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| 14:34 Uhr

Raddusch
Privatinitiative für schnelles Internet in Raddusch

Torsten Seidel (rechts) und Andreas Rehm (links) verschaffen sich einen Überblick über den aktuellen Nutzerstand.
Torsten Seidel (rechts) und Andreas Rehm (links) verschaffen sich einen Überblick über den aktuellen Nutzerstand. FOTO: Peter Becker
Raddusch. Was Politik und Wirtschaft bislang nicht richtig im Griff haben, hat ein Bürgernetzwerk geschafft. Seit zehn Jahren gibt es im Ort ein privates Funknetz.

Der Diplom-Informatiker Andreas Rehm hatte mit einigen Einschränkungen gerechnet, als er im Jahr 2003 von Lübbenau auf das Land nach Raddusch ins neue Eigenheim zog. Dass er aber quasi im digitalen Mittelalter landen würde, war dann doch eine Überraschung. Auf dem Land gab es nur sehr eingeschränkte DSL-Verbindungen, technischer Höchststand war oft der ISDN-Anschluss.

Vieles erledigt der Systemingenieur, der täglich nach Berlin fährt, auch mal nach Feierabend oder im Rahmen der flexiblen Arbeitszeiten. Er ist wie inzwischen viele andere, die die modernen Arbeitszeitregelungen nutzen wollen, auf eine schnelle Internetverbindung angewiesen. „Nachdem ich sämtliche Fachliteratur zu Funknetzen studiert und auch Wirtschaftlichkeitsberechnungen durchgeführt hatte, war ich zu dem Entschluss gekommen, dass sich dies in Raddusch schon bei zehn Teilnehmern rechnen würde“, erinnert sich Andreas Rehm an die Anfänge.

Nachdem genügend Interessenten zusammengekommen waren, begann 2007 der Ausbau des privaten Funknetzes. Das funktioniert im Kern so: Ein Signal wird vom letzten Verteiler, an dem hohe Verteilungsraten anliegen, auf eine Zentralantenne nach Raddusch übertragen. Von Göritz existierte damals diese Richtfunkstrecke, seit 2012 wurde ein Glasfaserkabel direkt zum Hotel gelegt. Von dort wird das Signal auf vier Antennen, die gleichmäßig im Ort verteilt sind, übertragen. Jeder Interessent, der eine Sicht auf eine dieser Antennen hat, kann dieses Netz nutzen.

Damals, 2007, waren es nur 6 Mbit Übertragungsrate. Inzwischen befinden sich 73 Radduscher Haushalte im Funknetz, welches inzwischen 100 Mbit überträgt. „In wenigen Wochen können wir auf 200 Mbit hochschalten, was vielen Filmeguckern und Onlinespielern sehr gefallen wird“, sagt Andreas Rehm.

Wirtschaftlich läuft alles über das Hotel Radduscher Hafen. Inhaber Torsten Seidel tritt als Geschäftspartner der User in Erscheinung. Andreas Rehm lobt die unkomplizierte Zusammenarbeit mit dem Hotelier: „Nur durch die Ausgründung des wirtschaftlichen Teils war die Aufgabe Bürgernetz zu bewältigen, denn der Verwaltungsaufwand ist nicht unerheblich. Uns bleibt dadurch mehr Zeit für die technischen Dinge.“

„Was als Notlösung für zwei oder drei Jahre gedacht war, hat sich nun als Dauerlösung etabliert, weil Wirtschaft und Politik einfach nicht in der Lage sind, schnelles Internet in die Dörfer zu bekommen“, sagt Ortsvorsteher Ulrich Lagemann. „Glücklicherweise haben wir Leute im Ort, die nicht abwarten und die Ärmel hochkrempeln, um eigene Lösungen zu schaffen.“

Die monatlichen Gebühren von 20 Euro je Anschluss reichen, um alles zu finanzieren. Der Sportverein und der Kindergarten nutzen den Service kostenlos. Matthias Hantscher vom Radduscher Sportverein: „Dafür stellen wir den Strom für die Storchenkamera und eine Verteilerantenne kostenlos zur Verfügung. Auf dem Sportplatz können wir im Gegenzug freies W-LAN für Spieler und Gäste anbieten.“

Eine gute Internetversorgung ist für die vielen Radduscher Gewerbetreibenden, besonders für die touristischen Einrichtungen, geradezu existentiell. Für manchen Gewerbegründer, wie die im Aufbau befindliche „Kaiserliche Postagentur“, ist dieser Umstand überhaupt Voraussetzung für eine Niederlassung in Raddusch.