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| 18:58 Uhr

Personalnot in der Gastronomie
Wenn die Küche im Spreewald kalt bleibt

 Wenn Kellner und Köche fehlen, legen die Wirte mehr Ruhe- und kürzere Öffnungszeiten ein.
Wenn Kellner und Köche fehlen, legen die Wirte mehr Ruhe- und kürzere Öffnungszeiten ein. FOTO: dpa / Patrick Seeger
Lübbenau. Der Spreewald ist bei den Touristen beliebt. Doch während die Gäste zahlreich im Sommer in die Region kommen, verlieren die Gastronomen ihr Personal. In manchen Gaststätten bleibt die Küche deshalb mittags kalt. Von Christina Wessel

Torsten Teichert ist die große Ausnahme. Obwohl sein Gasthaus „Wotschofska“ abgelegen in einem Erlenwald bei Lübbenau liegt, hat er keine Personalprobleme. Der Grund ist so einfach wie effektiv: „Ich arbeite seit Jahren mit Stammpersonal. Meine Mitarbeiter kommen immer wieder“. Das Lokal ist über die Landesgrenze hinaus bekannt. Es gehört zu den ältesten Gasthäusern in der Region und diente als Schauplatz für die Spreewaldkrimi-Reihe. 1894 auf einer Erleninsel errichtet, war es bis 1911 ausschließlich über den Wasserweg erreichbar. Und noch heute gelangen die Gäste nur per Kahn, Rad oder zu Fuß dorthin. Trotzdem kann Teichert mit seinem Personal in der Hauptsaison von April bis Oktober rechnen. Ein Luxus, der nicht allen Gastronomen vergönnt ist.

Monate nach Servicekräften gesucht

Ursula Richter hatte noch einmal Glück im Unglück. „Durch Zufall“, wie sie sagt, konnte sie für ihr Gasthaus „Hafeneck“ in Burg noch gerade rechtzeitig zu Saisonbeginn Servicekräfte finden. „Aber ich habe über Monate gesucht“, sagt Richter. Auch von den Kollegen hört sie immer wieder Klagen. „Überall in der Gastronomie herrscht Personalnot. Die Kollegen aus den benachbarten Orten suchen alle.“ Eine Erfahrung, von der die Mitarbeiter der Touristinformation Burg ebenfalls immer wieder hören. Einige Gastronomen mussten ihr Angebot aus diesem Grund bereits reduzieren. Sie öffnen ihre Häuser deshalb erst am Abend ab 17 Uhr oder legen mehr Ruhetage ein. Sehr oft hören die Mitarbeiter der Tourist-Informationen auch von Zwei-Etappen-Reservierungen für das Abendessen im Restaurant. Wer in diesem Sinn ab 17.30 Uhr einen Tisch gebucht hat, muss damit rechnen, dass die Ablösung um 19.30 Uhr bereitsteht.

In Luckau stand Ratskeller-Wirt Robert Herrmann schon mehrmals vor der Entscheidung, die Öffnungszeiten einzuschränken – weil er kein Personal findet. Kriterien, die auch seine Kollegen im Spreewald immer wieder nennen, beziehen sich auf die Arbeitszeiten und die Bezahlung in der Branche. Gerade für junge Schulabsolventen sind die Bedingungen für den Job wenig attraktiv. Aber es kommt noch ein Aspekt hinzu: Der Ausbildungsstützpunkt für die Region liegt in Königs Wusterhausen. Das bedeutet für die Azubis: Drei lange Jahre pendeln.

Viele Gastronomen suchen im Ausland nach Personal

Annette Ernst beobachtet die verzweifelte Suche der Gastronomen nach Servicepersonal schon seit mehreren Jahren. Früher hat sie selbst ein Hotel geleitet. Damals allerdings gab es noch zahlreiche Interessenten für die Arbeit im Tourismus. „Wir hatten auf drei Ausbildungsplätze 80 Bewerbungen. Heute sind die Hotels froh, wenn auch nur eine Bewerbung eingeht.“ Die jungen Menschen seien nicht mehr an den Jobs in der Dienstleistung interessiert. Dieses Phänomen beobachtet Ernst nicht nur in der Gastronomie. Zahlreiche Betriebe haben in der Not reagiert. Sie suchen aktiv auch im Ausland. In Kooperation mit der Industrie- und Handelskammer Brandenburg rekrutieren sie ihre Mitarbeiter auf Messen im benachbarten Polen oder Tschechien. Ernst: „Auf diese Weise hat der Freizeit- und Bade-Park ,Tropical Islands’ sehr professionell sein Personal gefunden“, sagt Ernst. Ganz ohne Strategien zur Anwerbung kommen allerdings nur die Prestige-Unternehmen in der Region aus. „Einige wenige Gastronomen haben mit ihrem Hotel oder Restaurant einen so guten Ruf und hohen Imagewert, dass sie ohne Probleme Mitarbeiter finden. Aber das sind die Ausnahmen.“ Um den Mitbewerbern in der Region ähnlich gute Voraussetzung in der Personalsuche zu bieten, hat Ernst im Tourismusverband Spreewald eine Seminar-Reihe ins Leben gerufen. In diesem Rahmen informieren Experten über Weiterbildungsmöglichkeiten, Strategien in den sozialen Medien und Führungskräfte-Schulungen. Ernst: „Viele Mitarbeiter in der Gastronomie erhalten nicht die Wertschätzung, die ihnen zusteht. Das müssen wir in diesem Tätigkeitsbereich unbedingt ändern“.

Personalnot könnte sich noch verschärfen

Sollte sich die Personalsituation sogar verhärten, dürfte das weitreichende Folgen für die Region haben. In den Sommermonaten verlangen die Gäste Unterhaltung und Bewirtung. Und sie kommen immer zahlreicher. Allein im August 2018 reisten 95 094 Besucher in den Spreewald. Rund 5000 mehr als im Jahr 2017. Enttäuschte Gäste, die mittags vor verschlossenen Türen stehen oder abends im Schichtsystem essen, kann sich der Spreewald nicht leisten.