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| 01:19 Uhr

Lübbener gehen jüdischen Spuren nach

Ein Bild aus besseren Tagen, zumindest für Johanna Wolff. Die Lübbenerin ist die Dame hinter der Braut auf diesem Hochzeitsfoto vom 4. Juli 1906, das in Lübben aufgenommen wurde. Ihr Mann, Wilhelm Wolff, steht mit seinem ausgeprägtem Schnauzbart schräg rechts über ihr. Er starb 31 Jahre, nachdem dieses Foto aufgenommen wurde. Johanna, seine zweite Frau, wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie nur 14 Tage überlebte. Rahel Doron, die Enkelin von Wilhelm Wolff, hat den Lübbenern, die sich auf die Spuren jüdischen Lebens in der Spreewaldstadt begeben haben, das Foto zur Verfügung gestellt – mit einer Bitte. Denn sie hofft, dass über die Veröffentlichung des Fotos mehr über die weiteren Personen darauf bekannt wird.
Ein Bild aus besseren Tagen, zumindest für Johanna Wolff. Die Lübbenerin ist die Dame hinter der Braut auf diesem Hochzeitsfoto vom 4. Juli 1906, das in Lübben aufgenommen wurde. Ihr Mann, Wilhelm Wolff, steht mit seinem ausgeprägtem Schnauzbart schräg rechts über ihr. Er starb 31 Jahre, nachdem dieses Foto aufgenommen wurde. Johanna, seine zweite Frau, wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie nur 14 Tage überlebte. Rahel Doron, die Enkelin von Wilhelm Wolff, hat den Lübbenern, die sich auf die Spuren jüdischen Lebens in der Spreewaldstadt begeben haben, das Foto zur Verfügung gestellt – mit einer Bitte. Denn sie hofft, dass über die Veröffentlichung des Fotos mehr über die weiteren Personen darauf bekannt wird. FOTO: pr
Zum zweiten Mal werden in Lübben am Mittwoch, dem 10. September, Stolpersteine verlegt. Sie sollen an jüdische Einwohner erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus in Konzentrationslager verschleppt wurden, wo sie umkamen. Von Ingvil Schirling

„Es zieht einen schon in seinen Bann, wenn man zuerst nur einen Namen hat und dann mehr und mehr über die Person erfährt“ , sagt Marian Jobke. Der 21-Jährige ist einer von mehreren Schülern der Spreewald-Schule, die den Spuren jüdischen Lebens in Lübben gemeinsam mit dem Forum gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit nachgingen.
Die Initialzündung dazu kam von Politische-Bildung-Lehrer André Liebelt. Er hatte den Beitrag von Dr. Carola Gerlach gelesen, der in einem Band über jüdisches Leben in der Niederlausitz erschienen war, herausgegeben vom Kreismuseum Finsterwalde. Ausgehend vom Boykottaufruf 1933 führte sie Namen jüdischer Familien in Lübben auf.
Dieser Text packte auch Ilka Gelhaar-Heider vom Lübbener Forum. Im Austausch mit André Liebelt entstand die Idee, die Spuren der verfolgten Familien weiter zu erforschen. Liebelt fragte unter den Spreewald-Schülern nach, wer Interesse hätte, und eine kleine Gruppe fand sich. Die meisten von ihnen sind inzwischen durch Studium und Ausbildung in alle Winde verweht. Auch Marian Jobke wird bald sein Studium der Politik und Geschichte beginnen. Eine zweite Generation von recherchewilligen Schülern ist am Start.

