ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 16:30 Uhr

Kunsthandwerk
Rettung für kaputte Lampenschirme

Aus Filz wird Baumwolle. Dieter und Barbara Leubauer aus Cottbus suchen nach einer passenden Farbe für ihren liebgewonnenen Lampenschirm.
Aus Filz wird Baumwolle. Dieter und Barbara Leubauer aus Cottbus suchen nach einer passenden Farbe für ihren liebgewonnenen Lampenschirm. FOTO: Jenny Theiler / LR
Vetschau. Restauratorin Marion Wagner-Dee hält in Vetschau ein aussterbendes Kunsthandwerk am Leben.

„Es gibt heute einfach keine schönen Lampen mehr zu kaufen“, beklagen sich die Kunden von Marion Wagner-Dee. Immer in den Wintermonaten reist die gelernte Lampenschirmbauerin quer durch das ganze Land, um ihr spezielles und äußerst gefragtes Handwerk der Bevölkerung anzubieten. Auch im Spreewald ist die 54-Jährige bereits seit über zehn Jahren bekannt und eine beliebte Anlaufstelle für Reparaturen oder Neuanfertigungen rund um den Lampenschirm. „Ich fertige die Einzelstücke genau so an, wie meine Kunden sie tatsächlich brauchen“, betont die Lampenschirmrestauratorin.

In einem ehemaligen Schuhgeschäft, in der Cottbuser Straße in Vetschau, hat sich Marion Wagner-Dee für die nächsten zwei Wochen einquartiert. Es sind vor allem viele Kunden aus Cottbus, die den Weg in den Spreewald auf sich nehmen, um ihre kostbaren Erbstücke oder getreuen Wohnzimmerlampen vor dem Abfall zu bewahren. Einfach wegwerfen und neu kaufen, das komme laut Marion Wagner-Dee für die meisten Leute heutzutage kaum noch in Frage – auch nicht für Dieter und Barbara Leubauer aus Cottbus.

Das Ehepaar wendet sich mit einem kaputten Lampenschirm aus Filz an die Expertin. „Die Lampe hat Jahre lang in der Gartenlaube gestanden und jetzt wollen wir sie wieder ins Wohnzimmer holen“, erklärt Dieter Leubauer. Der Lampenschirm stammt aus den Sechziger Jahren der DDR und fällt der Expertin sofort auf, denn der Ring im Drahtgestell, der über die Glühbirne gesetzt wird, entspricht nicht der heutigen Norm.

„Bei allen Lampenschirmen, die zu DDR-Zeiten hergestellt wurden, hatte dieser Ring einen Durchmesser von 45 Millimetern. Die europäische Norm liegt aber bei 42 Millimetern“, erklärt die Expertin. Dieser Maßunterschied sollte verhindern, dass westdeutsche Fabrikate in ostdeutsche Wohnungen gestellt wurden. Umgekehrt konnten in der DDR hergestellte Lampenschirme aber trotzdem ins Ausland exportiert werden.

Eben jener Metallring ist am Lampenschirm von Familie Leubauer gebrochen. Marion Wagner-Dee wird mit Metallkleber die Bruchstelle reparieren und die runde Form wieder herstellen. Zudem wird der gesamte Schirm auf links gedreht und mit einem gelben Baumwollstoff neu bespannt. „Die Lampe hat uns damals gefallen und das ist heute auch noch so“, erklärt Barbara Leubauer.

Der Betrieb in Marion Wagner-Dees provisorischer Werkstatt zeigt, dass die Kunden vor allem an ihre alltäglichen Gebrauchsgegenstände hohe Qualitätsansprüche stellen. Viele Menschen würden lieber auf das vertrauen, was sich seit vielen Jahren in ihrem Haushalt bewährt hat. Deswegen wägen viele ab, ob sich nicht vielleicht doch eine Reparatur der guten alten Wohnzimmerlampe lohnen würde. „Eine Reparatur lohnt sich immer, wenn Sie nicht vorhaben, die Lampe wegzuschmeißen“, erklärt Marion Wagner-Dee auch ihrem nächsten Kunden. Ulrich Beley aus Müschen hängt an einem massiven Glaslampenschirm aus den Zwanziger Jahren. Das Stück hat noch seiner Mutter gehört und war früher mit einer aufwendigen Glasperlenborte verziert. Um diesen Schmuckrand originalgetreu nachzubilden, würde die Restaurateurin ungefähr 16 000 feinste Glasperlen benötigen, die nur mit einer speziellen Nadel aus 24-karätigem Gold aufgefädelt werden können.

Für Marion Wagner-Dee wäre das aufwendige Projekt kein Problem. Die Kosten würden sich allerdings zwischen 700 und 800 Euro bewegen. Ulrich Beley entscheidet sich stattdessen für eine Fransenborte aus Kordeln. Die Entscheidung über Farbe und Stärke überlässt er der Künstlerin.

Marion Wagner-Dee repariert nicht nur alte und kaputte Lampenschirme – sie näht, baut, gestaltet und bemalt sie auch selbst. Von einem ehemaligen Lampenbauschlosser erhält sie die Metallgestelle, um sie anschließend mit den unterschiedlichsten Stoffen zu beziehen. „Ich arbeite mit allem, was beweglich ist“, erklärt die Expertin. Der äußerst bunte und umfangreiche Materialfundus würde sogar den wählerischsten Kunden überzeugen. Mit den unterschiedlichsten Stoffen, Farben und Schmuckelementen wie Kordeln, Fransen, Borten und Glasperlen lässt die freischaffende Künstlerin die Wünsche ihrer Kunden wahr werden. Besonders ungeduldige Lampenliebhaber würden sogar täglich anrufen, um nach dem Reparaturstatus zu fragen.

So wie auch der Knopfmacher, der Blaudrucker und der Posamentier, existiert der Lampenschirmbauer als Handwerksberuf nicht mehr. Dennoch ist Marion Wagner-Dees Kunst gefragt. Die gebürtige Rheinländerin kann auf 29-jährige Berufserfahrung zurückblicken und gilt offiziell als freischaffende Künstlerin. In den Sommermonaten restauriert sie im Auftrag verschiedener Raumausstatter die Lampenschirme in Hotels und Cafés. Ab September zieht sie mit ihrem Mann von Ort zu Ort, um sich den Wünschen der qualitätsbewussten Bevölkerung anzunehmen. Dieser Auftrag erscheint äußerst ehrgeizig, wenn man bedenkt, dass es in ganz Deutschland nur noch eine handvoll passionierter Kollegen gibt, die das Lampenschirmbauen so wie Marion Wagner-Dee beherrschen.