Das neue Buch von Spreewald-Fotograf Peter Becker endet fast wie ein Film: „Seit 1976 fährt er seine Fahrgäste im schwarzen Kunststoffkahn mit den blauen Bänken über das weit verzweigte Netz der Fließe in der Lagunenlandschaft.“ Wobei Film ein gutes Stichwort ist, wenn von Peter Beckers neuem 100-Seiten-Büchlein die Rede ist. Zwar geht es dem Autor aus dem Vetschauer Spreewalddorf Raddusch nicht um Western-, Liebes- oder Abenteuerfilme, sondern um Zelluloid und Acetylcellulose. Doch auch darüber lässt sich spannend schreiben, wie der ausgebildete Diplomlehrer für Wirtschaft, Arbeit und Technik beweist.

Die Spreewald-Bücher erzählen die Geschichten der Region

Die anderen neun Bücher Beckers sind – mit einer Ausnahme – sämtlich Spreewald-Bücher. Er berichtet, mitunter zusammen mit Ko-Autoren, über Vegetation und Tierwelt, über Sitten, Gebräuche und markante Gebäude, über das Kahnfährwesen und die Leibspeisen der Bewohner. Nun also ein Buch über Kunststoff und Chemikalien. Schon der Titel „Vom Segen zum Fluch und zurück“ jedoch signalisiert: Der Leser nimmt hier kein Sachbuch nur für Fachpublikum in die Hand. Es werden Geschichten erzählt von Erfindern, Forschern und Technikern mit Pioniergeist, die auch mal herbe Rückschläge wegstecken können.

Peter Becker widmet sich unter anderem John Wessley Hyatt, der zur Jahrhundertwende Zelluloid zur Marktreife führte, oder auch dem 1944 verstorbenen Leo Hendrik Baekeland. Der Autor versteht es, die an Sturheit grenzende Unverdrossenheit dieses „Vaters der Industrie der synthetischen Kunststoffe“ und sein Stehvermögen zu vermitteln. Wichtige Eigenschaften. Denn in einer Zeit, als noch „ausschließlich die Natur die Wirtschaft mit Rohstoffen versorgte“, wie Becker schreibt, stießen die Neuerer mit ihren Kunststoff-Forschungen auf den Unwillen und die Skepsis der Fabrikanten und Geldgeber. Auch Joseph Wilson Swan, geboren 1828 im britischen Sunderland, und Erfinder der Kunstseide bekam das zu spüren.

Die ganz praktischen Probleme der Erfinder und der Zufall

Vor allem aber hatten die Erfinder viele praktische Probleme. Wilhelm Krische aus Hannover etwa versuchte lange vergeblich, abwaschbare Schreibtäfelchen für Notizbücher herzustellen. Und zwar indem er Casein, das bei der Magermilchproduktion anfällt, mit Pappe zusammenpresste. Nur aus Zufall ließ er bei einem Versuch beide Materialien länger als geplant in der Presse. Heraus kam ein wertvoller Naturhorn-Ersatzstoff, für den er gleich ein Patent anmeldete.

Die Lektüre der meisten Seiten in Beckers Buch dürfte für Laien sogar noch interessanter sein als für Fachleute. So erfährt man unter anderem, was Glühlampen mit Textilien zu tun haben oder warum Filme Brandkatastrophen auslösen konnten. Der enorm vielseitig einsetzbare „Stoff der 1000 Möglichkeiten“ löste seinerzeit eine wahre Kunststoff-Euphorie aus. Mit ihm wurden Propeller gefertigt, aber auch Schmuck, Griffe, Kleidung. Dem Leser wird bewusst, wie allgegenwärtig Kunststoff nach wie vor ist und wie bahnbrechend die Erfindungen waren. Mit dem Problem der Langlebigkeit des Unkaputtbaren freilich befasste man sich damals noch nicht.

Von harter Nachtarbeit mit dem Einsatz des Föhns

Für das Ende hebt sich Peter Becker die Geschichte der drei Lübbenauer Plastikkahn-Pioniere auf. Im Jahre 1976 war es Materialknappheit, die in der Spreewaldstadt Renate, Manfred und Arwed Franke dazu bewegte, einen Spreewaldkahn aus Polyesterharz und Glasfaserflies selbst zu fertigen. Schicht um Schicht wurde auf einen Spreewaldkahn-Abdruck aufgetragen. In Nachtarbeit und mit Föhneinsatz, um das Aushärten zu garantieren. Arwed Franke steuert den 440 Kilo schweren Plastikkahn noch heute über die Fließe. Und seine Fahrgäste, zitiert ihn Becker, sind nach wie vor überzeugt, in einem Holzkahn gestakt zu werden.

Während des Lesens merkt der Leser, was Becker am Kunststoff findet und versteht sein Anliegen. „Ich wollte das Buch schon immer mal schreiben“, sagt der Radduscher. Mit seiner Diplomarbeit über die Entwicklungsgeschichte der ersten Kunststoffe hatte er schließlich eine gute Grundlage dafür, außerdem mit dem Plastikkahnbau der Frankes in Lübbenau ein schönes Beispiel aus der Region. Im Ruhestand, mit 72 Jahren, konnte er nun endlich seinen Plan umsetzen und mit seinem Buch Nummer zehn auch ein kleines Jubiläum feiern.

Angaben zum Buch und weitere Titel


„Vom Segen zum Fluch und zurück: Geschichten um die ersten Kunststoffe“ ist als Taschenbuch- und Kindle-Ausgabe erschienen. Von Peter Becker dsind noch erschienen: „Heedekinder“, „Spreewald kulinarisch – Rezepte & Gaststätten“ und „Spreewald – eine Reise durch das Jahr in Bildern und Geschichten“ und „Die Dubkow-Mühle“.