| 18:24 Uhr

Störche in Brandenburg
Der Niedergang der Lausitzer Störche hat hausgemachte Ursachen

Tierschützer beklagen eine schrumpfende Zahl von Störchen in Ostdeutschland. Die Probleme sind hausgemacht, kritisiert ein Spreewälder.
Tierschützer beklagen eine schrumpfende Zahl von Störchen in Ostdeutschland. Die Probleme sind hausgemacht, kritisiert ein Spreewälder. FOTO: Klaus-Dietmar Gabbert / dpa
Lübben. Ein besorgter Naturfreund macht als wesentlichen Störfaktor für das Wappentier im Spreewald auch das europäische Wiesenbrüterschutzprogramm aus. Von Kathleen Weser

Die Leitvogelart Weißstorch ist in Brandenburg extrem rückläufig und braucht besseren Schutz. Falkner Schwarz, der Vorsitzende des Kreisanglerverbandes Lübben, ist in Sorge - sieht den praktizierten Naturschutz aber kritisch. Bisher wurden die Zahlen der besorgniserregenden Entwicklung des Storchenbestandes „eher schön gerechnet“, stellt er mit Blick auf die jüngste Storchenjahresbilanz fest. Erklärungen mit Witterungsfaktoren, Flugbedingungen, der Landwirtschaft und auch der Kleingärtner, die dem Vogel mit dem Auslegen von Schneckenkorn schaden sollten, wurden gefunden.

„Aus meiner Sicht ist der seit 27 Jahren überbordende Naturschutz in arroganter Art dafür verantwortlich“, sagt Falkner Schwarz. Eine Vielzahl von Naturschutzbestimmungen sei seit der Wende „unumstößlich und nicht diskutierbar“ geschaffen worden. Das habe auch in der Region „den größten Artenrückgang seit Jahren und das bedingungslose Einwandern von Konkurrenzarten erst möglich gemacht“.

Als wesentlichen Störfaktor für den Weißstorch macht der Naturfreund das europäische Wiesenbrüterschutzprogramm aus. Die Mahd ist demnach erst nach dem 15. Juni erlaubt. Futterbedarf für die geschlüpften Jungtiere in den Storchennestern aber sei einen ganzen Monat früher.

„Natürlich sind Unfälle an Strommasten, achtlos in der Landschaft zurückgelassenes Bindegarn und Folien auf den Feldern nicht kleinzureden“, sagt er. Diese aber seien in der „Gesamtbetrachtung nur marginal“. Dass Störche an den Straßenrändern unter die Räder kommen, geschehe nur, weil diese gemäht werden und anderswo eben nicht.

Falkner Schwarz erklärt, dass er einen Vorschlag zur Wiesenmahd im Rahmen des Vertragsnaturschutzes bereits mehrfach gegenüber den Vertretern des Biosphärenreservates Spreewald geäußert hat. Der lautet: In jedem geraden Jahr solle ab 15. Mai, in jedem ungeraden ab 15. Juni gemäht werden. „Das blieb völlig unbeachtet oder wurde belächelt“, erklärt er.

Die kleinteilige Landwirtschaft ist in den Jahren nach der Wende fast völlig zum Erliegen gekommen. Umwelt- und Naturschutzrestriktionen macht Schwarz dafür mit verantwortlich. Hohe Anforderungen und kostenpflichtige Genehmigungen für das Halten von Nutz- und Kleintieren hätten eine ganze Generation abgeschreckt. „Das holen wir, wie bei den Störchen, nie wieder auf. Die klassiche Kleintierhaltung wird erschwert. Und die Preise in den Einkaufsmärkten machen Geiz geil, aber haben nichts mit verantwortlich erzeugten Lebensmittel zu tun.“

Gesetze und Verordnungen zum Bau von klärenden Bauwerken für Mist und Gülle haben nicht nur im Traditionsdorf Lehde zum Kompletteinbruch der spreewäldischen Landwirtschaft auf dem Acker und im Stall geführt. Ein Effekt ist, dass dadurch natürlich auch wesentlich weniger Insekten in ländlichen Gebieten aufwachsen. Die Rauchschwalbe geht im Bestand genau deshalb so enorm zurück. Und jeder wundert sich. Dabei ist das Problem offensichtlich: Die Ställe der traditionellen Kleinviehhaltung gibt es nicht mehr, die Misthaufen auf den Höfen auch nicht. Mauernischen zum Nestbau sind vielleicht noch vorhanden, das Futter aber nicht mehr.

Dagegen breitet sich der Waschbär aus. In Sachsen werden etwa 120 000 Tieren vermutet. Für Brandenburg gibt es keine Angaben. Aber es dürften hier nicht weniger sein. Das Tier verdrängt heimische Arten und zerstört Gelege regionaler und durchziehender Vogelarten.

Der Mink, der amerikanische Marder, wurde bis zur Wende als Zuchttier zur Gewinnung von Pelzen in großen Farmen gehalten. Aus ökonomischen Gründen überflüssig, wurde er in die Freiheit entlassen und richtet nun in Massen ungehindert gravierende Schäden im Naturraum an.

Durchziehende fischfressende Arten besetzen Lücken, die sie durch Umwelteinflüsse in die Region treiben. Zugefrorene Teiche und freifließende Gewässer in den Herkunftsländern stehen nicht mehr zur Verfügung. So bedienen sich Kormorane, Fisch- und Silberreiher ungeniert in Größenordnungen in den Fischteichen und an schnellfließenden Gewässerstellen hinter den Wehren. Gerade in den Zeiten wandern die laichreifen Spreewaldfische in ihre Habitate auf. „Der nachhaltige Erfolg des Besatzes für die Wiederansiedlung der spreewaldtypischen Quappe wird  dadurch immer wieder zunichte gemacht“, erklärt Falkner Schwarz eine Folge.

„Das sind nur wenige Beispiele einer nach meiner Meinung völlig verfehlten Naturschutzpolitik, die auf unumstößlichen Papieren steht und über die nicht diskutiert werden darf“, stellt er weiter fest.

Auf der Roten Liste bedrohter Arten steht der Fischotter. „Wir haben in Brandenburg die höchste Populationsdichte Deutschlands. Und Hier traut sich keiner daran, diese Liste zu revidieren“, so Schwarz.

Das Verockern der spreezufließenden Gewässer und der damit verbundene Niedergang der Fischnährtierchen in weiten Teilen der Spree haben diverse Generationen von ehemals heimisch äquatisch lebenden Arten unterhalb der Wasseroberfläche zu Grunde gehen lassen. Das sieht keiner. „Stattdessen leisten wir uns staatliche Förderprogramme für hochbezahlte Wolfs-,Biber- und sonstige Beauftragte, obwohl sich die Tiere ohne menschliches Zutun wesentlich behutsamer ausgebreitet hätten“, kritisiert Falkner Schwarz, der auch Vizepräsident des Landesanglerverbandes Brandenburg ist . Diese Art der bürokratischen Naturverwaltung mit lebensfremden selbstverschriebene Vorschriften „kann und will ich nachfolgenden Generationen nicht antun“.