Von Rüdiger Hofmann

Vor der Neuen Bühne in Senftenberg wimmelt es am Donnerstagabend nur so von Schülern, Eltern und Lehrern. Parkplätze im Umfeld? Gibt es keine mehr. Stattdessen neugierige Blicke aus den Fenstern von Anwohnern. Was ist hier los? Plötzlich geht die Tür der Theaterstätte auf, Anja Porada betritt den Hof. Dann stellt sich die Calauer Sozialarbeiterin auf eine Mauer und ruft: „Alle Kinder hierher!“

Es funktioniert – auch wenn der Lärmpegel der 165 Schüler kaum einzudämmen geht. Grund für diesen Menschenauflauf ist die bevorstehende Generalprobe des bislang einmaligen Tanzprojektes „Jekata“ – den Anfangsbuchstaben von „Jeder kann tanzen“. 165 Kinder und Jugendliche der vierten bis achten Klassen tanzen an diesem Abend erstmals gemeinsam Igor Strawinskys berühmtes „Le Sacre du Printemps“ – choreografiert und konzipiert von Anja Porada und ihrer Assistentin Revana Lidia Rudolph (die in Calau ein Tanzstudio besitzt) und unter der Leitung des AWO-Regionalverbandes Brandenburg Süd e.V.

Die Schülerinnen und Schüler kommen aus Lübbenau und Calau, aus Ruhland und Großräschen, auch Guteborner sind vertreten. Ein gigantischer Kraftakt, vor allem, was die Vorbereitung anbelangt. „Rund drei Monate sind wir in die einzelnen Schulen gegangen, haben hart trainiert und intensiv geprobt“, sagt Anja Porada. Dabei gab es Höhen und Tiefen, wie sie sagt. „Doch nun stehen hier mehrere Klassen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher schulischer Ausbildung vereint“, so Porada stolz. „Ihr Enthusiasmus, ihr Talent und ihre Kreativität haben etwas Großartiges erschaffen. Ein Community Dance Projekt, wie wir es im ganzen Landkreis noch nicht gesehen haben.“ Das „Community Dance Projekt“ verfolgt die Idee, Tanz und Bewegung in der Gemeinschaft zu entwickeln sowie Emotionen und Respekt kreativ auszudrücken. OSL-Landrat Siegurd Heinze (parteilos) misst der Sache eine große Bedeutung bei, immerhin hat er die Schirmherrschaft übernommen.

Der rote Vorhang ist inzwischen aufgegangen, volle Konzentration, die ersten Töne erklingen. Die Akteure beginnen liegend, richten sich allmählich auf, setzen sich in Bewegung. Die Musik wird dramatischer, immerhin geht es in dieser großartigen Ballettmusik um ein Frühlingsopfer. Schneidend scharfe Einwürfe bringen die Jugendlichen nicht aus dem Konzept. Bis zum Finale wird der Bühnenraum nahezu vollständig eingenommen.

Auch wenn in dieser Generalprobe die Feinabstimmungen der Schüler zwischen Ton und Tanz noch nicht ganz harmonieren, sieht man allen den Stolz an, gemeinsam etwas geschafft zu haben. „Ihr wart gut, aber ihr könnt noch besser sein“, animiert Anja Porada ihre Schützlinge zu Höchstleistungen – für die Premiere Freitagabend und die Zweitaufführung einen Tag später. Jeweils für geladene Gäste.

„Wir haben während unserer Probenzeit gemerkt, dass die Schüler dieses Strawinsky-Stück annehmen, es tragen, und dass es ihnen unwahrscheinlich viel Energie gibt“, sagt Revana Lidia Rudolph. Geübt wurden in den Monaten zuvor zunächst einzelne Tanz- und Bewegungssequenzen. An der Neuen Bühne in Senftenberg verschmelzen diese Einzelelemente nun zu einer furiosen Gesamtkomposition.

Hinzu kommen Videosequenzen, die eingespielt werden. „Diese Idee hatten die Siebt- und Achtklässler des Paul-Fahlisch-Gymnasiums in Lübbenau“, sagt Anja Porada. Verfolgt wird der medienpädagogische Ansatz, auf die Gefahren von Mobbing hinzuweisen und die Jugendlichen zum Einsatz für Meinungsfreiheit zu bewegen. Das russische Ballett wird dabei geschickt in die Gegenwart überführt: Ausgrenzung damals wie heute, allgegenwärtige Vorurteile, kaum zu durchbrechende Rituale.

„Wir konnten den Kindern viele Werte vermitteln. Erstaunlich ist die Selbstdisziplin, die sie erlernt haben. Sich durch einen festen Glauben auf ein gemeinsames Ziel vorzubereiten“, so Anja Porada. Das kann für das spätere Leben sicher nicht schaden. Der rote Vorhang fällt, zurück bleibende faszinierte Gesichter – auf der Bühne und davor.