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| 02:57 Uhr

Schreiber und Kleinwächter staunen

Vetschau. Namen sind Schall und Rauch – das stimmt nicht. Der bekannte Namensforscher Prof. Jürgen Udolph aus Göttingen findet zu den außergewöhnlichsten Familiennamen erstaunliche Geschichten. Und trifft so manches Mal mitten ins Schwarze – wie in Vetschau. Da ist es nicht nur um Namen sorbisch/wendischen Ursprungs gegangen. Hannelore Kuschy

Das hätte sich der Bürgermeister höchst selbst wohl nicht gedacht. Seinem Namen nach ist er, Bengt Kanzler, herrschaftlicher Schreiber, Vorgesetzter einer Schreibstube. In seine Kategorie "Städtische, fürstliche und kirchliche Ämter und Dienste, Kriegwesen" fallen auch die Namen anderer Vetschauer wie Kleinwächter und Pleger. Den Nachforschungen des Professors zufolge, kommt die Bedeutung "Jüngerer von zweien" besonders in Zusammensetzungen mit Klein zum Ausdruck. Beispiele seien Kleinhans, Kleinbuck oder auch Kleinschmied und Kleinwächter. 500 Telefonteilnehmer soll es mit letzterem Namen geben.

Hannelore Pleger, Vorsitzende des Vetschauer Kulturvereins, sieht sich mit der Deutung "Verwalter, Sachwalter, Aufseher, Vorsteher, Vormund" konfrontiert. Es muss laut Prof. Udolph die Bezeichnug einer Person sein, "die etwas von Geschäfts oder Amts wegen besorgt". Wie passend.

37 Namen sind im Vorfeld der Veranstaltung mit dem prominenten Namensforscher eingereicht worden. Deren Herkunft zu erklären, wäre ein Abend füllendes Programm. Zu den 20, denen er nachgegangen ist, gehört auch der Name Domdey. "Dieser Name und alle anderen, die auf -dey enden, machen allen Namensforschern Probleme", sagt der 69-Jährige. Diese Endung gelte als verstärkendes Element an Dom- oder Dum-, was so viel bedeutet wie dönen, dampfen, Dunst aushauchen, rauchen oder qualmen.

Im Spreewald ist Familienname Buchan ein weit verbreiteter. 46 der von Prof. Udolph gefundenen Telefonteilnehmer könnten also aus der Region stammen. Entdeckt wurde er vom Göttinger in "Niedersorbische Personennamen aus Kirchenbüchern des 16. bis 18. Jahrhunderts", erschienen im Jahr 2004 im Domowina Verlag Bautzen. Der Leipziger Slawist und Namenkundler Prof. Dr. Walter Wenzel konzentriert sich darin ausschließlich auf den niedersorbischen Sprachraum. Die Grundlage für das historisch-etymologische Wörterbuch, das über 8400 Namenartikel mit rund 48 500 Belegen umfasst, bilden vorwiegend jene Kirchenbücher. Die große Frage ist jedoch, ob dieser Name im Zusammenhang mit dem Dreißigjährigen Krieg steht. Denn während dieses Krieges waren schottische Truppen auf deutschen Territorium, bevor in England ein Bürgerkrieg ausbrach. Wie Prof. Jürgen Udolph erzählt, will ein junger Mann in Schottland auf einem Wappen den Namen Buchan gesehen haben. "Solange der Zusammenhang des Namens mit den Soldaten aber nicht nachgewiesen ist, bleibe ich auf wendischen Spuren", so der Forscher.

Selten ist der Name Biwanno. Angenommen werde, dass er italienischen Ursprungs ist, so Udolph. "Aber darum werde ich mich zu Hause mal näher kümmern." Ähnliche Schreibweisen existieren als Biwank in Dresden, als Biwanke in Balingen. Parallelen gäbe es zum Polnischen, Slawischen "bywac", was so viel heißt wie "sich aufhalten, lange sitzen, Stammgast, kein Ende finden".

Kein Ende finden wollten am liebsten auch die rund 150 Besucher aus Vetschau und Umgebung, die dem locker-flockig plaudernden Namensforscher förmlich an den Lippen hingen. Den meisten von ihnen ist er aus dem Radio bekannt. Unter dem Titel "Examen für Namen" sendet Antenne Brandenburg seit 2011 mit ihm. "Meine erste Sendung hatte ich am 30. November 1998 bei Radio eins", erzählt er. "Vorher haben mich Familiennamen nicht interessiert."

Sein erster Name, den er hergeleitet hatte, sei "Essig" gewesen. Inzwischen sind die schon erklärten Namen wohl nicht mehr zu zählen. Sechs Radiosender in Sachsen, Thüringen, Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Brandenburg sowie das Fernsehen lassen inzwischen von ihm Namen der Hörer und Zuschauer erklären.

In Vetschau lässt er sich ein bisschen länger Zeit als sonst. Seine Frau Maria feiert im Spreewald ihren 65. Geburtstag. Ausflüge zum Plinse essen nach Leipe und nach Straupitz in die Schinkelkirche und zur Holländermühle sollen ein wenig entspannen, bevor es auf die nächste Spur eines Familiennamens geht. Inzwischen macht das der 69-Jährige nicht mehr allein. In seinem Zentrum für Namensforschung in Leipzig habe er junge Leute eingestellt, die inzwischen von ihrer Arbeit leben können, sagt er stolz.

Zum Thema:
Prof. Jürgen Udolph wird am 6. Februar 2013 70 Jahre alt. Im Jahr 1979 promovierte er an der Georg-August-Universität Göttingen. An der Uni Leipzig war er der einzige Professor für Namensforschung. Die Jahre 2000 bis 2008 in Leipzig bezeichnet er selbst als die schönste Zeit seines Lebens. Hat es mit 60 Studierenden angefangen, so waren es wenige Jahre später bereits 250 Studenten.