| 02:49 Uhr

Mit Nadel und Faden nach Burda-Vorlagen

Sehr gern die RUNDSCHAU: Luise Wehlan aus Lübbenau liest viel.
Sehr gern die RUNDSCHAU: Luise Wehlan aus Lübbenau liest viel. FOTO: Peter Becker/peb1
Lübbenau. Wenn Luise Wehlan auf dem Balkon ihrer Lübbenauer Wohnung sitzt, hat sie die Jugend vor Augen – die auf dem Schulhof des benachbarten Gymnasiums und manchmal ihre eigene, wenn die Gedanken zurückgehen. Am gestrigen Montag hat die rüstige Seniorin ihren 90. Geburtstag gefeiert. Peter Becker / peb1

Am 17. März 1924 in Lübbenau-Stennewitz geboren, machte sie in Lübben in der Schneiderei Klinkmüller eine Lehre. Sie weiß es noch wie heute: "Eine Monatsfahrkarte von Lübbenau nach Lübben kostete 1,80 Reichsmark, dafür bekamen wir aber auch nur 4 Reichsmark Lehrlingsgeld im Monat." Gleich nach ihrer Ausbildung musste Luise Hanisch, wie sie damals noch hieß, zum Reichsarbeitsdienst.

In Sorau erlebte sie die Angriffe der britischen Bomber auf die Focke-Wulf-Flugzeugwerke. "Ich war grad aus dem Osterurlaub zurück und musste gleich nach der Ankunft mit den anderen um mein Leben laufen. Wie durch ein Wunder blieben wir alle unverletzt", erinnert sie sich an diesen Frühlingstag 1944. Ein Jahr später war sie in Lübbenau als Zugabfertigerin eingesetzt. Ihre Aufgabe war es, Flüchtlingszüge zu kontrollieren - Tote und manches Elend hat sie dabei gesehen. Der kalte Winter 1945 forderte viele Opfer in den zugigen Güterwagen.

Nach dem Krieg baute sie sich eine Damenschneiderei auf. Für den Meisterbrief, den sie 1953 erhielt, musste sie ein dreiviertel Jahr jedes Wochenende nach Potsdam zur Schule fahren. Schon zuvor hatte Luise 1951 den Stottoffer Walter Wehlan geheiratet. Die Damenschneiderei ging bestens, da in Zeiten der Mangelwirtschaft nicht genügend und vor allen Dingen nicht dem aktuellen Trend entsprechende Kleidung zu bekommen war. Um an westliche Schnittmuster und Vorlagen heranzukommen, hatte sich Luise Wehlan mit ihrer Westberliner Verwandtschaft einen perfekten Plan ausgedacht: Sie trafen sich "ganz zufällig" auf einem Transitparkplatz und hatten "ganz zufällig" die gleichen Taschen, die sie auf der Damentoilette "verwechselten".

Luise Wehlan fuhr dann mit den neuesten Burda-Zeitschriften nach Lübbenau zurück, ihre Verwandte mit Kuchen, Spreewaldgurken und anderen Geschenken nach Westberlin. Doch einmal bekam die ostdeutsche Staatlichkeit Wind von diesen Treffen, eine Taschenkontrolle und peinliche Befragungen waren die Folge - letztlich das Ende der Transferaktionen.

Mit der politischen Wende kam auch das Aus für die Damenschneiderei, die Nachfrage ging deutlich zurück. Mit ihren inzwischen 66 Jahren sah sie ohnehin die Zeit gekommen, Nadel und Schere wegzulegen. Eine Weile noch betreute sie den Schneiderzirkel, den sie insgesamt 30 Jahre leitete.

Die rüstige Rentnerin war noch bis vor Kurzem mit dem Fahrrad unterwegs. Abends umrundete sie damit Lübbenau, manchmal sogar zu Fuß. "Wer rastet, der rostet" ist nicht nur ihre Maxime, sondern auch ihre Lebensaufgabe.

Das Auto hat Luise Wehlan schon vor zwei Jahren verkauft, die Fahrerlaubnis behält sie sich zur Erinnerung. Nun hat sie kurz vor ihrem 90. Geburtstag auch ihr Fahrrad für immer abgegeben, Es stand die ganze Zeit im Abstellraum. "Ich könnte zwar noch fahren, aber ich weiß nicht, ob ich dann noch schnell genug absteigen kann, wenn die Ampel rot wird!"

Von der Hüft-OP, von der sie erzählt, ist nicht viel zu merken: Sie eilt die Treppe hoch in ihren vierten Stock, lädt ihre Fahrrad abholende Nichte zu einem Kaffee ein und macht es sich auf dem Balkon gemütlich. Sie wohnt seit 1958 hier und ist eine der letzten Erstbezieherinnen in ihrem Aufgang.

Nebenan, im Gymnasium, ist grad Unterricht, niemand stört sie beim Zeitunglesen.