Von Daniel Preikschat

Richard sitzt in einem der Frisierstühle im „Spektakulär“. Eben saß hier noch sein Vater. Nun  ist er dran. Mal mit Kamm und Schere, dann wieder mit Rasierer und Fön oder auch nur mit Gel in den Händen bewegt sich Ricarda Christiansen um den Kopf des jungen Kunden herum. Die Miene des anfangs etwas missmutig dreinschauenden Jungen hellt sich merklich auf. Seine Frisur nimmt Kontur an. Und jetzt fragt ihn die nette Frisörin auch noch: „Darf ich dir hier einen kleinen Cut machen?“ Sie darf. Als Richard wenig später aufsteht, erinnert seine Frisur an die von Boateng oder von einem anderen Fußballstar.

Die Fußballer ihrerseits gucken sich die Frisuren von den Pop- und Filmstars ab, sagt Thilo Christiansen. „Natürlich bieten wir das dann auch an.“ Der Lübbenauer führt mit seiner Frau die Geschäfte im Salon „Spekatakulär“ und nimmt ihr fast alles ab, was irgendwie mit Zahlen zu tun hat, wie er lächelnd erzählt. Ehefrau Ricarda soll sich ganz auf das Frisörhandwerk an sich konzentrieren können, auf die Arbeit am Kunden und auch auf die Ausbildung. Denn die Anforderungen, die das „Spektakulär“-Team an sich stellt, sind hoch.

Man ahnt das schon beim Besuch des Salons in der Karl-Marx-Straße. Ein roter Teppich vor dem Eingang signalisiert: Der Kunde ist König. Drinnen fallen Ochsenschädel über hohen Spiegeln auf, die an Ketten hängen, und das große Mandala-Muster an der Wand. Bei näherem Hinsehen erkennt der Kunde, dass hier eigene Produkte zur Anwendung kommen. „Lutki“ steht auf den Packungen und Fläschchen mit Shampoo, Spray und Gel. Selbst herstellen lassen haben die Lübbenauer die Substanzen und dabei Vorgaben gemacht, was die Inhaltsstoffe und ihre Eigenschaften angeht. Wunschgemäß ist auch der Salon selbst. Vor zehn Jahren, so Thilo Christiansen, habe man einen Neubau auf dem Grundstück Marxstraße 94 errichten lassen, konnte dabei den Raum genau so bauen und einrichten, wie man ihn haben wollte. Das Ehepaar wohnt mit Sohn Louis eine Etage höher.

Schon früh hat Ricarda Christiansen Ehrgeiz im Job und Konsequenz bewiesen. Mit 22 Jahren machte sie Mitte der Neunziger Jahre ihren Meister an einer Meistervorbereitungsschule in Heidelberg. In den drei Monaten habe sie dort viel gelernt und  das Rüstzeug mitgenommen, sich in ihrer Heimatstadt selbstständig zu machen.

Nur Salonleiterin zu sein bei einem Arbeitgeber, das habe sie nicht befriedigt. Sie wollte ihre eigenen Vorstellungen umsetzen für einen Friseursalon. Aber auch ein Kind wollte Ricarda Christiansen. Zur Eröffnung ihres ersten eigenen Salons kam es daher „erst“ 1998, damals schon in der Karl-Marx-Straße, schräg gegenüber ihres Salons heute.

Vergangenes Jahr konnte also 20-jähriges Geschäftsjubiläum gefeiert werden. Der Salon „Spektakulär“ beteiligte sich deshalb 2018 erstmals am Kahnkorso beim Spreewald- und Schützenfest. „Dieses Jahr waren wir wieder dabei, weil wir so viel Spaß dabei hatten“, erzählt die Fachfrau. Und einen Grund zum Feiern gab es auch. Ricarda Christiansen bekam 25 Jahre nach ihrem Meister ihre Auszeichnung als silberne Friseurmeisterin. Das wurde in der Moderation am Großen Spreewaldhafen vor Tausenden Besuchern auch so verkündet.

Geschicktes Marketing gehöre dazu, so Thilo Christiansen. Beispielsweise kooperiert der Salon mit der Tanz- und Musikschule in Luckau. Vor der Jugendweihe bekommen die 13- und 14-Jährigen Frisurtipps und Typberatung. An Hochzeitstagen kann sich die Festgesellschaft im Salon frisieren und stylen lassen. Am wichtigsten freilich seien hohe Qualitätsstandards und eine ganzheitliche individuelle Beratung, sagt die Fachfrau. Das binde Kunden und mache den Salon außerdem für Fachkräfte attraktiv, die auch in der Frisörbranche fehlen. Der eine Azubi, den Ricarda Christiansen ständig im Team hat, wird nicht nur am Arbeitsplatz und in der Schule ausgebildet. Man fahre auch zu Messen und Schulungen.

Jüngste Initiative der Lübbenauer in Sachen Qualifizierung ist eine Zertifizierung. Das Gütesiegel „fairer Salon“ haben die Christiansens von der Wertegemeinschaft für das Friseurhandwerk bekommen. In der Selbstverpflichtung geht es nicht nur um Professionalität im Umgang mit Kunden oder um den Einsatz ökologisch unbedenklicher sowie dermatologisch getesteter Pflegemittel. Ganz oben an steht auch der faire Umgang mit Mitarbeitern, die entsprechend entlohnt und fortgebildet werden müssen. Dieses Gütesiegel zu bekommen, war Ricarda und Thilo Christiansen erstmal wichtiger, als ein weiterer Lübbenauer Q-Betrieb zu werden. Das könne immer noch kommen.