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Namen sind doch mehr als Schall und Rauch

Der Leitfaden zu dem interessanten Abendvortrag in Calau liegt in dem gleichnamigen Buch, dass Dr. Gero Lietz bereits im Jahr 2005 in Leipzig veröffentlicht hat.
Der Leitfaden zu dem interessanten Abendvortrag in Calau liegt in dem gleichnamigen Buch, dass Dr. Gero Lietz bereits im Jahr 2005 in Leipzig veröffentlicht hat. FOTO: Stephan Uhlig/stu1
Calau. Namen sind doch mehr als Schall und Rauch. Besonders Ortsnamen. Das erfuhren die Besucher im Haus der Heimatgeschichte in Calau, als Dr. Gero Lietz, Sprachwissenschaftler aus Frankfurt/Oder über die "Umbenennung der Ortsnamen zur NS Zeit und ihr Schicksal in der SBZ/DDR, bis heute" referierte. Stephan Uhlig / stu1

Es war eine kleine nette Runde von Neugierigen, die sich für diese Thematik interessierten. "Namen und besonders Ortsbezeichnungen sind ein Stück Identität und können auch ein Hinweis auf den Ursprung eines Ortes geben.", erklärte Dr. Gero Lietz, der auch viele Jahre in Poznan lebte

Ideologisch moviert

Desto absurder sei die ideologisch motivierte Umbenennungen von Ortschaften während der NS-Zeit gewesen, die eindeutig das Ziel hatten, den meist sorbischen Namen auszulöschen. Ausgangspunkt für seine langjährigen Untersuchungen war für den Sprachwissenschaftler und Buchautor der Fundus zu diesem Thema im Warte-Gau gewesen, das er während seiner Zeit in Poznan untersucht hat. Dort wurden rund 15 000 polnischen Namen getilgt und durch deutsche Ortnamen ersetzt. Die gleiche Praktik wurde aber auch im heutigen Brandenburg und Sachsen bzw. Schlesien angewendet. "54 Orte wurden im heutigen Brandenburg umbenannt, in Sachsen sogar 79 Ortschaften, die teilweise mit sehr beliebigen neuen Namen versehen wurden", erklärt der Forscher. Manchmal "verschwand" der sorbische Ursprung durch Änderung der Schreibwiese.

Aus dem sorbischen Syckadel wurde nun Siegadel. Manchmal wurde aber einfach nur Namensteile getilgt, wie bei Wendisch Drehna. Es hieß dann plötzlich Walddrehna. Viel schlimmer waren nach Ansicht des Experten aber die "Neuschöpfungen", da sie einen völligen Bruch mit der historischen Identität bedeuteten. Aus Byhlen wurde plötzlich Waldseedorf, Byhleguhre hieß nun Geroburg, Goyatz wurde in Schlieloch umbenannt und Trebatsch hieß auf einmal Leichhardt. Ähnlich erging es dem Dorf Weisagk, das fortan Märkischheide (seit 1959 Stadtteil von Vetschau) geschrieben wurde.

Alte Poststempel gezeigt

Der bekannte Historiker Hans Kober aus Calau, Spezialist für Post- und Energiegeschichte, brachte passend zum Thema auch einige Originalbeläge mit Veränderungen der Poststempel aus genau jener Zeit mit. Oft waren es sehr eifrige Landräte oder Oberpräsidenten der Provinzen, die diese Umbenennung voran trieben. Aber es gab auch "Bremser" dieser Kampagne, da man gar nicht hinter her kam, das militärische Kartenmaterial zu aktualisieren.

So schockierend die Willkür dieser Umbenennungen vieler Orte im Jahr 1937, so ernüchternd scheint aber auch der Umgang nach dem Zweiten Weltkrieg mit diesem "ideologischen Erbe". In Sachsen erhielten mehr als 80 Prozent der Orte ihre alten sorbischen Namen zurück. In Brandenburg nur 26 Prozent. "Es ist schon merkwürdig, wie die Akteure der antifaschistisch demokratischen Umwälzung mit diesem Thema umgingen, denn die vom Nationalsozialismus geprägten Ortsnamen blieben größtenteils auf der Landkarte bestehen", sagte der Autor. Zwar gab es seit 1947 in Brandenburg ein Gesetz, das die Um- beziehungsweise Rückbenennungen der Ortsnamen regelte, aber es war mehr Alibi als gewollt. Mitunter schufen die Gemeindevertreter selbst Tatsachen, wie ein Gemeinderatsbeschluss vom April 1946 aus Byhleguhre zeigt. Dort wurde aus Geroburg wieder Byhleguhre. Der zuständige Lübbener Landrat lehnte dies ab, wie ein Schreiben nach Potsdam belegte.

Orte änderten die Struktur

Aber auch ohne Genehmigung - übrigens bis heute - tauchte plötzlich Byhleguhre wieder im Gemeinderegister auf. "Einige Orte nutzten die Chance in der Nachkriegszeit. Andere Orte veränderten aber auch ihre Struktur, die einstigen sorbischen Einwohner wurden plötzlich durch viele Flüchtlinge zur Minderheit. Damit schwanden die Chancen auf den alten Namen, zumal die neuen Bewohner ja kein Bezug zum ursprünglichen Ortsnamen hatten.", erklärte Dr. Gero Lietz. Somit blieb Fleißdorf (statt Dlugi) und Märkischheide (statt Weisagk) bestehen. "Das ist interessant, welche Hintergründe zu den neuen Ortsnamen führten", sagte Ute Rex aus Größräschen, die sich für Freienhufen (/Dobristroh) und Annehütte (Särchen) interessierte.

Sachsen deutlich aktiver

In Sachsen und den aus Schlesien an Sachsen zugeschlagenen Gebieten war es bisschen anders. Einmal war die sächsische Verwaltung wesentlich aktiver, anderseits wollte man mit den Rückbenennungen für Ruhe in der sorbischen Bevölkerung sorgen. Schließlich beanspruchten die Sorben nach dem Krieg ein eigenes Gebiet, schrieben sogar einen Bittbrief an Stalin, in dem sie ihr Anschlussbegehren an die Tschechoslowakei darlegten. In Brandenburg wollte man hingegen derartige Tendenzen unbedingt unterbinden. Aber auch in der DDR wurden Umbenennungen vorgenommen, besonders, wenn es monarchische Hingründe gab. Bei Fürstlich Drehna wurde 1950 das "Fürstlich" einfach gestrichen und erst 1991 bekam Drehna sein "Fürstlich" zurück.