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Hallo Nachbar: Heute Rutzkau (Amt Altdöbern)
Die Rutzkauer sind gesellig mit Feuereifer

Dörfliche Belange werden durchaus auch bei spontanen Treffen an der Dorfstraße besprochen. Jason und Stefan Müller sowie Marina und Gabi Haschke (v. l.) stehen für die Tatsache, dass der Ort auch gern Müller-Haschke-Dorf genannt wird. Beim regelmäßigen Errichten der Kinder-Hüpfburg (Foto rechts) sind aber auch Helfer mit anderslautenden Familiennamen sehr aktiv.
Dörfliche Belange werden durchaus auch bei spontanen Treffen an der Dorfstraße besprochen. Jason und Stefan Müller sowie Marina und Gabi Haschke (v. l.) stehen für die Tatsache, dass der Ort auch gern Müller-Haschke-Dorf genannt wird. Beim regelmäßigen Errichten der Kinder-Hüpfburg (Foto rechts) sind aber auch Helfer mit anderslautenden Familiennamen sehr aktiv. FOTO: Uwe Hegewald
Rutzkau. Der Landkreis Oberspreewald-Lausitz umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner, die in neun Städten, 32 Gemeinden und deren Ortsteilen leben. Doch wer sind die Nachbarn? Die RUNDSCHAU geht auf Kreis-Reise. Station heute: Rutzkau. Von Uwe Hegewald

Bodenständigkeit, Eifer und Zuverlässigkeit wird den Einwohnern von Rutzkau (Gemeinde Bronkow) nachgesagt. Dass der Ort scherzhaft auch Müller-Haschke-Dorf genannt wird, liegt an der Müller-Haschke-Dominanz. Nahezu die Hälfte der Einwohner von Rutzkau trägt einen der beiden Familiennamen, was der Bedeutung von Vornamen einen besonderen Stellenwert beimisst. „Wenn Fremde nach dem Weg zu den Haschkes oder Müllers fragen, müssen die uns schon den Vornamen oder die Hausnummer nennen“, sagt Gabi Haschke. Auch werde beim Briefverkehr stets der Ortsteilnahme Rutzkau beigefügt, obwohl der Ort seit 1972 in Bronkow eingemeindet ist. „Die Leute identifizieren sich mit ihren Heimatdörfern, ihren gewachsenen Strukturen oder ihren zwischenmenschlichen Beziehungen. Das ist keine lokale Besonderheit sondern ein Merkmal, das überall im Flächenland Brandenburg Bestand hat“, stellt Martina Möller, die Bürgermeisterin der Gemeinde Bronkow, fest.

Um Rutzkau und ihre taffen Einwohner ist der Gemeindechefin nicht bange. „Die Rutzkauer reden miteinander, nicht übereinander“, sagt sie. Ein Dorf also, in dem keine schmutzige Wäsche gewaschen wird? Fehlanzeige. Bergeweise schmutzige Wäsche bekommen Gabi und Marina Haschke in ihre Wäscherei getragen. Seit zehn Jahren säubert und mangelt das Duo an der Wäschefront. „Zum Kundenstamm gehören Gaststätten, Pensionen und viele Privatpersonen“, erzählt Marina Haschke, die sich noch sehr genau an eine „nette Geste“ der Gründerzeit erinnert. „Kümmert ihr euch um eure Wäscherei, ich mache das mit dem Friedhof“, lautete das Angebot von Horst Mittelstädt.

„Das mit dem Friedhof“ umfasst das wöchentliche, freiwillige Pflegen des Hauptweges der Begräbnisstätte, das für rund zehn Jahre in den Händen von Marina Haschke lag. Seit einem Jahrzehnt ist das Greifen zu Harke, Hacke und Eimer die Sache von Horst Mittelstädt, der sich auch sonst im Dorf einbringt. „Sein dauerhaftes, selbstverständliches Engagement war Grund genug, ihn 2016 für den Bürgerpreis des Amtes Altdöbern zu benennen“, berichtet Martina Möller. Die Ehrung nahm der Senior ohne große Worte und stellvertretend für seine verständnisvolle und unterstützende Ehefrau Helga entgegen. „So sind die Rutzkauer. Sie reden nicht lange, sie machen einfach“, erklärt das Gemeindeoberhaupt.

Und spannt den Bogen zu den jungen Säulen im Dorf: Kevin Kaiser, der der örtlichen Feuerwehr als couragierter Ortswehrführer zu neuem Schwung verholfen hat und zu Stefan Müller. Stütze im Dorf, Unternehmer, Familienvater, Allrounder etc. der so manches Mal Arbeiten in seiner eigenen Holzverarbeitungsfirma zurückstellt, um sich dörflichen Belangen zu widmen. „Manchmal sind es die spontanen Arbeitseinsätze, mit denen große Wirkung erzielt wird“, begründet er. Wer schuftet, soll auch feiern, sagen sich die Rutzkauer, bei denen Geselligkeiten von Feuereifer geprägt sind. Neben Herbstfeuer und Osterfeuer wird auch am Vorabend von Heiligabend ein wärmendes Feuer entfacht und zum Glühweinabend auf dem Sport- und Spielplatz eingeladen. Entschleunigung vor dem Fest nennt sich das zwanglose Treffen, das in der Region seinesgleichen sucht.

Auch beim Zampern fahren die Rutzkauer eine andere Schiene. So wird der Winter jährlich im Wechsel durch weibliche und männliche Mitbewohner ausgetrieben. „Dementsprechend wechseln auch die Zuständigkeiten. Die einen zampern, die anderen schlüpfen in die Gastgeberrolle“, skizziert Gabi Haschke das Rutzkauer Zamper-Modell. Zu anderen Geselligkeiten wie das Gemeindefest und Senioren-Weihnachtsfeiern zieht es die Einwohner ins Kerndorf nach Bronkow. Berührungsängste gibt es nicht. „Viele kennen sich von der früheren Arbeit in der Landwirtschaft und durch gemeinsame Aktivitäten der freiwilligen Feuerwehren“, erzählt Christina Müller. Im selben Atemzug lobt sie die in Bronkow lebende Bürgermeisterin als Architektin der Gemeinde. „Mit Amtsantritt von Martina Möller sind die Dörfer enger zusammengewachsen“, erklärt sie anerkenneend. Martina Möller weiß, wo Rutzkauern der Schuh drückt. Insbesondere beim öffentlichen Nahverkehr bestehe Verbesserungsbedarf. Mit Ausnahme der Schulbusse gibt es kaum Alternativen, um für Besorgungen und Arztbesuche nach Calau zu gelangen. Früher hatte es die Einkaufs- oder Behördenbusse gegeben, heute nicht einmal mehr einen Rufbus. „Wenn Senioren schon bereitwillig ihre Fahrzeuge stehen lassen, muss mobiler Ersatz geschaffen werden“, fordert Martina Möller. Sie sieht die Verkehrsgesellschaft des Landkreises in der Pflicht, Lösungen anzubieten.