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Hallo Nachbar
Dorfbewohnern steigt der Wind in die Nase

Zum Schmuckstück hat sich der Gutshof in Lobendorf entwickelt. In dessen Nebengebäude können Gäste entspannt logieren.
Zum Schmuckstück hat sich der Gutshof in Lobendorf entwickelt. In dessen Nebengebäude können Gäste entspannt logieren. FOTO: Uwe Hegewald / Hegewald Uwe
Lobendorf. Der Oberspreewald-Lausitz-Kreis umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner in neun Städten, 32 Gemeinden und deren Ortsteilen. Doch wer sind die Nachbarn? Die RUNDSCHAU geht auf Kreis-Reise. Station heute: Lobendorf. Von Uwe Hegewald

Wenn Familie Mudra südamerikanischen Klängen einlegt und die Lautsprecher-Regler etwas stärker aufdreht, muss sie nicht in Sorge sein, dass sich Nachbarn aufregen. Die melodische Harmonie von Trommeln, Panflöten, Gitarren & Co. gelten als willkommenes Gegengewicht zu den Klängen, die Brummis, Traktoren und Autos verursachen.

Idyllisch am Waldesrand gelegen führt die Tornitzer Straße durch Lobendorf, einem Stadtteil der Spreewaldstadt Vetschau. „Es ist die Hauptverkehrsader zur Schweinemastanlage Tornitz, die das Leben in unserem Dorf beeinflusst“, sagt Günter Mudra. Er spricht Lobendorfern aus dem Herzen, hat sich auch der Bürgerinitiative (BI) „Schweinewind“ angeschlossen, die sich gegen die Entwicklungen in der Bolart Schweineproduktionsanlagen stemmt. „Der Betreiber hat beantragt, den Bestand um mehr als zehntausend Tiere zu erhöhen. Für unser Dorf heißt das: noch mehr Güllefahrzeuge und noch mehr Brummis, die Baumaterial, Futter oder Schlachtschweine transportieren“, beklagt Günter Mudra. Hannelore Rieger steht ihm verbal zur Seite: „Ich habe mir mal die Zeit genommen, mich an den Straßenrand gesetzt und allein die Güllefahrzeuge gezählt. Auf den Tag hochgerechnet sind es 168 Gülletanker, die durch Lobendorf donnern“, berichtet sie. „Donnern ist der richtige Ausdruck. An das vorgeschriebene Tempo halten sich nur wenige Kraftfahrer“, ergänzt Ehemann Roland. Hinzu kämen Fahrzeuge des Gemüsebauern und jene, die die Strecke über Lobendorf als Abkürzung nutzten. Wie die Riegers und Mudras betonen, könnten sie nur ihre Sicht schildern. Dass es die Mitbewohner ebenso sehen, erfahren sie durch Gespräche am Gartenzaun und den Treffen am Feuer.

„Jeweils im Frühjahr und im Herbst gibt es ein Lagerfeuer fürs ganze Dorf. Das hat sich einfach so entwickelt“, erzählt Roland Rieger. Die Bewohner helfen sich untereinander und sind generell um ein gutes Klima im Ort bemüht. Zugezogene, wie die Familie Kuhla, die ein fast schon verfallendes Gebäude saniert und ausgebaut hat, werden schnell integriert. Hannelore Mudra weiß die Geheimformel, warum es in Lobendorf zwischenmenschlich so gut funktioniert: „Wir kennen uns alle, und wir können miteinander“, betont sie.

Ins Schwärmen kommen Lobendorfer, wenn Gespräche auf die Entwicklungen des Gutshof-Areals gelenkt werden. „Traumhafte Ferienwohnungen. Wir hatten unsere Kinder für ein paar Tage dort einquartiert, die waren genauso begeistert“, halten sie fest. Margit Kalus und Heinz Winkelmann haben das unter Denkmalschutz stehende Anwesen gekauft und zunächst den alten Stall zu einem Reihenhaus ausgebaut. In diesem befinden sich heute drei exklusive Ferienresidenzen. Das Gutshaus selbst wurde als Wohnhaus rekonstruiert und erstrahlt heute in neuer Pracht und barockem Baustil. Im Dorf ist man dankbar, dass das Unternehmerpaar das Objekt vor dem Verfall gerettet hat.

Den Verwandlungsprozess, den der Gutshof durchlaufen ist, kennt Manfred Schenker. Er ist der einzige, in Lobendorf geborene Einwohner. „Früher war unser Dorf noch idyllischer“, sagen Bewohner. Es gab eine Schänke und sogar eine „Heilige Quelle“. Heute erinnern eine Schautafel und eine schlichte Brunnenfassung an die längst versiegte Quelle „Loboschitza“. Lobendorfern dient sie eher als Mahnmal dafür, was unbedachte Industrialisierung  bewirken kann. Führte der damalige Lehmabbau zur Grundwasserabsenkung und zum Versiegen der Quelle, so sind es heute 21 Windkraftanlagen, die dem Ort den Charme stehlen. „Zwei weitere Windräder sollen noch hinzukommen“, berichtet Roland Rieger zähneknirschend.

Im Ort fehle das Verständnis, dass Anlagen sogar im Wald errichtet wurden. Der soll Lobendorf und das dahinterliegende Vetschau eigentlich vor Emissionen der Schweinemastanlagen schützen. Galgenhumor mischt sich unter die Dorfbevölkerung, wenn sie zu wissen behauptet, woher der Wind weht: Süden – Schweinemastanlage, Südosten – Broilermastanlage, Osten – Deutsche Asphalt GmbH. „Als kleines Dorf finden wir nur wenig Gehör bei Entscheidungsträgern. Oftmals werden Dinge über unsere Köpfe hinweg entschieden und über die der Leute unserer Nachbar-Dörfer“, bedauert Hannelore Mudra. Dabei sei das bittere Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht.

Der Bau der Ferienanlage in Laasow, am Gräbendorfer See, lasse ein noch höheres Verkehrsaufkommen erwarten. Folgen Kraftfahrer dem Navigationsgerät, werden sie von Vetschau und der Autobahnanschlussstelle über Lobendorf zur Ferienanlage gelotst. Schwacher Trost: Spätestens dann darf sich Lobendorf „Das Tor zum Gräbendorfer See“ nennen.

Lobendorf
Lobendorf FOTO: Katrin Janetzko / LR