Ihr zweiter Sohn lebe ebenfalls nicht mehr. "Er hat immer viel lieber getanzt als ich. Er war ein leidenschaftlicher Tänzer", erzählt die ehemalige Lehrerin. Sie ist ganz sicher: "Ihm würde die Seniorentanzgruppe gut gefallen."

Während beide Damen so erzählen, studiert Edith Schladitz mit ihren sieben Paaren ohne Männer neue Tänze ein. Voll konzentriert bilden die Frauen Kreise, Blöcke und Gassen, drehen und wenden sich synchron. Der Radetzkymarsch ertönt, aber auch Schlager wie "Ich bau dir ein Schloss" von Jürgen Drews oder "Du schaffst das schon" von Klubbb 3. Gemessenes Schrittes bewegt man sich, nicht mehr ganz so schwungvoll wie bei Walzer, Polka oder Foxtrott.

Dennoch, versichern Tänzer und Tanzlehrerin, kommen in eineinhalb Stunden Üben alle ins Schwitzen. Immerhin sind die insgesamt fast 60 Tänzer in den drei Lübbenauer Seniorentanzgruppen im Durchschnitt etwa 70 Jahre alt. Vier Frauen sind bereits älter als 80, die jüngste Frau 58 Jahre alt, sagt Edith Schladitz.

Der 73-jährigen agilen Frau hat Lübbenau das Seniorentanz-Angebot zu verdanken. Mit dem DRK gelang ihr im April 2009 der Start - im Essenraum der DRK-Suppenküche. Schnell reichte eine Gruppe nicht mehr aus, alle Interessenten zu berücksichtigen. Eine zweite wurde aufgemacht mit Leiterin Margot Lux, später eine dritte in Hindenberg. Mit Einwilligung der Stadt zog man in die Aula im Jenaplanhaus um. Sie bot mehr Platz sowie ausreichend Stühle mit guter Sitzhöhe. Müheloses Sich-Setzen und Wiederaufstehen in den Pausen seien wichtig, so Edith Schladitz. Mit Turnhallenbänken könne man Senioren nicht kommen.

"Tanz ist der allerbeste Sport im Alter", sagt die Lübbenauerin überzeugt. Man tue Körper, Herz und Seele gleichermaßen etwas Gutes. Ebenso wichtig: In der Seniorentanzgruppe aktiv zu sein, helfe gegen drohende Vereinsamung. Außer dem Training seien da schließlich noch die öffentlichen Auftritte etwa beim Linden- oder Stadtfest sowie die Reisen und Feiern. Mindestens zwei Mal die Woche treffe man sich.

Wie wohltuend der Seniorentanz ist, hat sich in Lübbenau längst rumgesprochen, sagt die Tanzlehrerin. Seit einiger Zeit müssten Interessenten vertröstet werden, Wartelisten seien entstanden. Zu groß, sagt die Lübbenauerin etwas bekümmert, dürften die Gruppen nicht werden. Weitere geeignete Räume zu finden, Übungsleiter und Termine, sei nicht leicht. Vorerst werde die Seniorentanzgesellschaft daher wohl nicht größer werden. "Wenn ich Musik höre, dann machen meine Beine los. Ich kann dann nicht anders."