ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:57 Uhr

Rückkehr der Lehder Kulturlandschaft

Siegfried Stadelmayer (re.) im Gespräch mit Helfer Peter Flinker an der aufgeräumten Puschasch-Zeitz-Ecke.
Siegfried Stadelmayer (re.) im Gespräch mit Helfer Peter Flinker an der aufgeräumten Puschasch-Zeitz-Ecke. FOTO: Peter Becker
Lehde. Das Erste, was der Wanderer im Sommer aus Richtung Lübbenau kommend von Lehde sieht, ist eine große Wiese. Sie reicht vom Zeltplatz bis zum Garagenkomplex. Im Winter bietet sich aber ein ganz anderer Anblick auf die Fläche. Peter Becker / peb1

Im Winter und im zeitigem Frühjahr sieht der Ankömmling keine Wiese, sondern eher einen flachen See. Was wie eine Überschwemmung aussieht, ist gewollt. Das, was die Spreewälder seit Jahrhunderten taten, findet hier wieder statt: Die Wiesenfläche wird mit Fließwasser überspannt, die mitgeführten Schwebstoffe düngen den Boden. Ermöglicht wird diese Vorgehensweise durch die Spreewaldstiftung, die die Wiese gepachtet hat, durch das Biosphärenreservat, welches Mittel zur Bewirtschaftung zur Verfügung stellt und dem Lehder Förderverein. Eine Projektgruppe um Dr. Siegfried Stadelmayer hat sich die Erhaltung der typischen Lehder Landschaft auf die Fahnen geschrieben.

Ideale Bedingungen für Pflanzen und Tiere der Region

Im Frühjahr entwickeln sich viele Kleinstlebewesen im flachen Wasser der überschwemmten Wiese, die selbst Nahrungsgrundlage für viele andere Tiere sind. Das Wasser erwärmt sich schnell und bietet somit ideale Bedingungen - eine Kinderstube für alle Wasserlaicher. Nach dem Rückgang des Wassers Ende Mai verbleibt eine Feuchtwiese. Der nährstoffreiche feuchte Boden lässt im Sommer das Gras üppig gedeihen, es wird gemäht und zu Futter verarbeitet. Die gute Qualität macht es für Landwirte interessant. Sie mähen die Wiesen und verhindern so deren Verbuschung. Futter für das Vieh heißt letztlich aber auch Dungherstellung. Die Dungverordnung erlaubt aber nicht mehr das Lagern des Kuhmists am Fließ, so wie es früher der Fall war. Sebastian Kilka, einer der wenigen Lehder Bauern, ist einer der Nutzer des Futters von der Wasserschlagwiese. Um seinen Dunghaufen entsprechend der Verordnung zu errichten, konnte er Fördermittel in Anspruch nehmen. Auf der nun wasserdichten Fläche stapelt er den Mist. "Warum ich ihn wie Zöpfe an den Rändern flechte?" Seine Antwort ist einfach: "Weil ich damit mehr Halt in der Höhe bekomme, somit weniger Fläche brauche und dadurch Kosten gespart habe!"

Um unerlaubtes Fahren auf der Wasserschlagwiese zu unterbinden, planen die Förderer des Projektes etwas Einfaches, aber Wirksames: Sie wollen die Zufahrt ähnlich einer Furt absenken und setzen sie ganzjährig unter knietiefes Wasser. Kilkas Trecker macht das sicher nichts aus.

Die Puschasch-Zeitz-Ecke als traditioneller Name

Puschischa ist slawischen Ursprungs und heißt so viel wie der, der auf einem wüsten Grundstück wohnt. In den letzten Jahren schien es so, als würde sich die Natur mit Macht durchsetzen wollen, um dem Namen wieder zu Ehren zu verhelfen. Das Grundstück der Familie Mehlow, gelegen am Zeitzer und am Puschischa-Fließ, heute der Lehder Graben, drohte zu verwildern. "Wir mussten es aufgeben, weil die Wildschäden so stark zunahmen. Und einen Stacheldrahtzaun wollten wir nicht ziehen", erzählt Michael Mehlow, dessen Vorfahren Puschasch hießen und dem Fließ einst den Namen gaben. "Für uns hieß das früher immer ‚wir gehen auf Zeitz‘, wenn Feldarbeit angesagt war", ergänzt er und favorisiert gleichzeitig "Puschasch-Zeitz-Ecke" als die treffendere Bezeichnung.

