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Schöne Grüße von Immanuel Kant

Detlef Grätz in seiner Wohnung. Seit nunmehr zehn Jahren führt er hier ein halbwegs selbstständiges Dasein.
Detlef Grätz in seiner Wohnung. Seit nunmehr zehn Jahren führt er hier ein halbwegs selbstständiges Dasein. FOTO: Steven Wiesner
Lübbenau. Detlef Grätz sitzt im Rollstuhl. Doch anstatt sich in Pflegeheimen versorgen zu lassen, bewohnt er seine eigenen vier Wände – und das seit nunmehr zehn Jahren. Die Geschichte eines Unangepassten. Steven Wiesner / D. Grätz

Dass in diesem Wohnhaus etwas anders ist, zeigt sich schon im Eingangsbereich. Denn die hiesige Haustür ist in der Lage, automatisch zu öffnen und zu schließen. Es ist der einzige Aufgang in dieser Straße, der mit diesem Service ausgestattet ist. Der Grund dafür hat einen Namen: Er heißt Detlef Grätz. Damit er hier wohnen kann, hat die Wohnungsbaugesellschaft im Spreewald (WIS) tief in die Tasche greifen und ihre Räumlichkeiten erstmal barrierefrei umbauen müssen. Denn Detlef Grätz sitzt im Rollstuhl.

Der gebürtige Lübbenauer ist jetzt 55 Jahre alt. Noch nie in seinem Leben aber hat er die Erfahrung machen dürfen, wie es sich anfühlt, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Seit Detlef Grätz denken kann, fesseln ihn spastische Lähmungen an einen Rollstuhl. Sämtliche Gliedmaßen sind von der Schädigung betroffen. Er trägt Schuhe, die aussehen wie Springerstiefel, aber extra für körperbehinderte Menschen angefertigt werden. Eine physiotherapeutische Dauerbehandlung verhindert zumindest, dass seine Arme und Füße unter der Spannung der Spastik versteifen. Seine Hände und Finger sind derart verkrampft, dass einem Detlef Grätz zur Begrüßung kaum die Hand schütteln kann. Einen richtigen Beruf hat er auch nie erlernt. Im Grunde zeigt ihm jeder kleine Handgriff im Alltag seine Grenzen auf. "Ich brauche für alles doppelt so lange", sagt er. Und selbst sein auf 10 km/h ausgelegter Elektrorollstuhl gibt ihm eine Geschwindigkeitsbegrenzung vor.

Doch Detlef Grätz ist müde geworden, Grenzen zu akzeptieren. Er will teilhaben am Leben, genauso wie Menschen ohne Handicap. Er will sich nicht immer vorhalten lassen, was er nicht kann. Er will auch mal 11 oder 12 km/h fahren. "Ich empfinde meine Behinderung nicht als Krankheit. Krank bin ich, wenn ich Husten und Schnupfen habe", sagt er. "Ich kann meinen Eltern keinen Vorwurf machen und ich kann dem lieben Gott keinen Vorwurf machen. Das bringt mich nicht weiter. Ich bin so geboren, das ist mein Leben und ich muss das Beste daraus machen."

Das Beste daraus machen, das bedeutet für Detlef Grätz in erster Linie: so autonom wie nur irgend möglich leben. Und der einschneidendste Wunsch für die Unabhängigkeit eines behinderten Menschen ist wahrscheinlich eine eigene Wohnung. So war es vor vielen Jahren auch bei Detlef Grätz. "Ich will selbstständig sein", sagt er und folgt damit einem Wahlspruch, für den Immanuel Kant schon während der Aufklärung im 18. Jahrhundert zurecht berühmt wurde, indem er das Credo installierte: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"

Detlef Grätz hatte Mut. Auch den Mut, gegen Widerstände anzukämpfen, denn für den Umzug in seine eigenen vier Wände erntete der Lübbenauer auch Skepsis und Unverständnis von Ärzten und der Familie, die Grätz in Pflegeheimen besser aufgehoben sahen. "Ich habe lange für die Wohnung kämpfen müssen", sagt Grätz. Zehn Jahre ist es nun her, dass er seine 60-Quadratmeter-Wohnung bezog. Natürlich ist er noch immer angewiesen auf ambulante Pflege, die zweimal am Tag vorbeischaut, das Bett macht und schwere Einkäufe übernimmt. "Die Kosten für Miete, Pflege und Physiotherapie bezahle ich aber selber von der Hilfe zum Lebensunterhalt, die ich vom Sozialamt bekomme", betont Grätz.

Kosten, die er nicht übernehmen konnte, wie den behindertengerechten Umbau des Wohnhauses, hat die Wohnungsbaugesellschaft getragen. WIS-Geschäftsführer Michael Jakobs spricht in diesem Zuge von Mehrkosten im unteren fünfstelligen Bereich. Detlef Grätz hat viele Menschen kennengelernt, die das alles nicht als notwendig erachten und auch nicht gutheißen, warum er auch noch zwei Katzen halten muss. Jakobs erinnert aber daran, dass "jeder das Recht auf eine schöne und akzeptable Wohnung" hat, so wie auch die UN-Konvention die Rechte von Menschen mit Behinderungen manifestiert: "Menschen mit Behinderung müssen gleichberechtigt die Möglichkeit haben, ihren Aufenthaltsort zu wählen und zu entscheiden, wo und mit wem sie leben. Sie dürfen nicht auf eine besondere Wohnform verpflichtet sein."

Laut Aktion Mensch gibt es zwar keine präzisen Zahlen, wie viele Menschen das ambulante Wohnangebot dem Leben in Heimen oder dem Betreuten Wohnen vorziehen. Doch die Tendenz ist steigend und etwa 40 Prozent der Menschen mit Behinderung machen es genausso wie Detlef Grätz. "Ich bin nicht der Mittelpunkt der Erde", weiß Grätz. Aber warum soll ihm nicht auch das zustehen, was für viele begünstigtere Mitmenschen Normalität ist?

Zum Thema:
"Seit einiger Zeit habe ich einen neuen Pflegedienst: die Villa Lebensbogen aus Vetschau. Der Pflegedienst ist vielleicht ein kleiner, aber er besteht aus Mitarbeitern, die gewillt sind, die Wünsche ihrer zu pflegenden Patienten zu berücksichtigen. Aus meiner eigenen, oft auch schmerzhaften Erfahrung, muss ich leider sagen, dass dies nicht für jeden Pflegedienst zutrifft. Ich wurde von verschiedenen Pflegediensten gepflegt. Bei den Mitarbeitern der Villa Lebensbogen spürt man das Bemühen, den Anliegen der Menschen gerecht zu werden. Dazu kann auch gehören, mit dem Patienten ein fröhliches Gespräch bei einem Eis zu führen- Auch um sich in seinen Lebenserfahrungen auszutauschen und kennenzulernen. Ich möchte Danke sagen für so viel Fürsorge! Danke, dass ich bei Euch sein darf." D. Grätz