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Selbst Erich kam zum Gratulieren

Staunen bei den Festbesuchern: Anlässlich 60 Jahre GWG Lübbenau kam eine Staatskarosse mit polizeilichem Begleitfahrzeug angerollt und es entstieg Ex-DDR-Chef "Erich Honecker". Seine kämpferische Rede sorgte für Heiterkeit im Publikum, er genoss das Bad in der Menge.
Staunen bei den Festbesuchern: Anlässlich 60 Jahre GWG Lübbenau kam eine Staatskarosse mit polizeilichem Begleitfahrzeug angerollt und es entstieg Ex-DDR-Chef "Erich Honecker". Seine kämpferische Rede sorgte für Heiterkeit im Publikum, er genoss das Bad in der Menge. FOTO: Uwe Hegewald/uhd1
Lübbenau. Zum 60. Geburtstag lässt es mancher ruhig angehen. Zurücklehnen, Glückwünsche entgegennehmen, sich auf die baldige Rente freuen. Uwe Hegewald / uhd1

Nicht so bei der Gemeinschaftlichen Wohnungsbaugenossenschaft der Spreewaldstadt Lübbenau eG (GWG), die mitten im Stadtzentrum einen Festplatz errichtet, mit einem Nonstop-Bühnenprogramm lockt und sogar die ehemalige Kult-Gaststätte "Turbine" wieder aufleben lässt. "Von der gräflichen Familie zu Lynar hatten wir die Zusage erhalten, unsere Festveranstaltung auf ihrer Grünfläche hinter dem Roten Platz durchzuführen. Wichtig war uns die Nähe zur Turbine", so Andreas Rißka, der mit Holger Siebert eine Geschäftsführer-Doppelspitze bildet.

"In der Turbine war immer was los und nichts unmöglich. Hier ging die Post ab, erst recht, wenn die hauseigene Kapelle aufspielte. Und das tat sie fast jeden Abend", erinnert sich Jürgen Stephan. Mehrere Jahre war er dort als Kellner tätig - neben seinem Job im Kraftwerk. "Es ist gut, dass sich die GWG dem Projekt widmet und vor dem endgültigen Verfall gerettet hat. Für viele Lübbenauer hängen Erinnerungen an die Kult-Gaststätte", so das seit 1962 in Lübbenau wohnende GWG-Mitglied. Selbst der angekündigte Überraschungsgast weiß um die feucht-fröhliche Vergangenheit. "Gesoffen wird oft bis zur Nacht - da geht es ab wie bei der Völkerschlacht", bemerkt der mit Staatskarosse und Polizei-Eskorte anreisende Ex-DDR-Regierungschef "Erich Honecker".

Der GWG überbringt er im Namen der DDR-Staatsführung Glückwünsche und würdigt deren Entwicklung: "In Lübbenau freuten sich die Mieter über warmes Wasser aus der Wand. 2011 drang dann noch kaltes Wasser in die Keller", so das Honecker-Double mit einem Augenzwinkern. NETPR Immobilienmarketing (Brandenburg an der Havel) hat das Treffen mit SED-Generalsekretär Honecker (1912-1994) arrangiert, das komplette Bühnenprogramm zusammengestellt, wie auch die Festbroschüre anlässlich 60 Jahre GWG herausgegeben.

"Eine Zeitreise vom Beginn 1957, als sich Lübbenau quasi über Nacht zur Industriestadt entwickelte, bis in die Gegenwart hinein", fasst Moderatorin Susanne Tockan zusammen. Hans-Joachim Vogel zählt zu den Bühnengästen, die von schwierigen Anfängen berichten. "Um eine Genossenschaft zu gründen, mussten wir 30 Mitglieder sein. Ich bin dann durch Lübbenau gestreift und habe bei Fährleuten. Lehrern und sonst wo um Mitgliedschaft geworben", erzählt er. Für seine Zwei-Zweihalbe-Zimmerwohnung mussten er und seine Erika seinerzeit 2400 Mark berappen und 1100 Arbeitsstunden leisten. "Die Arbeit hat uns zusammengeschweißt. Wir fühlten uns als gleichgestellte Mitglieder, heute sind es eher Mietglieder", sagt der 83-Jährige mit der GWG-Mitgliedsnummer 34. In den 70er Jahren betrug das Durchschnittsalter in der wachsenden Stadt 28 Jahre. Lübbenauer waren in sechs verschiedenen Orchestern, zwei Kapellen, zwei Spielmannszügen und einer Bläsergruppe organisiert sowie in zehn Chören, zwei Kabaretts und fünf Singegruppen.

Vorstand Holger Siebert richtet den Blick lieber nach vorn: "Lübbenau entwickelt sich zunehmend zur Wohn- und Kernstadt", sagt er.