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Städte gegen die Todesstrafe
Plädoyer gegen die Todesstrafe

Urteil Todesstrafe – Schulleiter Ulrich Thorhauer mimte in der szenisch dargestellten Gerichtsverhandlung den Zeugen. Die Schüler Mandy Schober, Florian Battermann und Matthias Matz (v.l.) spielten die Staatsanwältin, den Angeklagten und den Richter.
Urteil Todesstrafe – Schulleiter Ulrich Thorhauer mimte in der szenisch dargestellten Gerichtsverhandlung den Zeugen. Die Schüler Mandy Schober, Florian Battermann und Matthias Matz (v.l.) spielten die Staatsanwältin, den Angeklagten und den Richter. FOTO: Daniel Preikschat / LR
Lübbenau. Vorführung in der Lübbenauer AWO-Fachschule macht betroffen und provoziert Diskussion.

Die Mutter wirft sich zu Boden, knieend beschwört sie das Gericht: „Er war immer ein guter Mensch.“ Doch es nutzt nichts. Ihr Sohn wird mit der Giftspritze getötet. Der Richter und die Jury wollen es so. Auch wenn die Schuld des Angeklagten nicht eindeutig bewiesen ist , sondern nur sehr wahrscheinlich erscheint aufgrund von Zeugenaussagen und ballistischen Untersuchungen. Umgekehrt konnte nun mal auch seine Unschuld nicht eindeutig bewiesen werden. Das reicht.

Keinesfalls fern der Realität war, was am Donnerstag in der Beruflichen Schule für Sozialwesen in Lübbenau szenisch dargestellt wurde. Schulleiter Ulrich Thorhauer versicherte nach der Vorführung den sichtlich betroffenen Zuschauern, die Verhandlung sei im US-Bundesstaat Ohio in etwa so abgelaufen. Vor noch gar nicht langer Zeit. Die acht Fachschüler, die in Lübbenau berufsbegleitend in Heilerziehung ausgebildet werden, und ihre Lehrerin haben gut recherchiert. Es sei hier nichts erfunden worden. In 56 Staaten gebe es die Todesstrafe noch, unter anderem auch in den USA. In der DDR wurde noch 1981 ein Mensch hingerichtet.

Dass möglichst bald nirgendwo mehr ein Mensch zum Tode verurteilt wird, möchte die Gemeinschaft „Cities for Life“ (Städte für das Leben – Städte gegen die Todesstrafe“) mit 60 000 Mitglieder in mehr als 70 Ländern. Darunter Lübbenau. Seit 2010, so Elisabeth Jente von der Stadtverwaltung, setzen Lübbenauer immer am 30. November, dem Aktionstag der „Städte für das Leben“, ein Zeichen gegen die Todesstrafe. Es entsteht Kunst dabei, es kann etwas Passendes rezitiert oder eine Schweigeminute in der Stadtverordnetenversammlung eingelegt werden.

In diesem Jahr nun also hat man sich eine szenische Darstellung zum Thema einfallen lassen, einstudiert und in einem Klassenraum vorgeführt. Sicher hätte das Stück mehr Zuschauer verdient gehabt. Zumindest ging das am Mittwoch aus den Diskussionsbeiträgen hervor. Dem ehemaligen Lübbenauer Pfarrer Joachim Liedtke etwa ging „sehr nahe“, was die Schüler gezeigt haben. Genau so müsse man mit dem Thema umgehen. Auf der Grundlage von Fakten Emotionen wecken.

Dieser Ansicht schien auch der ebenfalls tief beeindruckte stellvertretende Bürgermeister Rainer Schamberg zu sein. Das Thema an sich schon sehr emotional und gehe alle an. Selbst in einem demokratischen Land wie Deutschland, in der es die Todesstrafe nicht gibt. „Auch in Lübbenau sehe ich Autos mit Aufklebern, auf denen steht: ‚Todesstrafe für Kinderschänder’.“ Sehr schnell, sagte dazu Joachim Liedtke, könne auch eine demokratische Gesellschaft dahin kommen, wieder über die Todesstrafe zu diskutieren. Wobei Elisabeth Jente der Ansicht ist: Demokratie und Todesstrafe – das schließe sich aus.

Passend hierzu war der Hinweis Rainer Schambergs auf Artikel 1 des Grundgesetzes: ,„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Mit der Todesstrafe lasse sich das nicht vereinbaren. Eine abschreckende oder erzieherische Wirkung habe die Todesstrafe seiner Ansicht nach nicht.

Verbal allerdings werde auch in Deutschland ständig gegen die Würde des Menschen verstoßen. Im Internet, aus der Anonymität heraus, falle das offenbar besonders leicht, so Matthias Lösche, Leiter des Lübbenauer Gymnasiums. Seine Schüler haben sich mit diesem Thema schon befasst und sich Medienkompetenz angeeignet. Doch selbst gewählte Vertreter des Volkes, die Vorbilder sein sollten, ist Joachim Liedtke aufgefallen, drückten sich mitunter alles andere als gewählt aus.

Die acht Fachschüler hatten diese Diskussion über das ebenso komplexe wie emotionale Thema Todesstrafe bereits geführt. Die Proben für das Stück im Anschluss seien einem schon „an die Nieren“ gegangen, sagten sie. Geena-Darleen Laaß zum Beispiel arbeitet im Betreuten Wohnen mit Menschen, die eine Behinderung haben. Einer von ihnen  habe jemanden getötet und seine Strafe verbüßt, erzählt sie. In den USA würde der Mann heute möglicherweise nicht mehr leben.