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Raupen bedrohen Lieberoser Naturschutzgebiet

Axel Becker (l.) und Peter Wöhl präsentieren einen von zahlreichen Leimringen, an denen die Kiefernspinner-Raupen regelmäßig gezählt werden.
Axel Becker (l.) und Peter Wöhl präsentieren einen von zahlreichen Leimringen, an denen die Kiefernspinner-Raupen regelmäßig gezählt werden. FOTO: Torsten Richter/trt1
Lieberose. Bei den Lieberoser Förstern schrillen die Alarmglocken. Millionen Raupen befinden sich auf dem Weg in die Kronen der Kiefern. Vollenden die Insekten ihr zerstörerisches Nadel-Fraßwerk, dürfte für den Wald das letzte Stündlein geschlagen haben. Jetzt sollen die Kiefernspinner bekämpft werden. Doch die Zustimmung der Umwelt-Behörde steht noch aus. Torsten Richter / trt1 trt1

Es liegt ein Knistern in der würzigen Waldluft nahe des früheren Lieberoser Schießplatzes. Fast so, als würde jemand ein Stück Plastikfolie in seinen Händen hin und her bewegen. Doch das unüberhörbare Geräusch stammt aus den Kronen der etwa 50- bis 60-jährigen Kiefern. Denn in diesen ersten warmen Frühlingstagen baumen die Raupen des Kiefernspinners auf. Ihr Ziel: die schmackhaften grünen Nadeln. Normalerweise wäre dies nicht der Rede wert. Doch die Raupen kommen zu Millionen. Sie drohen, die Kiefern völlig kahl zu fressen. Zahlreiche Bäume besitzen schon jetzt kaum mehr eine einzige Nadel. Bereits im Vorjahr hatten sich dort die Insekten gütlich getan.

Vor zwölf Monaten entschieden sich die örtlichen Förster gegen eine Bekämpfung. "Damals wiesen die Bäume noch eine gute Benadlung auf", erklärt Axel Becker, Leiter der Oberförsterei Lieberose. "Aber diesmal wird es richtig kritisch." Denn bereits die Ergebnisse der Winterbodensuchen, wo die Forstleute nach dem ersten Frost nach überwinternden Schadinsekten im Waldboden fahnden, ließen alle Alarmglocken schrillen.

Auf einer der zahlreichen Probeflächen, die gerademal fünf Quadratmeter umfassen, hätten die Waldarbeiter in einem Gebiet nördlich des Schießplatzes sage und schreibe 956 Kiefernspinner-Raupen gefunden. "Solch eine Zahl gab es in meinem Revier noch nie", resümiert Revierförster Peter Wöhl.

Der 52-Jährige weiß, wovon er spricht. Schließlich ist er bereits seit dem Jahr 1988 in der Lieberoser Heide tätig. Die bislang höchste Zahl von Kiefernspinner-Raupen pro Suchfläche habe sich irgendwo zwischen 400 und 500 befunden. Kritisch werde es indes bereits bei mehr als 22gefundenen Raupen. Auch die Kontrollen durch Leimringe, an denen die aufbaumenden Raupen gezählt werden, hätten durch die Bank weg kritische Werte ergeben.

Die Förster haben sich nach "reiflicher Überlegung", wie Axel Becker sagt, zur Bekämpfung entschieden. "Denn die Wälder sind in ihrer Existenz gefährdet", lautet Beckers schlüssige Begründung. Würde nichts getan, könne locker mit 30 bis 40 Prozent Ausfällen bei den Kiefern gerechnet werden.

Allerdings sei für den Einsatz des Kontakt-Insektizids namens "Karate" noch nicht das letzte Wort gesprochen. Denn die betroffene Fläche, knapp 430 Hektar, befindet sich ausgerechnet im Naturschutzgebiet Lieberoser Endmoräne. Vor wenigen Tagen haben die Förster einen entsprechenden Antrag bei der Unteren Naturschutzbehörde in Lübben eingereicht. "Jetzt geht es an das Beteiligungsverfahren, beispielsweise von Naturschutz-Organisationen", erklärt Heidrun Schaaf, Sprecherin des Landkreises Dahme-Spreewald. Dieses Procedere nehme in etwa vier Wochen Zeit in Anspruch. Und wie dann die Entscheidung ausfällt, sei völlig offen.

Nach Angaben der Lieberoser Forstleute besichtigten bereits Anfang März Mitarbeiter der Brandenburger Landesforstanstalt Eberswalde (LFE) die entsprechenden Flächen. "Die Experten rieten uns zur Bekämpfung", sagt Axel Becker. Doch selbst wenn Ende April vom Landkreis grünes Licht zur Bekämpfung käme, gebe es noch ein weiteres Problem. Denn bislang sei das Kontaktgift "Karate" behördlich noch nicht zugelassen.

Die Forstleute verschweigen nicht, dass diese Substanz durchaus auch weitere Tiere beeinträchtigen könne. Erfahrungen aus der Landwirtschaft hätten aber ergeben, dass dieses Mittel sehr schnell abgebaut werde. Bei seinem Einsatz etwa in Erdbeerkulturen könnten die Früchte bereits zehn Tage nach der Ausbringung wieder bedenkenlos gegessen werden. Käme "Karate" im Wald zum Einsatz, würden die betroffenen Flächen etwa für zwei Wochen für die Bevölkerung gesperrt. Anschließend könne wieder jedermann ohne Sorgen Beeren oder Pilze sammeln.

Im Übrigen haben die Lieberoser Förster schon seit vielen Jahrzehnten ihre Erfahrungen mit dem massenhaften Auftreten von Kiefernschadinsekten. Immer aller zehn Jahre trete dieses Phänomen auf. "Wir standen 2003/2004 sowie 1994 vor einer ähnlichen Situation", erinnert sich Peter Wöhl.

Doch diesmal sei neben dem Kiefernspinner auch die Nonne, ein weiterer gefährlicher Schädling, am Werke. Wenn nicht bald gehandelt werde, drohe dem Wald auf großer Fläche möglicherweise der totale Zusammenbruch, bringt es Axel Becker auf den Punkt.

Zum Thema:
Derzeit schreibt die Oberförsterei rund 100 private Waldbesitzer an, auf deren Flächen ebenfalls bekämpft werden solle. Die Aktion müsse selbst bezahlt werden. Pro beflogener Hektar seien etwa 80 Euro fällig. "Diese Summe ist im Vergleich zum drohenden Schaden noch sehr moderat", erklärt Oberförster Axel Becker.