ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:36 Uhr

Schöne Kindheitstage in der Radduscher Buschmühle

Jedes Jahr wieder blüht die Magnolie vor der Radduscher Buschmühle und scheint Vergängliches und Vergangenheit vergessen machen zu wollen.Anna Heinze um 1940 in der Radduscher Buschmühle.Grabstein der Eltern Ludwig und Anna Heinze des letzten Besitzers der Radduscher Buschmühle.
Jedes Jahr wieder blüht die Magnolie vor der Radduscher Buschmühle und scheint Vergängliches und Vergangenheit vergessen machen zu wollen.Anna Heinze um 1940 in der Radduscher Buschmühle.Grabstein der Eltern Ludwig und Anna Heinze des letzten Besitzers der Radduscher Buschmühle. FOTO: Fotos: Peter BeckerRepro: BeckerRepro: P. Becker
„Am liebsten fingen wir Krebse, denn davon gab es damals sehr viele“ – Ilsedore Nousch kommt ins Schwärmen, wenn sie, heute 73-jährig, von ihrer unbeschwerten Kindheit in der Radduscher Buschmühle berichtet. „Gemeinsam mit meiner zwei Jahre jüngeren Schwester ließen wir an der damals nagelneuen Schleuse in der Grobla, wie das Leineweberfließ in Raddusch heißt, einfach Schnüre herunter, an denen sich die Krebse festhielten. Wer die meisten Krebse gefangen hatte, war Sieger“ , erzählt sie. Die Tiere wanderten dann im hohen Bogen zurück ins Wasser. Von Peter Becker

