Dietmar Kschischow sieht man seinen Job als ehrenamtlicher Kirchturmführer an. Drahtige Statur, kein Gramm Fett zu viel auf den Rippen und ein Lungenvolumen, das dem eines Mittelstreckenläufers gleicht. Kein Wunder, wenn man erfährt, dass der Calauer jährlich 30 bis 40 Mal die 165 Stufen hinauf zur Plattform absolviert und natürlich auch wieder zurück. Das ist rund zehn Mal das Empire State Building New York hoch und runter.

"Eine Tour reicht", gesteht sich Frank-Peter Spröte ein. Der Sommertour-Dauergast war vor ein paar Jahren schon einmal auf dem Kirchturm und steigt mit drei Vorsätzen auf die Aussichtsplattform in 37, 2 Metern Höhe: 1. die Fernsicht genießen, 2. gucken, wie und wo sich Calau verändert hat und 3. dem Treiben der Vorbereitungen auf das Stadtfest zuschauen. Denn an diesem Wochenende verwandelt sich Calau zum 25. Mal in eine Feierhochburg. Matthias Nerenz, Geschäftsführer des Calauer Heimatvereins, nutzt die Gelegenheit, um auf die beiden geöffneten Museen am Samstag und am Sonntag (14 bis 17 Uhr) während des Stadtfestes hinzuweisen.

Was die Menschen mit Freude erwarten, zwingt tierische Kirchenbewohner mitunter zur Flucht. "Es gab schon Vorfälle, da sind die Fledermäuse aufgrund des Lärms zwischenzeitlich davongeflogen", berichtet Dietmar Kschischow. Überhaupt erweist sich das Gotteshaus samt Turm als willkommener Lebensraum für Flora und Fauna. Fledermäuse, Mauersegler, Turmfalke, Dohle, Mehlschwalbe und die immer seltener werdende Schleiereule zählt er auf. Bei den Pflanzen sind es Streifenfarn, Mauerraute und Glockenblume, die im altehrwürdigen Gemäuer gedeihen.

Aber auch Dietmar Kschischow blüht während des rund 90-minütigen Vertikal-Ausfluges so manches Mal auf. Mit Leidenschaft und immensem Hintergrundwissen lässt er seine Begleiter an Historie teilhaben, schwärmt vom Klang der drei Kirchenglocken und dem erst im vergangenen Jahr eingeweihten Turmuhrenmuseum.

Drei Personen hatten sich 2004 an der Ausschreibung zum ehrenamtlichen Kirchturmführer beteiligt. Dietmar Kschischow hat seinerzeit den Zuschlag bekommen. Der Job fesselt den freiberuflichen Bauingenieur bis heute. "Erst recht, wenn mich Leute begleiten, die Anekdoten beisteuern und somit den Aufstieg bereichern", sagt er. So berichteten zum Beispiel ältere Calauer mit Stolz, wie sie als Kinder an den Glockenseilen ziehen durften. "Es gab auch schon ein Ehepaar aus den alten Bundesländern, das einen regelrechten Kirchturmtourismus betreibt und darüber Buch führt. Der Turm der Calauer Stadtkirche nahm damals die Nummer 125 ein", so der 64-Jährige.

"Der Fernblick ist schon beeindruckend. Man bekommt ein ganz neues Bild von der Stadt, die erstaunlich viel Grün aufweist", schildert Kerstin Lehmann ihre Eindrücke von der Vogelperspektive auf die Stadt des Kalauers. Kein Kalauer: Die Aussichtsplattform der Kirche gilt als der höchstgelegene Imbiss der Witzestadt. Alljährlich veranstaltet die evangelische Kirchengemeinde um die Weihnachtszeit ein Quiz, bei dem den Siegern ein Frühstück für zwei Personen in luftiger Höhe winkt. Initiator und temporärer Gastronom ist Michael Grogorick.

Aber auch ohne Aussicht auf Frühstück lohnen sich Turm-Aufstiege, zu denen sich am kommenden Stadtfest-Wochenende mehrfach Gelegenheit bieten wird. Samstag und Sonntag, jeweils um 13, 14, 15, 16 und 17 Uhr - mit etwas Fitness, festem Schuhwerk und mit Dietmar Kschischow.

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Die Kirche wurde als Backsteinbau Ende des 14. Jahrhunderts im Stil der Spätgotik errichtet. Mitte des 15. Jahrhunderts kam der Turm dazu, dem später eine barocke Turmhaube aufgesetzt wurde. Dass der Turm heute nur noch 58 Meter hoch ist, liegt an den Wirren des Zweiten Weltkrieges. Soldaten der Roten Armee nahmen den Turm beim Angriff auf Calau am 19. April 1945 unter Beschuss, mit fatalen Folgen für den gesamten sakralen Bau. 1962 hatte der Turm das markante Zeltdach erhalten. Im Jahr 2000 erfolgte nach zweijähriger denkmalgerechter Sanierung die Wiedereinweihung des Calauer Wahrzeichens. uhd1Wer länger nicht in Schlepzig war, erkennt auf den ersten Blick: Es hat sich viel verändert im ehemaligen Landgasthof "Zum grünen Strand der Spree". Die Satama-GmbH aus Bad Saarow nahm fast fünf Millionen Euro in die Hand, um das Haus zu renovieren und umzugestalten. Was daraus geworden ist, können die Teilnehmer der Sommertour am Dienstag, 23. August, erfahren. Beginn ist um 10 Uhr.