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| 17:22 Uhr

Gedenken an historisches Ereignis
Prager Frühling in Lübbenau

Susanne Kschenka interviewt die beiden Zeitzeugen.
Susanne Kschenka interviewt die beiden Zeitzeugen. FOTO: Uwe Hegewald
Lübbenau. Geschehnisse vor 50 Jahren werden mit Zeitzeugen lebhaft diskutiert. Von Uwe Hegewald

Wissen Sie, was Sie am gestrigen Sonntag vor 50 Jahren gemacht haben? Volker Rennert und Hans-Joachim Schiemenz erinnern sich gut. Sie saßen im Lübbenauer Verhörraum der Staatsicherheit und mussten stundenlang Fragen über sich ergehen lassen – warum sie sich dem Protestzug angeschlossen oder organisiert haben, der zwei Tage zuvor durch Lübbenau zog. Eine Gruppe Jugendlicher, die mit Sprechchören wie „Amis raus aus Vietnam“ oder „eins, zwei, drei – gebt Dubcek frei“ vom Marktplatz in der Altstadt Richtung Neustadt gezogen ist.

„Wir sind davon ausgegangen, dass wir maximal bis zum Torhaus kommen. Dort war seinerzeit die Polizei-Wache untergebracht“, erinnert sich Volker Rennert am Freitagnachmittag bei der Gedenk- und Diskussionsveranstaltung zum Prager Frühling im Rathaussaal. Uniformierte habe er nicht gesehen, aber ein Zuhörer, der den Zug damals begleitete. Bis in die Neustadt sei man vorgedrungen und habe sich später getrennt. Während es einzelne bis nach Hause geschafft haben, machten andere unliebsame Bekanntschaft mit Böden von Mannschaftstransportwagen.

Hans-Joachim Schiemenz wurde noch in der Nacht vom 24. zum 25. August 1968 verhört und zu einem der Rädelsführer abgestempelt. Noch vor der Demo hatte er ein Plakat mit den Umrissen der damaligen CSSR versehen, die Hauptstadt Prag eingezeichnet, sowie einen Sendemast mit dem Schriftzug: „SOS – Völker hört die Signale“ versehen. Die Meinungen zu der Zahl der Protestler geht weit auseinander. In Stasiakten wird von bis zu 120 Personen berichtet, in einem Polizeibericht von 100. „Das waren maximal 25 bis 30 junge Leute“, wirft ein Lübbenauer Mitläufer ein.

Einigkeit herrscht bei den Gründen, warum die Spreewaldstädter allen Mut zusammen nahmen, um gegen die Geschehnisse in Prag zu demonstrieren. Dort brannte am 21./22. August 1968 sprichwörtlich nicht nur die Luft, auch Autos, sogar Straßenbahnen. So hat es Volkmar Lehmann aus Wiesenau (Amt Brieskow-Finkenheerd) selbst gesehen: „Wir hatten eine mehrtägige Kanufahrt auf der Moldau unternommen und sind mit unserem 500er Trabant nach Prag gefahren, um uns ein Bild zu machen.“ Mit einem Wunder vergleicht er die Rückfahrt auf den Campingplatz in dem fremden Land. „Viele Tschechen hatten Ortsschilder verdreht, um (Militärverbänden) die Orientierung in Richtung Prag zu erschweren. Gott war unser Navigator“, so Volkmar Lehmann. Wie stark die Geschehnisse bereits junge Menschen berührte, zeigt das Beispiel Doris Rehbein. Wie die Lübbenauerin berichtet, war sie als damals 13-Jährige in einem tschechischen Ferienlager und alle in großer Sorge: „Kommen wir jemals wieder nach Hause?“

Für die Diskussionsveranstaltung bereichernd: Mit Wolfram Tschiche, DDR-Bürgerrechtler, Philosoph und Theologe, sowie Jan Sicha, tschechischer Journalist, Autor und Historiker leisteten zwei Zeitzeugen eine willkommene Einführung. Beide hatten bereits vor zehn Jahren an einer Gedenkveranstaltung in Lübbenau teilgenommen. Damals in überschaubarem Kreis ohne Moderation durch Susanne Kschenka, Referentin für politisch-historische Erwachsenenbildung. Mit ihren Fragen entlockte sie Volker Rennert und Hans-Joachim Schiemenz so manche Episode. So erzählt Rennert, wie er noch am Abend des 24. August 1968 ins damalige Deutsche Haus eingekehrt ist, um den Tag auszuwerten. „Wieder zu Hause, hatte man mir gesagt, dass die Stasi schon zweimal nach mir gesucht hätte und ich mich bei denen melden soll. Ich bin dann mit dem Fahrrad zum Stasi-Stützpunkt gefahren, ohne zu ahnen, dass ich erst Weihnachten 1968 zurückkehre“, so der Lübbenauer. Zu mehrmonatigen Haftstrafen verdonnert, wurden diese später zur Bewährung ausgesprochen. Repressalien, Bespitzelungen oder Drangsalierungen hätten aber bis ins Wendejahr 1989 angehalten.