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Musikalisches Völkchen zwischen zwei Seen

Im Alltag von Marita Schultz ist keine Zeit für Langeweile. Als dreifache Mutter und siebenfache Großmutter, Vorsitzende des Kittlitzer Chormix 71 und geforderte Hobbygärtnerin gibt es für die rastlose Ruheständlerin immer etwas zu tun.
Im Alltag von Marita Schultz ist keine Zeit für Langeweile. Als dreifache Mutter und siebenfache Großmutter, Vorsitzende des Kittlitzer Chormix 71 und geforderte Hobbygärtnerin gibt es für die rastlose Ruheständlerin immer etwas zu tun. FOTO: Uwe Hegewald
Schönfeld. Der Landkreis Oberspreewald-Lausitz umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner, die in neun Städten, 32 Gemeinden und deren Ortsteilen leben. Doch wer sind die Nachbarn? Die Station heute: Schönfeld (Stadt Lübbenau). Uwe Hegewald

Es ist ebenso einmalig wie mitreißend, was sich jedes Jahr am 1. Mai im beschaulichen Schönfeld zuträgt. Pünktlich um 8 Uhr öffnen Dorfbewohner ihre Fenster und Türen oder treten ins Freie, um stimmungsvollen Trompetenklängen zu lauschen. Mit dem Klassiker "Der Mai ist gekommen" kündigt Wolfgang Raschke den Wonnemonat an. Dass der Trompeter einer Musikerfamilie entstammt, gilt im Dorf als allgemein bekannt. Nur wenige Schritte entfernt wohnt Schwester Marita Schultz, die für ihre drei Kinder und sieben Enkel gelegentlich auf dem Akkordeon spielt und aktiv im Kittlitzer Chormix mitsingt. "Das Singen bereitet uns große Freude. Jährlich kommen wir auf bis 16 Auftritte, in diesem Jahr könnten es noch ein paar Konzerte mehr werden", erzählt sie. 2009 ist Marita Schultz zur Vereinsvorsitzenden des 25-köpfigen Klangkörpers gewählt worden. "Insgesamt sind es fünf Frauen aus Schönfeld, die im Kittlitzer Chormix mitsingen. Das Auto, mit dem wir zu Proben oder Auftritten fahren, ist also immer voll besetzt." Erwähnenswert: Weit vor dem Heimatdorf wird die Fahrgeschwindigkeit aufgrund von Wildwechsel erheblich gedrosselt. Die Hintergründe, dass Reh, Fuchs, Wildschwein & Co. die Fahrbahn kreuzen liegen am Sperrgebiet rund um den Schönfelder See, das den Tieren als willkommener Rückzugsraum dient.

Dass sich die Flora und Fauna auf dem Areal des ehemaligen Tagebaus Seese ungehindert ausbreitet und das Betreten verboten ist, wird von Schönfeldern gemischten Gefühlen verfolgt. "Wir haben einen See vor der Haustür, dürfen diesen aber nicht nutzen", begründet Marita Schultz. Gerne erinnert sie sich an die Gegebenheiten vor 20 Jahren zurück: "Von dem nur 150 Meter entfernten, langgezogenen weißen Strand ist aufgrund des massiven Schilfbewuchses nichts mehr zu sehen. Damals fühlten wir uns wie im Urlaub an der Ostsee", blickt sie an die Zeit vor der Nachterstedt-Tragödie zurück, die die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft zum generellen Handeln zwang.

Überhaupt lag Mitte der 1990er-Jahre Musik in der Schönfelder Luft. Eigenheime schossen aus dem Boden, die bedeutende Autobahnbrücke ins benachbarte Lichtenau wurde saniert und Marita Schultz zog mit Ehemann Lothar und ihren drei Kindern aus der Kernstadt Lübbenau ins neue Domizil nach Schönfeld. Das Integrieren verlief problemlos. Die singende Botschafterin macht das an dem ausgewogenen, aber nicht überzogenen Miteinander fest: "Es sind oft spontane Aktionen, die für Überraschung sorgen. Wir hatten schon eine Schönfelder Kneipennacht in zwei offenen Scheunen und zwei Garagen, haben schon bei Privatpersonen Silvester gefeiert oder begegnen uns zum romantischen Adventsabend irgendwo unter einem Carport", erzählt sie.

Am kommenden Wochenende ist es die Familie Schmidt, die zu einem Herbstausflug auf Pferden oder im Kremser bittet. Für die Nachkommen des ehemaligen Kittlitzer Gasthauses ist es ein Beitrag, den Zusammenhalt des Lübbenauer Ortsteiles Kittlitz mit den Gemeindeteilen Schönfeld, Lichtenau und Eisdorf zu fördern. Warum Dorfbewohner spontane Initiativen anschieben, ist auch darin begründet, dass sich daraus keine Verpflichtungen zur dauerhaften Fortführung von Veranstaltungen ergeben. Gesetzt sind indes die traditionellen Veranstaltungen wie Oster- oder Maifeuer, jährliche Vereinsausflüge und das Zampern, bei dem die kostümierten Winteraustreiber per Busshuttle über die Dörfer kutschiert werden. Personelle Unterstützung bei Veranstaltungen erfolgt durch den 30-köpfigen Verein "Schönfeld-Nord" um ihren Vorsitzenden Ronny Nock.

Es läuft also im Dorf mit dem häufigen Ortsnamen Schönfeld, der allein in Deutschland 28 Mal vorkommt und in dem zweimal wöchentlich das Bäckerauto hält? Verbesserungswünsche werden wie folgt formuliert: Ausbau des Internet- und Handynetzes, Sanierung des Weges zum Friedhof und mehr Verständnis für dörfliche Belange seitens der Kernstadt Lübbenau. "Von vielen Anwohnern würden kommunale Flächen vor ihren Grundstücken gepflegt, ohne dafür einen Ausgleich, wie etwa einen Tankgutschein zu erhalten", berichtet Marita Schultz. Am Kriegerdenkmal würden Pflegearbeiten mitunter privat vorgenommen, um die Gedenkstätte in Ordnung zu halten. "Unsere Mutter kannte noch Namen von Gefallenen, mit denen sie gemeinsam zur Schule gegangen war", erzählt sie und lenkt auf weiteres einmaliges wie mitreißendes Ereignis im Dorf. Am Volkstrauertag schnappt sich Bruder Wolfgang Raschke die Trompete, schreitet zum Kriegerdenkmal auf dem Dorfanger und erinnert dort mit zwei Musikstücken an jene Männer, die aus den zwei Weltkriegen nicht zurückgekehrt sind.

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Zum Thema:
In Schönfeld leben aktuell 63 Personen. Der ursprüngliche Ort musste 1975 dem Tagebau Seese-West weichen und mit ihm 120 Einwohner. Die urkundliche Ersterwähnung erfolgte im Jahr 1346, aufgrund von Scherbenfunden aus der Jungsteinzeit ist jedoch eine frühere Besiedlung nachgewiesen. Heute sind das Dorf und die vorbeiführende Autobahn 13 vom Schönfelder und dem Lichtenauer See umklammert. Ortsvorsteher ist Volkmar Schloßhauer. Er bekleidet das Amt seit April 2015.