| 14:47 Uhr

Promibesuch zur Lausitzer LesArt
Schlagfertiger Schalk im Schloss

Peer Steinbrück zeigte sich bei der Lesung und Vorstellung seines neuen Buches „Das Elend der Sozialdemokratie“ auf Schloss Lübbenau humorvoll, analysierte aber auch schonungslos den Zerfall einer großen Volkspartei. Moderiert wurde die Lesung vom langjährigen Chefredakteur der MAZ, Klaus Rost (r.).
Peer Steinbrück zeigte sich bei der Lesung und Vorstellung seines neuen Buches „Das Elend der Sozialdemokratie“ auf Schloss Lübbenau humorvoll, analysierte aber auch schonungslos den Zerfall einer großen Volkspartei. Moderiert wurde die Lesung vom langjährigen Chefredakteur der MAZ, Klaus Rost (r.). FOTO: Rüdiger Hofmann
Lübbenau. Der ehemalige Kanzlerkandidat Peer Steinbrück analysiert in Lübbenau die Misere der SPD. Die Veranstaltung war ausverkauft. Von Rüdiger Hofmann

Es wird ein süffisanter, zuweilen aber auch ernsthafter Abend im Schloss Lübbenau. Gastgeber Rochus Graf zu Lynar hat im Rahmen der Veranstaltungsreihe der Lausitzer LesArt keinen Geringeren als den ehemaligen SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück eingeladen. Im Saal des Schlossensembles liest der einstige Finanzminister aus seinem aktuellen Buch „Das Elend der Sozialdemokratie“. Das heißt, im Grunde liest er gar nicht, es entspinnt sich eine unterhaltsame und lebhafte Diskussion mit dem Moderator des Abends, Klaus Rost, langjähriger Chefredakteur der Märkischen Allgemeinen Zeitung.

Auf Rosts Anmoderation, ob Steinbrück mit seinem Buch nicht Gefahr läuft, missverstanden zu wären, kontert dieser ein erstes Mal: „Ja, von denen, die es gar nicht gelesen haben.“ Dann betreibt er Ursachenforschung, warum die SPD so abgebaut hat und ob sie überhaupt noch auf der Höhe der Zeit ist. „Die SPD hat keine funktionsfähige Organisationsstruktur mehr“, poltert er los. „In ihren guten Zeiten war sie unfähig, mit ihren Erfolgen zu werben.“ Steinbrück meint die Agenda 2010 (resultierend noch aus der Schröder-Ära, den er als „alte Rampensau“ bezeichnet), als sich die Partei überall entschuldigen musste, was sie da eingerührt habe. „Nur Müntefering war dafür“, sagt Klaus Rost. „Nee, ich auch“, kontert Steinbrück. Gesundes Selbstbewusstsein gehört dazu. „Bei allen Diskussionen: Der Arbeitsmarkt hat sich im Kern nach der Agenda hier in Deutschland positiv entwickelt.“

Steinbrück versucht am Abend nicht nur, gegen seine ehemaligen Mitstreiter zu sticheln oder abzurechnen, sondern zeigt auch Lösungsansätze, wie man aus dem Tal der Tränen wieder herauskommen kann. „Europa ist die Lösung“, sagt er. Der Rückzug auf die eigene Scholle gebe nicht mehr Sicherheit. Dass die SPD im Wahlkampf als zentrales Thema Gerechtigkeit auserkoren hat, war falsch. Sinnvoller wäre das Thema staatliche Handlungsfähigkeit gewesen. „Die Partei braucht außerdem wieder ein Zukunftsgen.“ An dieser Stelle steht Rochus Graf zu Lynar auf und justiert beim Mikro nach. „Soll ich alles nochmal wiederholen?“ scherzt Steinbrück. Gelächter im Saal. Überhaupt nimmt sich Steinbrück in Lübbenau nicht so ernst. „Die SPD ist eine überalterte Truppe. Und ich bin Teil davon.“

Kritik übt der Politpromi am „entfesselten Kapitalismus“ und auch an Facebook, hier aber eher am Bürger selbst. „Die Gesellschaft ist schon verrückt. Jeder gibt alles von sich preis. Aber wehe, es gibt eine Volksbefragung. Da hätten alle Angst gehabt, ihr Geburtsdatum zu nennen.“

Im Laufe des Gesprächs wird die Runde für Fragen aus dem Publikum geöffnet. Wie die BRD zu Russland stehe, und warum wir kritiklos dem Trump hinterherlaufen. Letzteres streitet der SPD-Mann ab. „Ich bin weder naiv gegenüber dem Mann im Weißen Haus noch gegenüber der anderen Seite. Hier ist aber eine sehr differenzierte Haltung nötig. Unsere Politik gegenüber Russland hätte an der einen oder anderen Stelle sensibler sein können.“

Auch das Thema Finanzkrise bleibt nicht aus. Was er denn zu seiner Zeit als Finanzminister getan habe, um das „Über die Verhältnisse leben“ von EU-Mitgliedern zu begrenzen? „Ich habe eine Bank verstaatlicht und Steuer-CD´s aus der Schweiz aufgekauft, um Strafzahlungen zu veranlassen.“ Persönlich hätte er mehr auf Konfrontation gehen sollen, sagt er jetzt im Nachhinein, und gesteht sich auch Fehler ein. „Ich hatte diesen Mittelfinger nicht unter Kontrolle.“

Das schönste Zitat an diesem Abend stammt aber nicht von Steinbrück, sondern von dessen Vorbild Helmut Schmidt. Der münzt es auf die SPD und gibt den Genossen noch einen mit: „Jeder macht dort, was er will, keiner macht, was er soll, aber alle machen mit.“