Inzwischen hat die Bürgerstiftung Kulturlandschaft Spreewald das Grundstück gepachtet und der Lehder Förderverein hat die Bewirtschaftung übernommen. Siegfried Stadelmayer fasst zusammen: "Es ist uns gelungen, ein Stück Spreewaldlandschaft wiederherzustellen. Eine gepflegte Wiese mit Heuschober, ausgelichteten Erlen- und Weidenbestand und mit einer Streuobstwiese im Hintergrund." Einige Mittel konnte der Verein durch Einnahmen bei Dorffesten selbst beisteuern. Sponsoren halfen mit Geld und stellten einen Wildzaun auf. Große Unterstützung kam auch von den Lübbenauer Kahnfährleuten vom Großen Hafen und vom Holzgraben. Es lag in ihren Interesse, den Kahnfahrgästen eine typische Spreewaldlandschaft zeigen zu können. Helfer wie Material kommen nur per Kahn auf das Gelände, das mit einer Größe von knapp einem Hektar zu bewirtschaften ist. Vom Burger Kräutergarten wurden die alten Obstbaumsorten geliefert. Jährlich muss mehrmals gemäht werden. Dazu verlädt Hans Molle den Balkenmäher auf den Kahn und fährt zur Puschasch-Zeitz-Ecke, um ihn dort wieder zu entladen. Günter Scholz wohnt unweit des Areals, er kümmert sich dann ums Heumachen und bringt es nach Hause.

Das Heu als typisches Spreewaldsymbol

Das Heu, das Harald und Klaus Wenske für den Schober brauchen, wird von einer anderen Wiese geholt. Es ist langhalmiger und besser geeignet. Der Heuschober stellt den Blickpunkt auf der touristischen Hauptroute dar - millionenfach fotografiert ist er das Spreewaldsymbol schlechthin.

Das Areal linksseitig vom Weg zu Kaupen 6 drohte vom Japanischen Staudenknöterich überwuchert zu werden. Diese Pflanze istnicht heimisch. Der ungewollte Import kann täglich bis zu 30 Zentimeter wachsen . Wer schon mal mit dem Auto den schmalen Weg gefahren ist, weiß wie stark die Sicht durch die Pflanze eingeschränkt war. Neben der Sorge um die Verkehrssicherheit, war es die Sorge, den pflanzlichen Eindringling Einhalt zu gebieten. Der Verein bereinigt mit enorm hohen Aufwand das Areal.

Die Lehder hätten da noch eine weitere Wasserschlagwiese zu bewirtschaften. Sie ist im Gebiet der Zeitzschleuse gelegen oder wie die Lehder sagen, links vom Brodgk.

Heuschober sollen das Ufer vom Suezkanal säumen

Links von Brodgk stimmt es schon, am Suezkanal noch nicht. Auch hier die Kulturlandschaft wieder hergestellt werden. Heuschober sollen wieder das Ufer säumen. Stadelmayer hofft, dass die Landwirte mit der Mähtechnik keinen zu großen Bogen um die Buschgruppen machen. "Das Gegenteil ist richtig, dicht ran, notfalls mit der Sense. Auch der Landwirt muss im wahrsten Sinne des Wortes mit Hand anlegen, wenn die Lehder Landschaftsgestaltung zum Erfolg geführt werden soll. Es ist ein Werk vieler, die hier leben und sich einbringen", bringt Siegfried Stadelmayer die Projekte des Lehder Fördervereins auf den Punkt. Und er sieht schon nächste Aufgaben: Links und rechts vom Suezkanal greift Wildwuchs um sich. Die eine Seite ist Stadteigentum, die andere gehört der BASF. Es gibt noch viel zu tun für den Lehder Förderverein. Michael Petschick vom Biosphärenreservat: "Es gibt im gesamten Spreewald für die Landschaftsgestaltung reichlich Baustellen für die Rekultivierung der Landschaft. Mit der Spreewaldstiftung haben wir ein Instrument geschaffen, dass Helfer und Hilfe suchende zusammenbringt. "

Die Landschaft im Bereich der Zeitz-Schleuse ist intakt. Sie wurde wiederhergestellt und der Uferbereich ist nun ein idealer Lebensraum für heimische Tiere und Pflanzenwelt.
Die Landschaft im Bereich der Zeitz-Schleuse ist intakt. Sie wurde wiederhergestellt und der Uferbereich ist nun ein idealer Lebensraum für heimische Tiere und Pflanzenwelt. FOTO: Peter Becker/peb1
Aufgegebene ehemalige Acker- und Wiesen am Zeitz-Fließ. Die Feldgräben (Zirren) drohen zuzuwachsen.
Aufgegebene ehemalige Acker- und Wiesen am Zeitz-Fließ. Die Feldgräben (Zirren) drohen zuzuwachsen. FOTO: Peter Becker