Mit den Dorfkindern tollte Ilsedore Nousch auf den Wiesen herum, zog durch die Büsche oder stakte mit dem Kahn durch den Spreewald. „Mein Lieblingsversteck war die Hundehütte. Bestens bewacht, konnte sich mir niemand nähern, wenn ich es nicht wollte“ , so die Radduscherin.
An den langen Winterabenden wurde bei Petroleumlicht viel erzählt, gebastelt, gespielt und gesungen. „Das elektrische Licht kam erst im Jahr 1955, aber da war ich schon außer Haus verheiratet“ , erinnert sie sich.
Vater Rudolf Heinze (geboren 1894) hatte die Mühle im Jahr 1935 von seinem Vater Ludwig übernommen, der sie wiederum 1894 vom Müller Stoyan erwarb, weil der entnervt aufgeben hatte, wie Ortschronist Manfred Kliche (60) zu berichten weiß.
Der wohl abergläubische Stoyan hielt das angebliche nächtliche Spuken in der Mühle nicht mehr aus und suchte schleunigst einen Käufer. Er fand ihn in Ludwig Heinze. Der vernahm aber auch bald die nächtlichen Geräusche und, weniger an Übersinnliches glaubend, legte er sich mutig auf die Lauer. So konnte er bald eines Nachts den etwas einfältigen Knecht eines Radduscher Bauern überwältigen. Der von Heinze zur Rede gestellte Bauer gab nach einigem Zögern an, dass man sich im Dorf einig war, den Hinzugezogenen Nicht-Radduschern Stoyan und nun eben auch dem gebürtigen schlesischen Pfarrerssohn Heinze das Leben in der Mühle schwer zu machen. Damals mochte man Fremde nicht.
Die Mühle wurde als Kundenmüllerei betrieben. Die Bauern brachten das Korn und warteten auf das geschrotete Getreide oder Mehl. Mahlkunden kamen aus Burg-Kolonie, Raddusch und mit der Einstellung des Mahlbetriebes in der Dubkow-Mühle im Jahr 1919 vor allem auch aus Leipe. Bezahlt wurde das Mahlen früher mit der Metze, dem Sechzehntel des gemahlenen Mehls.
Da der Müller Schankrecht besaß, ist die Wartezeit sicher nicht allzu lang geworden, denn bis 1944 durften Branntwein, Bier sowie Kuchen und kleinere Speisen verkauft werden. Beide Mädchen halfen gelegentlich beim Ausschank.
Eigentlich wollte Rudolf Heinze Lehramt studieren, aber die familiären Umstände, der väterliche Wille, ließen ihn zum Müller werden. Er heiratete im Jahr 1928 die Kahnsdorferin Anna Tiltag. Drei Kinder wurden geboren. Der einzige Sohn kam eineinhalbjährig tragisch ums Leben – er fiel in die Grobla und ertrank. Das war ein furchtbarer Schicksalsschlag, besonders für den Großvater, der den Jungen beaufsichtigen sollte.
Ilsedore und ihre Schwester Hanni besuchten in Raddusch die Dorfschule. Sommers wie winters legten sie die zwei Kilometer zu Fuß zurück. Im Frühjahr 1945 wurde die damals elfjährige Ilsedore auf dem Weg von einem sowjetischen Jagdflieger mehrmals tief angeflogen, allerdings nicht beschossen. Sie konnte sich nur durch Flucht in die Büsche entziehen. Das war ihr erster und zugleich schrecklichster Kontakt mit dem Krieg, der nun auch nach Raddusch kam. Sie nahm auch die vielen hundert Flüchtlinge wahr, die sich bald rings um die Mühle niederließen.
Etwas Furchtbares muss geschehen sein, auch Tante und Onkel aus Frankfurt/Main wohnten wegen der Bombengefahr in ihrer Heimatstadt nun mit in der Mühle. Voller Angst nahm die Familie am 19. April 1945 – der Vater war noch an der Front – eines Nachts einen sowjetischen Offizier als „Quartiergast“ für eine Woche auf. Groß muss das Erstaunen und die Erleichterung gewesen sein, als dieser sich in deutscher Sprache vorstellte. Den beiden Mädchen las er später stundenlang deutsche Bücher vor. Der Krieg hatte für die Kinder, so schnell er kam, auch wieder ebenso schnell einen Teil seines Schreckens verloren. „Das war ein ganz netter Mensch, wir Kinder mochten ihn sehr“, so die Radduscherin.
Die Mühle hatte seit ihrer Entstehung im Jahr 1777 eine wechselvolle Geschichte. Sie wurde mehrfach umgebaut, zuletzt in den 30er-Jahren, als der Mahlbetrieb von Wasserkraft auf die moderne Dieselkraft umgestellt wurde. Der Grund: Dem Müller wurde aus heute unbekannten Gründen von den Behörden 1931 das Staurecht entzogen. Ein starker Deutz trieb von nun an das Mahlwerk an, später kamen Elektromotoren hinzu.
In dieser Zeit entstand auch eine neue Schleuse. Der Reichsarbeitsdienst hatte im Jahr 1935 einen Weg vom Dorf zur Mühle angelegt. Heinzes ließen auf ihre Kosten eine hölzerne Zugbrücke über die Grobla errichten. Die Radduscher Bauern nutzten natürlich gern diese neue Möglichkeit, um auf ihre Wiesen hinter der Buschmühle zu kommen. Bisher war das nur umständlich mit dem Kahn möglich. Nun konnten die schwer beladenen Ochsen- und Pferdegespanne die Ernte nach Hause bringen. Allerdings führte der Weg über die Brücke direkt an der Haustür der Müllers-Familie vorbei, mit allem Lärm und tierischen Hinterlassenschaften. Auch die einfache Holzkonstruktion litt bald unter der starken Belastung. Der Ärger des Müllers über die oft rücksichtslosen Bauern war groß, so groß, dass sogar der Gemeindevorstand ein Einsehen hatte und eine neue Brücke, nun 50 Meter stromaufwärts, errichten ließ. Wegen der Kriegs- und Nachkriegswirren konnte dieser Plan aber erst um 1955 umgesetzt werden.
In der Mühle wurde noch bis 1952 gemahlen, für den Eigenbedarf sogar noch bis 1999. Tochter Ilsedore heiratete im Jahr 1953 in das Dorf und führte mit ihrem Ehemann einen Landwirtschaftsbetrieb. Tochter Hanni ging später als Ingenieurin in das Kraftwerk Lübbenau. Das Mühlengebäude wurde 1977 endgültig vom Vater verlassen, dessen Frau schon 1972 verstarb. Er fand nun Quartier bei seiner Radduscher Tochter. Die Schwestern wollten Elternhaus und Grundstück für die Wochenenden nutzen, einen kleinen Garten betreiben und sich dort erholen. Leider verfiel im Laufe der Jahre das Gebäude zusehends. Vandalismus tat sein Übriges, und Diebstähle beraubten sie der Gerätschaften. Die letzte Schubkarre und der Leiterwagen verschwanden auf diese Art im vergangenen Jahr.
Die Immobilie, ein Pfahlbau, mit Hunderten Quadratmetern Fläche steht nun zum Verkauf. Dabei ist noch nicht klar, ob sie dem Denkmalschutz unterliegt. Das typische Mahlwerk wurde nämlich schon vor mehr als 70 Jahren entfernt. „Mir blutet das Herz, wenn ich das alles sehe. Was habe ich hier für schöne Kindheitstage gehabt, frei von allen Sorgen und wohlbehütet“, entfährt es der heute 73-Jährigen bei ihren Besuchen in der Buschmühle, wenn sie nach dem Rechten, aber wohl eher Schlechten sieht. Jedes Mal ist eine Scheibe mehr eingeschlagen, die Balken und Bretter wackeln und der Fußboden wölbt sich. Spinnen und Ratten teilen sich nun die Räume. Die in einem Frühjahr von Anna Heinze – sie verstarb 1912 – vor über hundert Jahren gepflanzte überaus reich und immer schöner blühende Magnolie am Grobla-Ufer scheint einen Ausgleich zum unaufhaltsamen Zerfall bilden zu wollen. Mit ihrer Pracht überdeckt sie zunehmend das Vergängliche und Vergangene, so als wollte sie vom Niedergang auf schaurig-schöne Weise ablenken.
Mehr Infos im Internet unter www.raddusch-spreewald.de/geschichte-buschmuehle.html.