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| 18:10 Uhr

Geschichte
Neue Straßen mit alten Namen

 Um den Namen Werner-Seelenbinder-Straße wurde Anfang der 1990er-Jahre heftig gestritten. Die Befürworter haben sich aber durchgesetzt, und so gibt es die Straße noch heute in der Neustadt.
Um den Namen Werner-Seelenbinder-Straße wurde Anfang der 1990er-Jahre heftig gestritten. Die Befürworter haben sich aber durchgesetzt, und so gibt es die Straße noch heute in der Neustadt. FOTO: Philipp Brendel
Lübbenau . Viele Lübbenauer Straßen haben in den letzten Jahren eine grundlegende Neugestaltung erfahren. Ihre Namen jedoch sind die alten geblieben. Erst bei einem weiter zurück reichenden Blick in die Stadtgeschichte zeigt sich, dass sich mitunter auch die Beschriftung der Straßen­schilder geändert hat. Von Philipp Brendel

 Nicht nur eine frische Asphaltschicht sorgt für eine angenehme Fahrt, auch der neu konzipierte Kreisverkehr lässt den Verkehr flüssiger über den sogenannten „Roten Platz“ laufen. Autofahrer wie auch Fußgänger dürfen sich an dem umgestalteten zentralen Platz der Lübbenauer Neustadt mit großzügigem Fußweg und Radstreifen erfreuen. Der Rote Platz erstrahlt im neuen Glanz, während sein Name noch von einer längst vergangenen Epoche zu künden scheint. Besucher der Stadt Lübbenau könnten beim Namen des Platzes durchaus vermuten, dass es sich hierbei um ein Überbleibsel aus tiefst kommunistischen Zeiten handelt. Auch die anderen Straßennamen der Lübbenauer Neustadt können als die stillen Zeitzeugen der vergangenen sozialistischen Ära gelten. Stellen diese alten Straßennamen, wenn sie nun auch oft im neuen Gewand erscheinen, bis heute eine Provokation dar?

Für Diskussionsbedarf sorgen sie allemal, gerade nach der politischen Wende 1989/1990, als eine regelrechte „Welle“ an Straßenumbenennungen auch die Stadt Lübbenau erfasste. Hierbei wurden in Lübbenau, wie in vielen anderen Ortschaften der ehemaligen DDR, Straßennamen umbenannt, die besonders politisch motiviert erschienen, so Günther Noatsch, Hobbyhistoriker und Mitglied der AG Zeitgeschichte Lübbenau: „Die Umbenennung der Straßen erfolgte wie in einer Art Bilderstürmerei.“ Dass dabei gerade die vergleichsweise stark politisch motivierten Straßennamen der Lübbenauer Neustadt weniger in den Fokus der Straßenumbenennungen fielen, mag auf den ersten Blick verwunderlich erscheinen. Noch heute erinnern beispielsweise die Straße der Jugend, die Straße der Freundschaft oder die Straße der Einheit an die DDR-Zeit.

In den Diskussionen um die Straßenumbennungen nach der politischen Wende schienen die Straßennamen der Neustadt jedoch als weniger problematisch wahrgenommen zu werden, wie Peter Lenz näher erläutert. Lenz ist ebenfalls Mitglied der AG-Zeitgeschichte und war an den Diskussionen um die Straßenumbenennungen Anfang der 1990er-Jahre beteiligt. Seitens der Stadt sei zu jenem Zeitpunkt eine Gruppe von Lübbenauer Bürgern beauftragt worden, über die etwaige Umbenennung von Straßennamen zu diskutieren. Dieser Gruppe gehörte Lenz selbst an. In den Diskussionen ging es einerseits darum, welche Straßennamen umbenannt werden sollen und welchen neuen Namen diese erhalten könnten. Die Gruppe legte eine Beschlussvorlage fest, die dem Stadtrat zur Abstimmung vorgelegt und schließlich auch beschlossen wurde.

