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| 18:28 Uhr

Stadtentwicklung
Neue Perspektiven für Alten Friedhof

 2000 entstand im Alten Friedhof von Lübbenau ein Skulpturenpark. Elf Bildhauer schufen die Kunstwerke aus Hartstein bei einem Symposium.
2000 entstand im Alten Friedhof von Lübbenau ein Skulpturenpark. Elf Bildhauer schufen die Kunstwerke aus Hartstein bei einem Symposium. FOTO: LR / Daniel Preikschat
Mit dem Kauf des Alten Friedhofs kann die Stadt Lübbenau bedeutende Grabanlagen wieder zugänglich machen. Eine parkähnliche Gedenkstätte mit Erlebnis- und Erholungswert könnte entstehen. Doch braucht es dafür Zeit und Geld. Von Daniel Preikschat

1780 war der St. Rupertus-Friedhof in dem heute bebauten Quartier Töpfer-, Garten- und Karl-Marx-Straße voll belegt. Auf einer vormaligen Ackerfläche entstand nur einen Steinwurf entfernt ein neuer Friedhof. Die Apfelallee, an der entlang ein Graben floss, grenzte ihn nach Osten ab. Immer wieder wurde der Friedhof überflutet, bis der Graben zugeschüttet wurde.

In einem Heftchen des Vereins Freunde der Lübbenaubrücke, das 2008 erschien, steht noch mehr zu lesen über den Alten Friedhof von Lübbenau und seine Geschichte. Man erfährt, wer unter anderem auf der 40 000 Quadratmeter großen Parkfläche im Laufe der Stadtgeschichte beerdigt wurde. Ehrenbürger Paul Fahlisch gehört dazu, der eine Chronik der Stadt geschrieben hat und ein Förderer des Fremdenverkehrs war. Auch die beiden verfolgten jüdischen Bürger Beatrice Ledermann und Max Plessner, die von den Nazis in den Selbstmord getrieben worden sind, haben auf dem Friedhof zwischen Güterbahnhof­straße und Straße des Friedens ihre letzte Ruhestätte gefunden. Auch Gräber von Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg getötet wurden, sind zu entdecken, ein Gedenkstein für Adam Bagge, der im 17. Jahrhundert Bürgermeister war und im Dreißigjährigen Krieg Johann Siegmund Graf zu Lynar gerettet hatte. Hingucker sind die prachtvollen Familien-Grabstätten. Insgesamt wurden auf dem Alten Friedhof mehr als 300 Menschen bestattet.

 Einige Grabstätten sind wahre Hingucker und zeugen von der Kunstfertigkeit der Steinmetze.
Einige Grabstätten sind wahre Hingucker und zeugen von der Kunstfertigkeit der Steinmetze. FOTO: Gloßmann Jan

Anfang der 2000er-Jahre haben Künstler auf dem Alten Friedhof einen Skulpturenpark gefertigt. Moderne Bildhauerarbeiten und traditionelle Grabkunst sollten eine reizvolle Verbindung eingehen. Ein besinnlicher Ort sollte entstehen, der Besuchern zugleich Entdeckungen ermöglicht. Lief doch die Nutzung als reiner Friedhof, das war damals schon klar, 2020 aus. Doch ist der auf diese Weise aufgewertete Ort seit Jahren gar nicht mehr zugänglich. Die Kirche ließ große Teile des Parks sperren wegen Astbruchgefahr in der ungepflegten, zunehmend verwildernden Pflanzenwelt. Man wollte nicht die Verantwortung übernehmen, falls es zu einem Unfall kommt.

Für Martina Molle beispielsweise, Schützenschwester in der Schützengilde zu Lübbenau 1655/1991, gibt der so geschichtsträchtige Friedhof schon längst nur noch ein trauriges Bild ab. Die Erinnerung an verdiente Bürger der Stadt, aber auch an Männer, Frauen und Kinder, die in den Weltkriegen gelitten haben, werde nicht beachtet, nicht gepflegt. Die Schützen selbst haben sich der Grabstelle von Bernhard Wutk angenommen, da sie noch zugänglich ist. Mit 19 Jahren schon starb der Spreewälder im Ersten Weltkrieg an der Front. Feldpostbriefe von Wutk und ein Foto von seiner Grabplatte waren kürzlich in der Rathaus-Ausstellung „100 Jahre Ende Erster Weltkrieg – Lübbenau, Verdun, Cüstrin, Verdun“ zu sehen.

Auch Linke-Stadträtin Antje Pohler, die am Paul-Fahlisch-Gymnasium Geschichte unterrichtet und mit Schülern die Geschichte jüdischer Bürger in Lübbenau erforscht, macht der Zustand des teilweise gesperrten Alten Friedhofs traurig. Nachforschungen dort werden sehr erschwert. Das Grab eines Ehrenbürgers der Stadt, nach dem das hiesige Gymnasium benannt ist, kann nicht besucht werden – das dürfe eigentlich nicht sein.

Nun jedoch tun sich für den Alten Friedhof ganz neue Perspektiven auf. Wie Bürgermeister Helmut Wenzel (parteilos) bestätigt, hat die Stadt den Friedhof von der Kirche nach langwierigen Verhandlungen für 100 000 Euro erworben. Hunderttausende weitere Euro aber werden nötig sein, um den Park in Abstimmung mit dem Natur- und auch Denkmalschutz zu sanieren. Wie Jürgen Othmer vom Projektbüro Lübbenaubrücke ergänzt, müsse ein Planungsbüro beauftragt werden, ein Parkpflegewerk zu erstellen. Darin müsse unter anderem beschrieben werden: Welche Baumsubstanz ist zu erhalten, welche Gräber sollen freigelegt, wie soll das Areal mit Wegen erschlossen werden. Zugleich, so Othmer, ist die Finanzierung nachzuweisen. Im kommenden Jahr könnte die Planung für den Park stehen, erlebbar sein wird er dann jedoch bestimmt noch nicht.

Aus Sicht Othmers lohnt es sich jedoch, Geduld aufzubringen und die nötigen finanziellen Mittel. Der Alte Friedhof mit Skulpturen sei nur ein Teil des Ganzes. Es sei im Zusammenhang zu sehen mit der benachbarten Erbbegräbnisstätte der Lynars und dem russischen Ehrenfriedhof. Drei Friedhöfe mit ihrer jeweils ganz eigenen Geschichte grenzen aneinander und sollen zu einem Erlebnis- und Naherholungsgebiet zusammengefasst werden.

Der Planungs-, aber auch Diskussionsbedarf sei groß, so der Leiter des Projektbüros Lübbenaubrücke. Othmer denkt hier auch an die Initiative des Schützenvereins, das Mahnmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs wieder zu errichten. Seiner persönlichen Meinung nach sollte das 1962 auf dem Kirchplatz abgerissene Denkmal dort nicht erneut wieder errichtet werden. Dies sei nicht zeitgemäß. Sehr wohl könnte aber auf dem Alten Friedhof an die Kriegsopfer insgesamt in einer anderen Weise erinnert werden. Hans Stolze aus der Neustadt würde ein Symbol für Frieden und Freiheit, eventuell komplettiert durch eine Tafel, ebenfalls besser finden, als ein Soldaten-Monument wieder zu errichten. Damit, schreibt er der RUNDSCHAU, würde man nur „einen militaristischen Geist idealisieren“.