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Sechseinhalb Jahre für Messerstecher

Landgericht Cottbus
Landgericht Cottbus FOTO: Michael Helbig
Cottbus/Vetschau. Wegen versuchten Mordes hat das Landgericht Cottbus am Mittwoch einen afghanischen Asylbewerber, der in Vetschau lebte, zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Die Motive des 24-Jährigen bleiben im Dunkeln. jag

Viel Glück und ein Zufall verhindern ein Urteil, das womöglich eine lebenslange Haft zu Folge gehabt hätte. Mohammed K.* überlebt die Messer-Attacke seines vermeintlichen Freundes aber. Die Strafkammer unter Vorsitz von Richter Frank Schollbach verurteilt Sais A.* am Mittwoch daher "nur" wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung. Der 24-jährige Asylbewerber aus Afghanistan muss die nächsten sechseinhalb Jahre hinter Gitter.

Ohne äußerliche Regung nimmt der sehr gepflegt und fast schmächtig wirkende Sais A. sein Urteil entgegen. Im Rahmen der Beweisaufnahme habe sich der Vorwurf bestätigt, sagt Schollbach. Ein Motiv, die Frage nach dem Warum also - das habe das Gericht jedoch nicht klären können. Was sie dazu während der Verhandlung von dem Angeklagten zu hören bekommt, habe die Kammer nicht überzeugt.

Sais A. ist Ende 2015 mit der großen Flüchtlingswelle nach Deutschland gekommen. Sein letztes Zuhause hier: die Asylbewerberunterkunft von Spreewaldbauer Ricken. Beim Fußballspielen lernt er seinen etwa zehn Jahre älteren Landsmann kennen. Die Beiden freunden sich an. Sais A. besucht seinen neuen Kumpel daheim.

Im Gegensatz zu ihm lebt der verheiratete Mohammed K. mit Ehefrau und vier Kindern in einer Wohnung in Vetschau. Gemeinsam schauen sie Fernsehen und kochen gelegentlich. Auch mit den Kindern hat sich Sais A. beschäftigt, erklärt Frank Schollbach. Alles sieht nach einer freundschaftlichen Beziehung aus, die sich langsam entwickelt.

Doch dann tickt Sais A. am 8. August vergangenen Jahres völlig aus. Für den Abend verabreden sich die beiden Afghanen zum gemeinsamen Umtrunk. In der Nähe der Lobendorfer Brücke, die über die Autobahn 15 führt, wollen sie plaudern und ein paar selbst gemixte alkoholische Getränke zu sich nehmen. Wie viel die Beiden letztlich getrunken haben, konnte nicht geklärt werden. Mohammed K. spricht später von einem Becher.

Als der Abend beendet scheint, schlägt Sais A. vor, über die Brücke ins benachbarte Waldstück zu gehen. Seinem neuen Freund sagt er, er solle vorlaufen, weil er selber schlecht sehe in der Dunkelheit. Sais A. holt ein Klappmesser heraus, öffnet es und sticht Mohammed K. in den Nacken sowie in den rechten Halsbereich. Blut strömt. Die Kopfschlagader wird fast vollständig zertrennt. Mohammed K. zieht sofort sein Hemd aus, drückt es auf die Wunde und flüchtet zur Autobahn. Dort hievt er sich über die Leitplanke und bleibt schließlich bewusstlos mit dem Kopf in Richtung Fahrbahn liegen. Weil das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird, besteht akute Lebensgefahr.

Großes Glück hat Mohammed K., als kurz darauf ein Auto hält. Die Insassen bemerken den liegenden Mann beim Vorbeifahren. Sie kümmern sich sofort und rufen den Notarzt. Mohammed K. wird ins Carl-Thiem-Klinikum gebracht und notoperiert. Er überlebt. Ein Wunder. "Es war Zufall, dass er aufgefunden worden und nicht gestorben ist", betont Richter Frank Schollbach. Selbst der Sachverständige sei überrascht gewesen, dass es ihm nun schon wieder relativ gut gehe.

Doch was hat Sais A. dazu getrieben, seinen neuen Freund heimtückisch von hinten niederzustechen? Diese Frage stellt ihm das Gericht in der Verhandlung. Eine Antwort, die das Cottbuser Landgericht überzeugt, gibt es jedoch nicht. Sais A., der eine beschwerliche Flucht mit Kriegserlebnissen in Syrien hinter sich hat, will in dem Waldstück plötzlich IS-Kämpfer gesehen haben. Auch von Mohammed K. habe er sich bedroht gefühlt und deshalb zugestochen. "Die Kammer hält das für eine Schutzbehauptung", sagt Frank Schollbach. Trotz seiner Vergangenheit gehe sie davon aus, dass Sais A. nicht an einer posttraumatischen Belastungsstörung, an Schizophrenie oder an einer Psychose leidet. Zugute hält das Landgericht dem nicht vorbestraften Verurteilten, dass er sich vier Tage nach seiner Tat selbst gestellt und gestanden hat.

*Namen geändert