 Der Rote Platz in Lübbenau erstrahlt in neuem Glanz – der alte Name aber ist geblieben.
Der Rote Platz in Lübbenau erstrahlt in neuem Glanz – der alte Name aber ist geblieben. FOTO: Philipp Brendel
 Der Rote Platz in Lübbenau erstrahlt in neuem Glanz – der alte Name aber ist geblieben.
Der Rote Platz in Lübbenau erstrahlt in neuem Glanz – der alte Name aber ist geblieben. FOTO: Philipp Brendel

Auffällig hierbei ist, dass die Neustadt, obwohl vor allem diese von politisch motivierten Straßennamen bis heute geprägt ist, keinerlei Umbenennungen erfahren hat. Einzig die Werner-Seelenbinder-Straße erregte damals die Diskussionen in den Beratungen zur Umbenennung, so Lenz. So sei der zu DDR-Zeiten hoch geehrte Sportler Seelenbinder in den Diskussionen als „Erzkommunist“ bezeichnet worden. Die Mehrheit entschied sich jedoch für die Beibehaltung des Straßennamens in Erinnerung an den anerkannten Sportler.

Auch andere Straßennamen in der Neustadt vermitteln heute eher einen neutralen Charakter, weshalb sie wohl für eine mögliche Umbenennung nicht zur Debatte standen. So erinnern die Straßennamen hier an Komponisten wie Robert Schumann, Ludwig van Beethoven oder Richard Wagner oder würdigen Wissenschaftler (Alexander von Humboldt) oder Widerstandskämpfer während des NS-Regimes (Geschwister Scholl). Die ebenso für die Zeit der DDR so typischen Straßennamenformen wie Straße des Friedens oder Straße der Jugend, haben eher zeitlosen Charakter, als dass sie durch politisches Pathos heutzutage als störend empfunden werden könnten.

In einem teilweise neuen Gewand zeigt sich heute eine der wichtigsten Hauptmagistralen der Lübbenauer Neustadt: Die Otto-Grotewohl-Straße. In den letzten Jahren wurde sie zu einer ansehnlichen Straße mit einladendem Fußgängerboulevard entlang des Kolosseums umgestaltet. In ihrem weiteren Verlauf in Richtung des Ortskerns von Zerkwitz steht sie jedoch noch sinnbildlich in Form einer Platten-Huckelpiste für die vergangene DDR-Zeit.

Nicht nur durch diesen äußeren Zustand fällt die Straße bis heute auf, sondern auch durch ihren Namensvetter. In sehr vielen anderen Städten der ehemaligen DDR waren nach der Wende viele Straßen, die nach dem SPD- und späteren SED-Politiker, sowie ersten Ministerpräsidenten der DDR (1949 – 1964) benannt waren, meist umbenannt worden. Wie auch immer das politische Vermächtnis Grotewohls interpretiert werden mag, steht er heute dennoch auch symbolisch für die Zwangsvereinigung von SPD und KPD (1946) und zudem gehörte er der politischen Elite einer stark stalinistisch geprägten Phase der DDR an. Nichtdestotrotz gibt es noch einige andere Orte Ostdeutschlands, die bis heute des Politikers Otto Grotewohl gedenken: Zwölf Ortschaften im Osten Deutschlands haben noch eine Otto-Grotewohl-Straße (zum Beispiel Neuruppin und Bad Salzungen). Gerade in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands sind noch viele nach ehemaligen SED-Politikern benannte Straßen vorhanden. So ziert allein der Name Wilhelm Piecks, der erste und einzige Präsident der DDR, die Schilder von 59 Straßen und Plätzen.

Und der „Rote Platz“? – tief kommunistisch motiviert oder nicht? Wie von Günther Noatsch zu erfahren ist, soll der Platz zu DDR-Zeiten „Platz des Friedens“ geheißen haben. Aufgrund eines roten Schotters, der beim Bau des Platzes verwendet worden war und seitdem das Äußere des Platzes prägte, soll sich im Lübbenauer Volksmund die Bezeichnung „Roter Platz“ herausgebildet haben, sodass der Platz auch seitens der Stadt ganz offiziell gegen Ende der 1990er-Jahre diesen Namen erhalten habe. Heute jedoch erinnert mit der neuerlichen Umgestaltung wiederum nur der alt belassene Name an den früher in roten Farben erstrahlenden zentralen Platz der Neustadt.

 Um den Namen Werner-Seelenbinder-Straße wurde Anfang der 1990er-Jahre heftig gestritten. Die Befürworter haben sich aber durchgesetzt, und so gibt es die Straße noch heute in der Neustadt.
Um den Namen Werner-Seelenbinder-Straße wurde Anfang der 1990er-Jahre heftig gestritten. Die Befürworter haben sich aber durchgesetzt, und so gibt es die Straße noch heute in der Neustadt. FOTO: Philipp Brendel