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| 18:58 Uhr

Kulturgut
Neuauflage der wendischen Bibel

Hartmut Leipner mit der wendischen Bibel in den Versionen aus den Jahren 1868 und 2018.
Hartmut Leipner mit der wendischen Bibel in den Versionen aus den Jahren 1868 und 2018. FOTO: LR / Julian Münz
Cottbus. Eineinhalb Jahrhunderte nach Erstveröffentlichung erscheint die wichtigste christliche Schrift wieder auf Wendisch. Von Julian Münz

Schon am Umschlag ist zu erkennen, dass das Buch, dass dort auf Dr. Hartmut Leipners Wohnzimmertisch liegt, ein wenig in die Jahre gekommen ist. Dunkelbraun und ledrig präsentiert sich der Rahmen, auf der Hinterseite ist ein Kreuz eingraviert. Der pragmatische, aber doch passende Titel des Werkes steht auf dem Buchrücken: Wendische Bibel. Es bleiben die einzigen zwei deutschen Wörter, die man in diesem Buch findet. Es ist eines von wenigen noch verfügbaren Exemplare der heiligen Schrift in wendischer Sprache, die im Jahr 1868 herausgegeben wurde.

150 Jahre später erscheint nun eine Neuauflage der „Dolnoserbska biblija“ – ganz zeitgemäß zunächst einmal im digitalen Format. Veröffentlicht hat sie der Verein zur Förderung der wendischen Sprache in der Kirche. Dessen Vorsitzender Hartmut Leipner weiß natürlich, dass die Voraussetzungen sich für die einst zahlreichen Wenden in der Niederlausitz seitdem stark geändert haben. Hinter ihnen liegt mehr als ein Jahrhundert, in dem ihre Sprache und Kultur systematisch von Politik und Kirche zurückgedrängt wurde. „Viele Leute haben das Wendische in dieser Zeit aufgegeben“, erzählt Leipner. Wo in den 1910er-Jahren noch die Mehrzahl der Lausitzer angab, wendisch zu sein, finden sich heute nur noch vereinzelt ältere Muttersprachler in der Region. Überhaupt wisse nur noch ein kleiner Teil der Leute über seine wendische Herkunft Bescheid, auch wenn viele der Nachnamen klar darauf hinweisen würden.

Die wenigen verbliebenen Wenden arbeiten hart daran, die Sprache und Kultur ihres Volkes zu erhalten. Schon seit den 1990er-Jahren ist der Kirchenverein an der Durchführung von wendischen Gottesdiensten beteiligt. Während andere Kirchengemeinden schrumpfen, bleiben die Besucherzahlen dort konstant. „Auch für nicht kirchlich gebundene Wenden sind diese Veranstaltungen wichtig, da sie Sprachräume bieten“, weiß Dr. Hartmut Leipner. Die Kirche sei auch ein Ort, in dem das Wendische als Kommunikationssprache weiterleben kann. Die Neuauflage der Bibel ist dabei ein weiterer Schritt der wendischen Wiederaufstehung in der Kirche. Elf Mitglieder, davon acht Ehrenamtliche des Kirchenvereins sowie drei Mitarbeiter des sorbischen Instituts, die das Projekt wissenschaftlich unterstützten, arbeiteten mehrere Jahre daran, die digitale Neuauflage pünktlich zum 150. Jubiläum fertigzustellen. Unter anderem nahm der wendische Bibeltext dabei sogar einen Umweg nach China auf sich, wo Spezialisten das in Fraktur verfasste Werk in moderne Schrift übertrugen. Im Anschluss stand eine mehrjährige Korrekturphase an, in der die Mitglieder des Kirchenvereins die heilige wendische Schrift auch in Sachen Rechtschreibung auf den neuesten Stand brachten.

Seit September ist die Bibel fertiggestellt und sowohl auf CD als auch online einsehbar. Im nächsten Jahr soll das Gesamtwerk  dann auch in der klassischen Buchform erscheinen. Und Hartmut Leipner denkt bereits an das nächste biblische Großprojekt des wendischen Kirchenvereins: „Ich träume davon, eine sprachlich und theologisch aktualisierte Fassung der Bibel herauszubringen“, so der Vereinsvorsitzende. Gut möglich also, dass die nächste Bibelfassung in wendischer Sprache keine 150 Jahre auf sich warten lässt.

www.dolnoserbski.de