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| 02:42 Uhr

"Oh mein Papa" – aus dem Leben Otto Langes

Im Fotokalender 2017 ist im Juni der achteckige Kiosk abgebildet, der am Lübbenauer Hafen von Gertrud Lange bewirtschaftet wurde. An das markante Bauwerk erinnert sich noch mancher.
Im Fotokalender 2017 ist im Juni der achteckige Kiosk abgebildet, der am Lübbenauer Hafen von Gertrud Lange bewirtschaftet wurde. An das markante Bauwerk erinnert sich noch mancher. FOTO: O. Lange
Lübbenau. Der Fotokalender, den Michael Lange seit mehr als zehn Jahren mit historischen Aufnahmen aus dem Archiv seines Vaters Otto Lange (1916 bis 1999) zusammenstellt, hat ein Erkennungsmerkmal. Auf der Titelseite sind jeweils drei Fotos zu sehen, die eine Perforation haben – wie einst die Negativ-Filme. Ingrid Hoberg

Fotos mit Perforation in der heutigen digitalen Welt sind schon der erste Hinweis, dass für diesen Kalender tief hinabgegangen wird in vergangene Zeiten.

Für 2017 hat Michael Lange den 100. Geburtstag von Otto Lange (geb. 19. November 1916) zum Anlass genommen, anhand dieses Lebens einen Teil Stadtgeschichte zu vermitteln, mit den Verbindungslinien zur deutschen und zur Weltgeschichte. "Familiengeschichte spiegelt all das wider", sagt Michael Lange. In Sieben-Jahresschritten wird das Leben des Mannes "vermessen", der mit seiner akribisch aufgearbeiteten Fotosammlung ein unerschöpfliches Reservoir mit historischen Dokumenten hinterlassen hat. Otto Lange war beim vereidigten Landmesser Paul Heinrich in Lübben in der Lehre. Der Firmensitz war "im vielleicht schönsten Privathaus der Stadt" (Schillerstraße 1, 1945 durch die sowjetische Garnison beschlagnahmt). Lehrjahre waren keine Herrenjahre: Otto Lange vergaß nie, dass er Weihnachten 1932, am 24. Dezember, nach Byhleguhre radeln musste, um "bei gutem Tageslicht" noch einige Messungen zu machen. Wie Michael Lange auf der Rückseite des Kalenderblatts für März 2017 hinweist, hatte das Vermessungsbüro Heinrich auch den Lage- und Höhenplan für das Spreewalddreieck der Reichsautobahn gefertigt.

Unweigerlich führen die historischen Spuren zum Arbeitsdienst, zum Dienst in der Wehrmacht, zu Bombenabwürfen auf die Berliner Wohnung, Zerstörung und die Rückkehr nach Lübbenau. Dort wollte sich die junge Familie, die Otto mit Gertrud Koß gegründet hatte, eine neue Existenz aufbauen. Aus dem Zigarrenladen von Max Lange wurde kurzzeitig eine Tabakaufkaufstelle. Als sich nach dem Krieg und der Bildung der beiden deutschen Staaten die Grundversorgung besserte, wurde Spielzeug zu einer gefragten Ware. Gertrud Lange eröffnete in der Lübbenauer Altstadt einen Spielzeugladen, heute Café Fontane. Auch aus dieser Zeit gibt es ein Foto-Dokument (Monat Mai). Mit der Bodenreform gab es reichlich Arbeit für Vermesser wie Otto Lange.

Im Februar 1955 stellte Familie Lange einen Bauantrag für einen achteckigen Kiosk zum Andenkenverkauf, pünktlich zum Saisonbeginn wurde er am Großen Hafen in Betrieb genommen und ein voller Erfolg, wie Michael Lange bemerkt.

Als im Mai 1970 am Landungsplatz der neu gestaltete "Hafen der Freundschaft" eröffnet und der Andenkenkiosk entsorgt wurde, da er nicht mehr ins Konzept passte, hatte Gertrud Lange schon ihr Geschäft in der Vorstadt wiedereröffnet, das sie bis zum Erreichen der Rente betrieb. Daran werden sich ältere Lübbenauer noch gut erinnern.

Michael Lange gibt auch einen Einblick in das Fotoarchiv und die akribische Dokumentation seines Vaters, die die Veränderungen in Lübbenau zeigt. Ergänzt hat er die Aufnahmen mit jeweils zum Ereignis passenden Briefmarken aus Ost und West. Im November gibt es nur noch eine Marke. Das Motiv zeigt die Leipziger Nikolaikirche mit der Aufschrift "Wir sind das Volk" - postalischer Wert: 35 Pfennig plus 15 Pfennig. Mit solchen Zusatz-Werten wurde in der DDR manches gebaut. So erinnert sich Michael Lange daran, dass die Poststraße in Lübbenau mithilfe von Soli-Markengeldern gepflastert werden konnte.

Auf der letzten Seite dieser spannenden Zeitreise gibt es eine Auflistung der Schlager rund um das Jahr 1955. "Zu dieser Zeit ist in unserer Familie eine Musiktruhe angeschafft worden", begründet er die Auswahl. Aus diesem Gerät tönte es vielleicht "Oh mein Papa" (Lys Assia) oder "Nimm mich mit Kapitän auf die Reise" (Hans Albers).

Der Fotokalender 2017 ist in der Werkstatt für Sorbische Eier in der Lübbenauer Ehm-Welk-Straße 45, Telefon 03542 42240, erhältlich.

Otto Lange, hier ein Foto ein Jahr vor seinem Tod 1999.
Otto Lange, hier ein Foto ein Jahr vor seinem Tod 1999. FOTO: Hottas/rhl1