ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:13 Uhr

Raddusch am Tropf, Kolkwitz beerdigt

Großer Bahnhof am Bahnhof: Raddusch hat seinen Bahnhalt vorübergehend an den Tropf gehängt.
Großer Bahnhof am Bahnhof: Raddusch hat seinen Bahnhalt vorübergehend an den Tropf gehängt. FOTO: P. Becker/peb1
Raddusch. Bahnreisende mögen sich gewundert haben, dass am Samstag in Raddusch, Kunersdorf und Kolkwitz großer Bahnhof war. Dutzende Menschen nahmen zum Fahrplanwechsel Abschied von den Bahnhalten. Während der Radduscher auf Intensivstation ging, wurde der Kolkwitzer beerdigt. Peter Becker

Die Radduscher Bürgerinitiative Haltepunkt Raddusch hatte sich für diesen Tag etwas Besonderes einfallen lassen. Bei einer Besetzung des Bahnhofsgebäudes wurde gezeigt, welche Nachnutzungsmöglichkeiten es für dieses Gebäude geben kann - unabhängig von einem Bahnhalt. So eignen sich die Räume für Kunstaustellungen ebenso wie für Workshops.

Die Wiederinbetriebnahme des Gebäudes für einen Tag war nur die eine Seite der Aktion: Die andere war, für alle sichtbar den Protest gegen die Schließung des Bahnhalts tagsüber kundzutun. Matthias Hantscher, Rico Mudra und Florian Saaro nahmen symbolisch das Bahnhofsschild ab, legten es in ein Klinikbett und schlossen es an einen Tropf an. Matthias Hantscher von der Bürgerinitiative sagte: "Der Radduscher Bahnhalt ist nicht tot, sondern nur krank. Deshalb gehört er an den Tropf und muss gesund gepflegt werden - von uns allen."

Bernd Herzog-Schlagk vom Umweltbahnhof Dannenwald (bei Gransee) machte den Radduschern Mut: "Uns ereilte vor Jahren das gleiche Schicksal. Wir haben nicht aufgegeben, wir haben Kultur in den Bahnhof geholt, mühsam geackert und letztlich die Wiedereröffnung erreicht. Aussteigen muss Lust machen."

Vetschaus Bürgermeister Bengt Kanzler und der Radduscher Ortsvorsteher Ulrich Lagemann appellierten ebenfalls, nicht mit den Anstrengungen nachzulassen. Landtagsabgeordnete Roswitha Schier (CDU) unterstrich: "Langfristig muss das zweite Gleis her, der Dialog darf nicht abbrechen und der Bahnhalt wenigstens fürs Wochenende muss durchgesetzt werden!"

Anschließend machten sich etwa 50 Radduscherinnen und Radduscher mit der Bahn auf den Weg nach Kolkwitz. Begleitet wurden sie von den Vetschauer Blasmusikanten, die sehr zur Freude der anderen Reisenden aufspielten. Grit Mudra und Andrea Müller waren in ihrer Tracht eine zusätzliche Augenweide für die Reisenden. Kolkwitz empfing die Radduscher Leidensgefährten in völligem Schwarz: Überall flatterten schwarze Bänder, die Frauen trugen die schwarze Tracht - Kreuze überall. Die Kapelle spielte Trauermusik. Nach dem Austausch kurzer Kampfbotschaften und Willensbekundungen mussten die Radduscher schon wieder mit dem Gegenzug zurück. Am und im Bahnhofsgebäude wurden sie mit Kaffee, Kuchen und Glühwein von den Sport- und Vereinsfrauen bewirtet. Es war Zeit, sich auch mal in den Räumen umzusehen.

Der Vetschauer Maler Siegfried Engelmann sowie Ute Jahn aus Raddusch und Rita Wiek aus Lübbenau stellten im Gebäude ihre Werke aus. Es könnte wieder Leben in das Haus einziehen, wenn es zum Kauf durch die Stadt kommt. Es bestehen ernste Absichten. Aktuell stehen die Stadt Vetschau und die Deutsche Bahn in Verhandlung.

Die Radduscher Pendler werden nun auf den Bus umsteigen müssen, den sie hoffentlich rege nutzen. Viele Auswärtige werden mit dem Auto nach Lübbenau oder Vetschau fahren, so mancher Bus könnte dann leer fahren - so die allgemeine Befürchtung. Sie gipfelt darin, dass dann wegen der schwachen Auslastung die Bahnhalte ohnehin nicht mehr gebraucht würden. Diesem Argument der Gegenseite darf kein Vorschub geleistet werden, so die Bürgerinitiativen aus Raddusch, Kolkwitz und Kunersdorf. Aber sie sind inzwischen kampferprobt und wollen in ihren Bemühungen nicht nachlassen. Um Zeit zwischen Königs Wusterhausen und Cottbus zu gewinnen, wird auf die Bahnhalte tagsüber verzichtet. Das soll, so wurde zugesagt, auf zwei Jahre befristet sein.