Von Uwe Hegewald

Wer bei Gabriele Kühnel eine Pflanzen-Führung bucht, sollte etwas Kondition mitbringen. Insbesondere was Knie und Oberschenkelmuskulatur betrifft – zu erleben beim Jahresauftakt auf den Wiesen vor der Slawenburg Raddusch.

Wie beim traditionellen Kinder- und Bewegungslied „Laurentia, liebe Laurentia mein“ geht es ein ums andere Mal in die Hocke. Hier ein Wiesensalbei, dort eine Taubnessel oder ein Sauerampfer, an anderer Stelle ein spätblühender Rainfarn oder die allseits bekannte Schafgarbe. „Wussten Sie, dass aus den Blüten von Löwenzahn schmackhafter Sirup zubereitet werden kann? Oder dass sich Spitzwegerich vorzüglich dazu eignet, Entzündungen zu behandeln – auch bei Mückenstichen?“, fragt sie die Teilnehmer und blickt dann oftmals in grübelnde Gesichter.

Gegen viele Wehwehchen sei ein Kraut gewachsen. Auch auf den relativ kargen Wiesen rund um die Slawenburg Raddusch. „Auf diesen Flächen konnte sich das entwickeln, was gut mit dem Lausitzer Sandboden auskommt“, erklärt Gabriele Kühnel, die für nahezu jedes Gewächs eine Anekdote in petto hat. So etwa bei der Schwarznessel, die im Volksmund auch „Gottvergess“ genannt wird. „Der liebe Gott hat vielen Pflanzen Vorzüge gegeben, nur bei der Schwarznessel hat er sich keine große Mühe gegeben“, begründet die Lübbenauerin.

Wenn die Pflanzen in ihre Blühphase treten, blüht auch sie auf. „Die heimische Flora hat mich schon immer fasziniert. Seit ich Rentnerin bin, kann ich mich dem Hobby noch intensiver widmen und andere Menschen daran teilhaben lassen“, sagt sie. Dabei mag es Gabriele Kühnel gar nicht, in den Vordergrund geschoben zu werden. „Ich mache das als Nabu-Mitglied und aus Überzeugung.“

Im Regionalverband Calau des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) weiß man um die Vorzüge der taffen, fachkundigen und zuverlässigen Naturschützerin. Bei der zurückliegenden Verbandswahl ist sie als weitere Beisitzerin für die Kinder- und Jugendarbeit in den Vorstand gewählt worden. Der Schritt hatte sich abgezeichnet. Als im März 2017 von der Naturwacht im Biosphärenreservat Spreewald die „Wilde Ochsenfroschgang“ gegründet wurde, bot Gabriele Kühnel ihre freiwillige Unterstützung an. An der Seite von Carolin von Prondzinsky lässt sie wissensdurstige Kinder und Jugendliche am Zauber der Natur teilhaben, geht mit ihnen auf Exkursion oder besucht mehrtägige Ranger-Camps im Land Brandenburg. „Dieses Mal geht es sogar zum bundesweiten Ranger-Treffen in die Sächsische Schweiz“, kündigt sie an.

Dabei verschweigt die Spreewälderin nicht, dass es sich bei den Schülern um einen harten Kern handelt, der in Elternhäusern aufwächst, die selbst hinter dem Naturschutz stünden. „Es geht darum, frühzeitig Naturwissen zu vermitteln“, so Kühnel, die inzwischen auch in der Kita Boblitz (Stadt Lübbenau) keine Unbekannte ist.

Dank ihrer Unvoreingenommenheit, Aufgeschlossenheit und einer gesunden Portion Neugier bereite ihr die Arbeit mit dem Nachwuchs immer wieder Freude. Größere Kinder drängt sie auch schon mal, sich in eine andere Lage hineinzuversetzen. „Stellt euch vor, ihr lebt in der Bronzezeit, es gibt keinen Supermarkt und ihr habt Hunger?“, heißt eine ihrer Standardfragen an die Kinder.

Noch heute sei der Gabentisch von Mutter Natur reichlich gedeckt. Wiesen breiten sich wie ein heimischer Teppich aus, auf dem viel Nahrhaftes und Kulinarisches heranwächst. Rund um die Slawenburg habe sich zum Beispiel Feldsalat ausgebreitet, der wohl von Vögeln mitgebracht wurde und sich etabliert hat.

Betroffenheit ist Gabriele Kühnel anzumerken, wenn das Gespräch auf die gefiederten Freunde gelenkt wird. Seit 1980 hat die Zahl der Vögel in den Staaten der Europäischen Union um 56 Prozent abgenommen, was auch mit dem drastischen Rückgang von Insekten in Verbindung steht.

Die Rentnerin vermeidet es, mit dem Finger auf vermeintliche Verursacher zu zeigen, sondern nimmt ihre Mitmenschen in die Pflicht. „Jeder sollte sich selbst fragen, was er für eine bessere Umwelt leisten kann“, appellierte die Lübbenauerin beim „Tag des Waldes“ im Chransdorfer Forst.

Selbstverständlich nutzt sie dabei die Gelegenheit, um für ihre Lieblingspflanze zu werben: die Brennnessel. In Sachen Vielfalt könnten ihr nur wenige heimische Pflanzen das Wasser reichen. Blätter könnten zu Salat, Tee oder Spinat verarbeitet werden, aus den Samen lasse sich gehaltvolles Öl produzieren und selbst angesetzte Brennnesseljauche sei ein bewährtes und natürliches Mittel gegen Pflanzenschädlinge mit Düngewirkung, führt sie an und sie könnte noch viele weitere Vorzüge hinzufügen.