Von Andrea Hilscher

Ein junger Mann starrt hoch konzentriert auf einen Computerbildschirm. „Der Daumen greift die Flasche, der Daumen löst sich. Der Daumen greift die Flasche, der Daumen löst sich.“ Was klingt wie ein merkwürdiges Mantra ist harte Arbeit – und Alltag für Stefan Kost (34). Seit er vor zehn Jahren durch einen Unfall die Kontrolle über den rechten Arm und sein rechtes Bein verloren hat, besteht sein Leben aus Üben.

Ein Blick zurück. Lübbenau (Oberspreewald-Lausitz) im Sommer 2009. Stefan Kost ist im dritten Lehrjahr als Physiotherapeut. Freunde laden ihn zu einer Geburtstagsparty ein. Er feiert, lacht, amüsiert sich. Zum Tanzen nimmt er einen Bekannten auf die Schulter, hat einfach nur Spaß. Als er den Bekannten wieder auf dem Boden absetzen will, verliert er das Gleichgewicht.

Was dann passiert, erzählen ihm seine Freunde später. Ihm selbst fehlt bis heute jede Erinnerung an diesen Moment. „Ich muss irgendwo Halt gesucht haben“, sagt Stefan Kost. „Leider habe ich reflexhaft bei einer Gabel zugegriffen – und sie mir acht Zentimeter tief ins Gehirn gerammt.“ Zwei Millimeter über dem linken Auge drang die Gabel in den Schädel ein, durchbrach einen Knochen und blieb in tiefen Hirnregionen stecken.

„Ich muss die Gabel dann selbst wieder aus dem Kopf gezogen haben und wollte offenbar weitertanzen“, erzählt Stefan Kost. Seine Freunde haben ihn mit Gewalt auf den Boden gedrückt und den Notarzt alarmiert. Doch auch aus dem Krankenwagen sei er wieder ausgestiegen, bis plötzlich seine rechte Seite ihre Funktionen aufgab und er zusammensackte.

Wahrscheinlich, so beschreibt es der spätere Klinikbefund, waren zu diesem Zeitpunkt die Einblutungen in den unterschiedlichen Hirnarealen so massiv, dass Kost die Kontrolle über seinen Körper verlor. Die Fahrt ins Carl-Thiem-Klinikum nach Cottbus, elf Tage im künstlichen Koma, der Kampf der Ärzte um sein Leben – Stefan Kost kennt all das nur aus Erzählungen.

„Ich selbst bis erst auf der Fahrt nach Kreischa wieder zu Bewusstsein gekommen“, erinnert er sich. In der dortigen Reha-Klinik begann sein Kampf um Normalität. Stefan Kost konnte nicht mehr gehen, weder die rechte Hand noch den Arm benutzen. Er litt unter Wortfindungsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten, sah immer wieder Doppelbilder und konnte sich nur schwer konzentrieren.

Nach elf Monaten zog er zunächst zurück zu seiner Familie, später dann nach Cottbus. „Hier hatte ich die Möglichkeit, in der Reha Vita über Jahre hinweg an meinen Fähigkeiten zu arbeiten, immer wider neue kleine Fortschritte zu machen.“

Irgendwann aber stagnierte er, die Therapien brachten keine wirklichen Erfolge mehr. Also hörte er sich um, fand in Potsdam eine Reha-Einrichtung, die mit modernsten robotikassistierten Geräten arbeitet. „Wir sind spezialisiert auf Patienten nach Schlaganfall“ erzählt Ulli Thiel, Mit-Geschäftsführer der Reha Hellmuth & Thiel. „Patienten wie Stefan kommen oft nach Jahren zu uns, weil sie mit herkömmlichen Methoden keine Fortschritte mehr machen.“

In der Potsdamer Reha lernt der Lausitzer mühsam, mit den Fingern kleine Gegenstände zu greifen, von einem Ort an den anderen zu transportieren und dort abzulegen. „Klingt alles simpel“, sagt Stefan Kost, „aber für mich ist das total harte Arbeit.“

Auch zu Hause kann er mit Geräten trainieren, die an Spielekonsolen erinnern. Sein Arm wird in einen Handschuh geschnallt, der Impulse vom Computer auf die Finger überträgt. Gleichzeitig werden auf dem Bildschirm Bewegungen gezeigt, die Stefan simulieren soll.

„Wenn ich ganz fleißig bin, denke ich die Bewegung ganz bewusst und spreche dabei noch zu mir.“ Auf diese Weise sollen Bewegungsmuster neu im Gehirn verankert werden, unterstützt durch Impulse des Sehens, Hörens und Fühlens. Ein anderes Programm zeigt ihm einen virtuellen Kletterparcours, den er bewältigen muss – die Koordination und die Balance werden so gefördert.

Therapeut Ulli Thiel freut sich über die Fortschritte, die sein Patient in den letzten Monaten machen konnte. „Manchmal will er allerdings zu viel und gibt seinem Gehirn nicht genügend Pausen, um das Gelernte zu verarbeiten.“

Auf Facebook dokumentiert der Lausitzer seine Erfolge und Erfahrungen, will der Welt zeigen, was in ihm steckt. „Mach’s einfach“, heißt seine Seite, die anderen Patienten Mut machen soll.

„Trotzdem kenne ich auch Tiefschläge, Rückschritte und ungute Phasen“, sagt er. Seine Persönlichkeit habe sich nach dem Unfall um 180 Grad verändert, er sei ein anderer Mensch. „Und wenn ich von der Sache mit der Gabel erzähle, dann habe ich manchmal das Gefühl, das ist alles gar nicht wirklich passiert.“ Schnell aber holt ihn die Realität wieder ein. Wenn ihm zum dritten Mal hintereinander ein Beutel aus der Hand fällt. Wenn er seine Orthese anlegen muss, um überhaupt gehen zu können. Oder wenn sich sein Körper vollkommen verkrampft, weil Kost von einer ungewohnten Situation überfordert ist.

Um auch jetzt noch, zehn Jahre nach seiner schweren Verletzung, einen Entwicklungssprung hinlegen zu können, will er sich über ein Crowdfunding-Projekt die nötigen finanziellen Mittel organisieren, eine sechswöchige Kompakt-Reha in Angriff zu nehmen, die von der Krankenkasse nicht voll finanziert wird. „Wenn ich das geschafft habe, dann will ich den nächsten Schritt gehen.“

Sein einstiger Traumberuf Physiotherapeut kommt wegen seiner körperlichen Einschränkungen nicht mehr infrage. „Aber Ergotherapeut kann ich mir sehr gut vorstellen.“ Wenn er einen Ausbildungsplatz bekommt, möchte er sich selbstständig machen, vielleicht sogar mit einem Spezialzentrum, das seiner Reha in Potsdam ähnelt. „Mach’s einfach“ heißt sein Lebensmotto. Und: „Aufgeben kommt für mich nicht infrage.“

Er setzt sich wieder vor seinen Computer, schnallt den Therapiehandschuh an. „Der Daumen greift die Flasche, der Daumen löst sich. Der Daumen greift die Flasche . . .