Von Daniel Preikschat

Erika Förster steht da, wo Ende des 19. Jahrhunderts in Calau die Mädchen unterrichtet wurden. Im Erdgeschoss des schnuckeligen Fachwerkhauses neben der Stadtkirche sitzen aber keine jungen Damen vor ihr. Knapp 20 Teilnehmer der RUNDSCHAU-Sommertour lassen sich von der Ortschronistin durch den Raum führen. In der Mitte steht ein Modell von der Stadt Calau. Drum herum geht es die vier Wände entlang ein Stück durch die Geschichte Calaus.

Erst ab 1908, um bei den Calauer Schülern zu bleiben, wurden Jungs und Mädels unter einem Dach unterrichtet. Zunächst nahe der Mädchenschule, später im Carl-Anwandter-Haus, heute Grundschulteil der Grund- und Oberschule Calau. Hier, sagte Erika Förster, hatten Schüler und Schülerinnen getrennte Treppenaufgänge, die auf witzige Weise auch entsprechend gekennzeichnet wurden: Für die Jungen wählte man einen Eselkopf als Handlaufknauf, für die Mädchen einen Gänsekopf.

Diese Schule besuchte auch der Calauer Schauspieler Joachim Gottschalk. Was Erika Förster über ihn zu sagen hatte, war alles andere als lustig. Gottschalk war einer der populärsten Theaterschauspieler Berlins, als seine Frau Meta, ebenfalls Schauspielerin, von den Nationalsozialisten mit Berufsverbot belegt wurde. Der Calauer weigerte sich, sich von seiner Frau scheiden zu lassen. Vor der Deportation ins KZ Theresienstadt brachte sich das Ehepaar, mit dem achtjährigen Sohn Michael, in Berlin-Grunewald mit Gas und Schlaftabletten um. Am 6. November 1941.

Andere historische Daten waren ebenfalls nicht erfreulich für Calau. Im Museum wird das nicht verschwiegen und auch nicht von Erika Förster. So traf der Calauer Carl Anwandter am 13. November 1850 in Chile ein. Mit knapp hundert weiteren deutschen Emigranten, die es in ihrer Heimat nicht mehr aushielten. Anwandter hatte in Calau Ehrenämter übernommen, war Stadtverordneter gewesen, Kämmerer, sogar Bürgermeister. Aber er war auch liberal und ein Anhänger der Revolution von 1848. Der preußische Absolutismus war ihm zuwider und ließ ihn emigrieren. Von seiner Klugheit und Tüchtigkeit profitierte man fortan in Chile. Anwandter gründete dort unter anderem eine Brauerei.

Die ersten Augusttage 1814 verliefen, wie Erika Förster erläuterte, für viele Calauer ebenfalls nicht gut. Mussten sie doch in ihren Wohnhäusern napoleonischen Soldaten Unterkunft gewähren. Quartierzettel, mehr als 200 Jahre alt, belegen das. Der Feldherr selbst nächtigte im nahen Luckau, soll aber unter einer Eiche in Calau geruht haben, wie zu erfahren war. Die Calauer Napoleon­eiche steht heute noch, wenn auch arg gestutzt.

Längst nicht mehr stehen etliche alte Gebäude in der 1279 erstmals urkundlich erwähnten Stadt Calau. Am Ende des Zweiten Weltkriegs zerstörten die Geschosse 65 Prozent der Innenstadt, so Erika Förster. In den Jahrhunderten davor wurden Häuser immer wieder ein Raub der Flammen. Im Museum vermitteln aber Abbildungen und historische Fotos eine Ahnung davon, wie Calau einst aussah, und was die Menschen hier zu tun hatten. Des nachts die acht Brunnen zu bewachen zum Beispiel, war Aufgabe des Nachtwächters. Seine Ausstattung, Pike und Laterne, sind erhalten. Vor allem aber geschustert wurde viel in Calau – und dabei Witze gerissen mit Lokalkolorit. Erika Förster und Gerd-Uwe Lehnigk, der sie in historischer Schustergewandung begleitete, streuten einige ein bei der Führung. So wissen die Sommertourteilnehmer jetzt etwa, warum das Calauer Kirchendach ein Wetterhahn ziert und keine -henne. „Dann müsste man ja jeden Tag da rauf und die Eier einsammeln“, so ein grinsender Gerd-Uwe Lehnigk.

Er und Erika Förster waren nach der Tour durchs Haus noch lange im Gespräch mit Wissbegierigen. „Ich kenne mich schon gut aus mit der Geschichte von Calau, konnte aber heute noch Wissenslücken schließen und bekam Zusammenhänge erklärt“, lobte Hannelore Maier. Und Steffi Dobrick-Babenz sagte zum Heimatmuseum „Mehr Geschichte, so schön geordnet, kann man nicht unterbringen.“