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Sehnsucht nach Kirche und Menschen

Pfarrer Dieter Chlopik (r.) nahm sich auch Zeit für Gerd Semisch, Harald Kupsch und Sigrid Sayatz.
Pfarrer Dieter Chlopik (r.) nahm sich auch Zeit für Gerd Semisch, Harald Kupsch und Sigrid Sayatz. FOTO: Hegewald/uhd1
Wüstenhain. Wüstenhain erlebt ein Gemeindefest mit dem unvergessenen Pfarrer Dieter Chlopik. Seine Beliebtheit scheint auch nach 13 Jahren ungebrochen.

(uhd1) Wenn die Kirchengemeinde Gräbendorfer See zu einem Gemeindefest nach Wüstenhain bittet, kommt einiges in Bewegung. So oft kommt es schließlich nicht vor, dass in dem Ortsteil der Stadt Vetschau ein solches Fest stattfindet.

Für Gisela Scherbarth, die im Dorf seit 1980 die Glocken läutet, ist es selbstverständlich, auch dieses Mal zu den Leinen zu greifen. "Schon mein Vater war für das Läuten zuständig", erzählt die Seniorin, die von Sohn Hartmut unterstützt wird. Pfarrer Dieter Chlopik verfolgt den Prozess mit gebotenem Respekt. Es gibt nicht viele Gotteshäuser, in denen die Glocken von außen betätigt werden.

Die Geschichte der Wüstenhainer Dorfkirche ist eng mit dem weit gereisten Pfarrer verbunden, der heute im Mittelalterstädtchen Rothenburg ob der Tauber lebt. "Durch den Einsatz von Dieter Chlopik und mit Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz sowie Fördermitteln des Landes Brandenburg konnte der Verfall der Wüstenhainer Kirche gestoppt werden", heißt es in der Chronik. Mangelnde finanzielle Ausstattung, Einbrüche, Vandalismus und die drohende Abbaggerung des Dorfes hatten dem Gotteshaus zu DDR-Zeiten zugesetzt.

Dieter Chlopik genießt noch 13 Jahre nach seinem Weggang aus dem Pfarrsprengel Altdöbern größte Bewunderung. "Wir haben ihm viel zu verdanken", sagt Harald Kupsch (Ranzow), der den Festgottesdienstes mit initiiert hat.

Dieter Chlopik ist sich selbst treu geblieben. Immer wieder gehen Gäste auf ihn zu, bedanken sich, reichen Präsente oder genießen es einfach, mit ihm in Erinnerungen zu schwelgen.

Die Info, dass der beliebte Pfarrer nach Wüstenhain kommt, hat Christen aus der ganzen Region mobilisiert. Einzelbäuerin Sigrid Sayatz (92) aus Woschkow (Stadt Großräschen) hatte sich ebenso auf den Weg gemacht wie Helga und Herbert Glatz aus Pritzen und viele Gläubige aus Altdöbern, Calau. Ogrosen, Buchwäldchen und einem weiteren Dutzend Dörfer.

Um dem Gottesdienst zusätzlichen Charakter zu verleihen, wurde der Gemischte Vetschauer Chor "Melodia" unter Leitung von Victoria Hauser verpflichtet. Aber was heißt verpflichtet? Gegenüber dem Gemeindekirchenrat räumte der Klangkörper der Spreewaldstadt ein, die Künstlergage für anstehende Renovierungen im Gotteshaus bereitzustellen. "An der Kirchenschiffdecke sind noch zwei schadhafte Stellen zu restaurieren", so Hans-Jürgen Ullbrich, Vorsitzender des Wüstenhainer Heimatvereins.

In diesem Jahr jährt sich der Beginn einer Wüstenhainer Privatinitiative zum zehnten Mal: Mit der Neugestaltung des Umfeldes der Kirche nach historischem Vorbild wurde das Gotteshaus wieder in den Mittelpunkt des Dorfes gerückt. Bereits am kommenden Wochenende steht das Dorfzentrum erneut im Fokus der Öffentlichkeit, wenn zum Dorffest mit traditionellem Treckertreffen eingeladen wird. Dieter Chlopik ist dann schon wieder in seiner Wahlheimat, nicht ohne zuvor versprochen zu haben: "Wenn ich kann, komme ich gerne hierher zurück". Er hänge an den Menschen hier und an den Kirchen, in denen er um die Jahrtausendwende predigte, taufte, traute oder Festgottesdienste begleitete.

Die Wüstenhainer Kirche besaß nie eine eigene Pfarrstelle. Bis 1968 war sie eine Filialkirche von Laasow. Am 29. Juni 1860 brannte die Kirche bis auf die Umfassungsmauern nieder. Auslöser war eine Brandstiftung in einer benachbarten Bauernwirtschaft. Ein alternder Russe, der aus den napoleonischen Freiheitskriegen (1813) zurückgeblieben war, hatte das Haus auf dem er wohnte, aus Hass und auch aus Rache gegen seine Hausgenossen, von denen er übel behandelt wurde, angezündet. Er starb kurze Zeit nach seiner Tat im Luckauer Zuchthaus.