Von Uwe Hegewald

Neun Dorfbewohner aus dem beschaulichen Neudöbern und ein Reisequartett aus dem benachbarten Muckwar (beide Gemeinde Luckaitztal) haben sich am Samstag mit dem Dampflokclub Cottbus und dazugehörigem Schienenross auf den Weg nach Görlitz gemacht. Inklusive Besuch des schlesischen Christkindelmarktes und der Landskronbrauerei mit Infostunde.

Hintergrund ist, dass in Neudöbern eine mehr als 100-jährige Tradition endet – die der Brennereiwirtschaft. Zuletzt wurde allerdings nicht mehr im klassischen Sinne gebrannt, sondern „nur“ noch ein Betriebsablauf der Spreewaldbitter-Produktion aufrechterhalten. Es geht um den Kräuterlikör, der auf keinem Spreewaldkahn fehlen darf, den viele Besucher der Lagunenlandschaft als Souvenir mitnehmen und der auch vielen Einheimischen mundet.

„Kommendes Jahr werden die Tanklastzüge ein letztes Mal unsere Gemeinde ansteuern“, informiert Roland Schneider, Bürgermeister der Gemeinde Luckaitztal – früher Gemeinde Schöllnitz. Dieser Name ist noch auf den ursprünglichen Etiketten erwähnt, aber schon bald Geschichte. Wie die Pressestelle der Firma „Schwarze und Schlichte“ mit Stammsitz in Oelde (Münsterland) auf RUNDSCHAU-Nachfrage mitteilt, zieht sich das Unternehmen aus Neudöbern zurück. Damit endet im Ort das Kapitel Spirituosenverarbeitung, das 1897 mit der Gründung der Genossenschaft „Landwirtschaftliche Brennerei“ Neudöbern begonnen hatte.

2010 zog der letzte Besitzer und Betreiber der Brennerei, Hans Erdmann Dinglinger, einen Schlussstrich unter die Produktion von 85-prozentigen Rohalkohol. Die Anlagen wurden komplett zurückgebaut, das in den 1990er-Jahren neu errichtete Objekt veräußert und nur noch die Ansprüche von „Schwarze und Schlichte“ sichergestellt. Das Unternehmen verlegte seinerzeit einen der Produktionsabläufe des Spreewaldbitters nach Neudöbern und damit gezielt in den Wirtschaftsraum Spreewald. Somit war gesichert, dass der Name der Dachmarke Spreewald verwendet werden durfte.

„Wir verlegen die Produktion komplett in unser Werk nach Rinteln (Niedersachsen), sehen uns dadurch jedoch gezwungen, die Etikettierung zu ändern“, räumt Pressesprecherin Baum nun ein. „Es wird dann nur noch Kräuterlikör nach Spreewälder Art produziert. Ansonsten ändert sich nichts“, sagt sie und beteuert: „An der überlieferten Rezeptur aus dem Spreewald halten wir selbstverständlich fest. Auch an den bewährten Flaschengrößen von 0,02 Liter (20er Pack) bis 0,7 Liter.“

Für die Neudöberner ein schwacher Trost. „Mit dem Rückzug aus unserem Dorf verliert der Spreewaldbitter Image und Charakter. Er wird zu einem beliebigen Kräuterlikör degradiert und auf eine Stufe mit anderen, herkömmlichen Sorten gestellt“, kritisiert Matthias Enge. Immer wieder habe er Begegnungen erlebt, bei denen Gesprächspartner zwar nicht seinen Wohnort zuordnen konnten, jedoch ein Satz weiterhalf: „Dort wo der Spreewaldbitter herkommt.“ Lebensgefährtin Margitta Ressel spricht der bekömmlichen Spirituose sogar „aphrodisierende Wirkungen“ zu.

Egal: Die Entscheidung ist gefallen und ein Run auf den Spreewaldbitter mit dem identifizierenden Etikett eröffnet. Mit dem Entschluss zu „Kräuterlikör nach Spreewälder Art“ streckt „Schwarze und Schlichte“ offenbar seine Waffen gegenüber Jägermeister, Schierker Feuerstein, Kümmerling & Co.

Dabei haben Dampflok-Reisende in der Landskronbrauerei Görlitz bei einer „Infostunde mit Mittagstisch“ erfahren, dass es auch anders geht: Treue zu Tradition, kontrolliertes Wachstum, machbare Produktionsmengen sowie regionale Ausrichtung und Verantwortung. „Eine Entscheidung mit Weitsicht“, befanden die Neudöberner und stießen darauf mit einem Spreewaldbitter an.