Reise in die Vergangenheit
Auch für sie wird es eine Reise in die Vergangenheit werden, die sehr viel mit der Zukunft zu tun hat. Denn Forum und Spreewald-Schule waren nicht damit zufrieden, nur die Schicksale der damals Betroffenen zu skizzieren. Sie suchten den Kontakt zu den Nachfahren, und das führte sie zum Einen zum Titel ihres Projekts ( „Lübben - jüdisches Leben gestern und heute“ ), zum Anderen in ferne Länder.
Mit dem Schüleraustausch-Programm „Building Bridges“ (deutsch: Brücken bauen) reisten sie nach Israel und trafen dort die Enkeltochter von Wilhelm Wolff, für dessen Frau Johanna kommende Woche ein Stolperstein verlegt wird. Denn die zweite Frau des Kaufmanns und Synagogenvorstehers war damals nicht zu bewegen, das Land zu verlassen. Ihr Mann starb 1937, sie selbst wurde aus dem Berliner Logenheim am 17. August 1942 nach Theresienstadt deportiert und starb dort am 31. August desselben Jahres. Die Tochter der beiden emigrierte mit ihrer Familie nach Israel.
Mit Rahel Doron trafen die Lübbener eine der Enkeltöchter von Johanna und Wilhelm Wolff. Deren Mann bewegte die Gäste mit seiner Geschichte, wie er in Hamburg-Altona aus seiner Schulklasse heraus nach Polen deportiert wurde. Er gehört zu den Jugendlichen, die die Organisation Kinder- und Jugend-Alijah retten und ins Ausland bringen konnte, vor allem nach Palästina, wo er 1939 ankam.
Rahel Doron stellte den Lübbenern ein Foto zur Verfügung, auf dem ihre Großeltern zu sehen sind, verbunden mit einer Bitte. Denn wer die übrigen Menschen auf dem Hochzeitsbild sind, das vielleicht vor dem Lübbener Ständehaus aufgenommen wurde, ist über die Jahrzehnte verloren gegangen. Nicht einmal Braut und Bräutigam sind mehr zu identifizieren. Möglicherweise erinnert sich jemand in Lübben an das Foto oder Ereignis aus Erzählungen von früher, hoffen Rahel Doron und das Lübbener Forum.

Viele weitere Namen gefunden
In Israel besuchten die Gäste aus Deutschland auch die Gedenkstätte Yad Vashem. Um die Schicksale der Lübbener Juden zu recherchieren, war schon in Deutschland an alle möglichen Gedenkstätten geschrieben sowie in Archiven nachgelesen worden. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: 50 bis 60 weitere Namen von jüdischen Familien in der Spreewaldstadt sind bekannt, und die nächste Verlegung von Stolpersteinen scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. „Nächstes Jahr sollen weitere Steine gesetzt werden“ , so Ilka Gelhaar-Heider. Ein Ehepaar stehe schon fest, vor deren ehemaligem Haus künftig so mancher Passant an diesen schrecklichen Teil der deutschen Geschichte erinnert werden wird.
Für die Stolpersteine, so Ilka Gelhaar-Heider weiter, können Patenschaften übernommen werden, um die Finanzierung zu sichern.
Zum Setzen der Stolpersteine vor den Häusern der damaligen Einwohner laden die Stadtverwaltung und das Forum gemeinsam mit der Bürgerinitiative „Tolerantes Lübben“ ein. Versenken wird die Steine, die jeweils mit einer Messingplatte und den Namen der Opfer versehen sein werden, der Künstler Gunter Demnig, der die Aktion ins Leben gerufen hat.

Zum Thema Termine und Zeiten
Die fünf Stolpersteine werden am 10. September, ab 11 Uhr an verschiedenen Orten in Lübben verlegt. Beginn ist an der Hauptstraße 16, wo Johanna Wolff wohnte. 20 bis 30 Minuten später wird am Schutzgraben 11, dem ehemaligen Haus von Minna und Julius Burchardi, der nächste Stein gesetzt. Anschließend geht es zur Logenstraße 12, dem Haus des Kaufmanns Albert Bock, und schließlich zur Brunnenstraße 8, wo die Lehrerin Sophie-Charlotte Astrich wohnte.
Ob diese Personen ebenfalls auf dem Hochzeitsfoto zu sehen sind, ist unbekannt. Wer Hinweise dazu hat, etwa das gleiche Foto im Album oder passende Erzählungen seiner Großeltern kennt, möge sich an Ilka Gelhaar-Heider vom Lübbener Forum wenden oder an die RUNDSCHAU-Redaktion in Lübben. Wer eine Patenschaft für einen der künftigen Stolpersteine übernehmen möchte, kann sich ebenfalls an das Lübbener Forum wenden, Tel. 0172/3729632.