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| 15:15 Uhr

Wirtschaft und Verkehr
Fast 100 Brummis in einer Stunde

 Bernd Winter (l.) und Bodo Kaltschmidt aus Saßleben sind verzweifelt. Hunderte Lkw donnern nun täglich durch den kleinen Ortsteil von Calau, da sie die Mautgebühren auf der Autobahn und die Sperrung der B 169 umgehen. Auch Orte wie Bronkow sind betroffen.
Bernd Winter (l.) und Bodo Kaltschmidt aus Saßleben sind verzweifelt. Hunderte Lkw donnern nun täglich durch den kleinen Ortsteil von Calau, da sie die Mautgebühren auf der Autobahn und die Sperrung der B 169 umgehen. Auch Orte wie Bronkow sind betroffen. FOTO: Hofmann Rüdiger
Saßleben/Bronkow. Durch die Sperrung der B 169 und Mautgebühren auf der Autobahn suchen sich Lkw-Fahrer Ausweichstrecken - wie die L 54 zwischen Calau und Vetschau. Die Bewohner schlagen Alarm. Von Rüdiger Hofmann

100 Lkw in einer Stunde hat Bodo Kaltschmidt in Spitzenzeiten schon registriert. „An diesem Morgen habe ich zwischen acht und neun Uhr 69 Schwerlasttransporter gezählt“, sagt er. Kaltschmidt wohnt in Saßleben direkt an der L 54, betreibt dort ein Bowlingcenter. Täglich nimmt er die für ihn unsäglichen Erschütterungen zur Kenntnis. Er ist mit seinem Problem nicht allein.

„Seit Anfang April sind Lkw-Frequenz und damit der Lärmpegel sprunghaft gestiegen“, sagt Bernd Winter, der drei Häuser weiter wohnt. Beide sprechen von einem Anstieg des Lkw-Aufkommens um das Vierfache. Der Grund liegt auf der Hand: Die B 169 ist für den Lkw-Durchgangsverkehr zwischen Cottbus und Schwarzheide seit dem 18. März gesperrt. Konkret handelt es sich um ein Durchfahrtsverbot für Lastzüge im Transitverkehr, ausgenommen ist der Ziel- und Quellverkehr. Die Schwerlasttransporte sollen stattdessen über die Autobahnen 15 und 13 geleitet werden. Das wiederum verursacht Mautgebühren. Die Brummifahrer suchen daher nach Ausweichstraßen und Abkürzungen. Eine davon haben sie auf der L 54 zwischen Vetschau und Calau gefunden.

„Ein gewisser Verteilerverkehr war zwar immer schon hier, aber inzwischen ist es immer schlimmer geworden“, sagt Bodo Kaltschmidt. Vor allem in den Morgen- und Abendstunden und zu Wochenende oder Wochenbeginn sei die Ruhestörung im Ort kaum noch zu ertragen. „Man fällt frühmorgens durch die Erschütterungen förmlich aus dem Bett“, so der Anwohner.

Mit seinen Sorgen hat sich Bodo Kaltschmidt schriftlich am 17. Mai an das Amt für Straßenverkehr und Ordnung in Calau gewandt. Bis heute wartet er auf eine Antwort. Im Schreiben enthalten ist auch der Hinweis, dass es kaum noch möglich sei, die Straße im Ort sicher zu überqueren. Ein im Ort geltendes 30-er Schild werde laut der Anwohner oft ignoriert.

Auch Kerstin Lehmann ist eine der Betroffenen. Sie wohnt in Bronkow und bestätigt: „Seit der Sperrung der B 169 für den Lkw-Verkehr wird die Querverbindung von der A 13 in Bronkow zur A 15 nach Vetschau massiv genutzt.“ Sie selbst hat auf eine der nur zehnminütigen Fahrten zwischen Bronkow und Calau acht Lkw gezählt. Diese würden zudem den sonstigen flüssigen Verkehr durch ihre maximal erlaubte Geschwindigkeit von 60 Kilometern pro Stunde stark einschränken, schreibt sie in einer Mail. Waghalsige Überholmanöver seien die Folge. „Wir verzeichnen vor allem eine entsprechende Lärm- und Abgasbelästigung“, so die Bronkowerin.

Auf die Problematik hingewiesen hat Kerstin Lehmann den Fraktionsvorsitzenden von Bündnis 90 / Die Grünen in der Vetschauer Stadtverordnetenversammlung, Winfried Böhmer. Böhmer hat daraufhin den OSL-Landrat Siegurd Heinze (parteilos) in einer Mail, die der RUNDSCHAU vorliegt, um Verkehrszählungen auf der Achse von Vetschau nach Bronkow gebeten, „um die Verlagerung des Verkehrs zu erfassen und gegebenenfalls auch hier den Durchgangsverkehr zu versagen.“

Heinze führt in seinem Antwortschreiben von Ende Mai den gestiegenen Lkw-Verkehr auf der L 54 „zu einem großen Teil auf die Autobahnbaustelle A 15 im Bereich Boblitz zurück.“ Es würden keine Anhaltspunkte vorliegen, dass die Landesstraßen L 54 und L 55 „funktionswidrig genutzt würden“. Verkehrseinschränkungen für Lkw kämen erst dann in Betracht, wenn das durchschnittliche tägliche Verkehrsaufkommen über einen längeren Zeitraum von mehreren Monaten „signifikant ansteigt“.

Durch sektorale Lkw-Fahrverbote bestünde laut Heinze die Gefahr, dass sich der Verkehr auf andere Straßen verlagere und dort zu erhöhten Emissionen führe. „Das gesamte Straßennetz abseits der Autobahnen für den Lkw-Verkehr zu sperren, ist verkehrsrechtlich nicht möglich und würde zu großem Unverständnis bei Bevölkerung und Wirtschaft führen“, so der Landrat in seinem Antwortschreiben. „Es darf nicht verkannt werden, dass der größte Anteil des Lkw-Verkehrs auf dem Straßennetz abseits der Autobahnen durch die einheimische Wirtschaft selbst generiert wird.“

Zurück nach Saßleben, wo Bodo Kaltschmidt den nächsten 30-Tonner mit den Augen verfolgt. „Wir ziehen in Erwägung, nun eine Bürgerinitiative zu gründen“, sagt Kaltschmidt. „Denn unsere Lebensqualität ist weit unter dem Null-Punkt angekommen.“ Bernd Winter nickt.